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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-07-02 · N° 27. (2.7.1885) · p. Seite 106

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 27. (2.7.1885)
Date
1885-07-02
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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— 106 — — verschiedene ehr. Parvenüs, um von uns einen noch grösseren materiellen Vortheil zu erzielen, ein in Gegenwart jener Zeugen gegebenes ״Ehrenwort“ brachen und dabei mit schlauer Miene bemerkten: ״Freilich, hätten wir einen schriftlichen Vertrag geschlossen, so würde sich juridisch nichts dagegen machen lassen.“ Würde der Verf. die betreffenden Einzelheiten näher kennen, er fände es wohl entschuldbar, dass wir damals erregt ausriefen: 0״, deutsche Treue, deutsches Wort, 0 praktisch Christenthum!“ Bald jedoch bereuten wir diesen Ausruf, bald sagten wir uns : Solches Lumpenthum ist weder deutsch, noch christlich, noch jüdisch; solches Lumpenthum ist eben international und interconfessionell! Oder hat etwa doch, wie der Verf. glauben machen möchte, an solchem Luxupenthum gewisser Scheinjuden die jüdische Religion schuld und soll deshalb, wie er wünsoht, dieselbe aufgegeben werden? Da befindet er sich denn doch in einem schweren Irrthum. Wie das Judenthum die irdischen Güter als Mittel zu menschenwürdigen Zwecken nicht unterschätzt, überschätzt es sie andererseits keineswegs. So warnt der Pentateuch nachdrücklichst davor, den Reichthum einen Feind der religiös-sittlichen Wohlfahrt werden zu lassen 1V. 8, 11 —14; 3?, 15). Neben dem Mosaismus tritt der Prophetismus gegen jede verderbliche Besitzvergrösserung auf. So ruft Jesaja Wehe aus über diejenigen, welche Haus an Haus rücken, Feld an Feld reihen, als ob sie allein zu wohnen hätten (5, 8); nicht minder Jirmeja über denjenigen, der sein Haus baut mit Unrecht und seine Säle mit Ungebühr (22, 13—14). Und die Hagiographen? Salomo sagt, dass unrecht Gut nicht gedeihe, Gerechtigkeit aber vom (moralischen) Tode rette (Spr. 10,2). Derselbe Salomo schildert Spr. 23, 29—35 die Völlerei und ihre Folgen mit einer wahrhaft plastischen Grossartigkeit und Würde. Der weise Spruchdichter erbittet sich (30,8) weder Reichthum, noch Armuth, sondern nur sein bescheiden Brod. David — dessen unsterbliche Lieder auch in ״christlichgermanischen“ Bethäusern die Antisemitenschaar zu ihrem geheimen Kummer, zu ihrem tiefen Leidwesen noch immer singen hören muss — bezeichnet den als Frevler, der borgt und nicht bezahlt (Ps. 37,21). Sollen wir alle biblischen Vorbilder echter Bescheidenheit, Demuth und Einfachheit nennen oder gar alle biblischen Lehren über diese Tugenden? Es würde zu weit führen, und ferner — kennt beide zum grossen Theil selbst jedes, in der Religion unterrichtete Schulkind, und so erinnern wir hier nur noch an die talmudischen Sittenlehren, das Gut seines Nebenmenschen ebenso werth zu halten, wie sein eigenes; den reich zu nennen, der mit seinem Theil zufrieden ist; gar sehr bescheiden und demüthig zu sein, weil, was des Menschen in leiblicher Beziehung (enosch) warte, der Wurm sei. Der Verf. dürfte es schon nach dieser flüchtigen biblisch-talmudischen Skizze begreiflich finden, wenn uns das Juden thum auch in beregter Hinsicht zu tiefinnerer Befriedigung gereicht. Würde indess die Frage aufgeworfen, warum ungeachtet der erhabenen biblischen und talmudischen Mahnungen zur Einfachheit und eu ähnlichen Tugenden manche Juden sybaritisch leben und sonst frevelhaft handeln, so könnten wir nicht nur mit ähnlichen Gegenfragen antworten, sondern namentlich auch auf den Aufwand, der christiicherseits in Haus, Salon und Kirche getrieben wird, hinweisen, in welcher letztem soloher Aufwand mit der ״Verachtung des irdischen Jammerthals“ am herbsten oontrastirt Woher wir das wissen? Wir wollen es dem Verf. nur verrathen, dass wir in verschiedenen Städten Kirchen besucht, vor Jahren sogar recht oft besucht haben, als uns ein christlicher Freund in einer Unterhaltung über zeitgenössische Prunksucht bemerkt hatte, wie tragikomisch auf ihn der Widerstreit von Lehre und Leben wirke, den er in der Kirche wahrnehme, wenn nämlich der Geistliche dort die ״Veraohtung des irdischen Jammerthals“ und verwandte christliche Tugenden dringlichst empfehle, während so viel Zuhörer, freilich noch mehr Zuhörerinnen, den raffinirtesten Luxus unentwegt zur Schau tragen. Wir sind nun einmal in Fällen, welche so weitgreifendeUrtheile, wie das eben erwähnte, betreffen,sehr skeptisch, und wollten uns selbst überzeugen, nicht als ob wir die Wahrhaftigkeit unseres Freundes bezwei• feiten, sondern weil wir vermeinten, er könnte seine Wahrnehmungen in der Kirche allzu ״tragikomisch“ auffassen. Wir unterrichteten einst einen älteren Gymnasiasten in den Proverbien, und als wir einmal den Spruch 14,15: ״Der Thor glaubt Alles, aber der Kluge merkt auf seinen Schritt“ erläutert, namentlich auch gezeigt hatten, wie viel Unheil die Leichtgläubigkeit zu allen Zeiten über die Welt gebracht — bat uns der Schüler, ihm einige lateinische Worte in sein Stammbuch zu schreiben. Unter dem Eindruck des so eben erörterten Spruchs schrieben wir: Credulitaserudelitas.*) Der Schüler verstand und fühlte den ganzen Inhalt dieser zwei Worte, das merkten wir an seinem leuchtenden Blick und seinem innigen Dank, den er uns später noch oft wiederholte . . . Wir sollten meinen, die Beherzigung jener zwei Worte könnte auch manchem Andern recht heilsam sein. ־'*׳ Falls der Herr Verfasser — was wir allerdings leise zu bezweifeln wagen — jetzt häufiger Kirchen besuchen sollte, als er früher Synagogen besucht hat, so wird er dort sehr leicht nicht nur viel ״Liebe“, sondern auch noch — weit mehr Gerechtigkeit gegen seine ehemaligenGlaubensgenossenlernen können. (Fortsetzung folgt.) ״Nathanael —“ so lautet der Titel einer seit Kurzem unter der Redaction des Herrn Prof. Dr. H. Strack erscheinenden ״Zeitschrift der Berliner Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden.“ Dieselbe schenkt den litterarischen Ereignissen in den jüd. Blättern, zumal wenn sie das Christenthum betreffen, eine dankenswerthe Aufmerksamkeit, unter A. erfreut sich unser Bl. in dieser Beziehung einer ganz besonderen Berücksichtigung, die uns im Interesse der wissenschaftlichen Wahrheit nur recht willkommen sein kann. Bei Gelegenheit einer Besprechung der Schriften für und gegen den Schulchan-Aruch werden auch die im jüd. Litteraturbl. zuerst erschienenen Artikel Lewin’s zur Beleuchtung des Judenspiegels von Justus, sowie auch der in der ״Isr. Wochenschrift (v. Jahrg.) erschienene ״ Offene Brief an Herrn Prof. Gildemeister“ von Dr. Goldschmidt-Weilburg eingehend besprochen. Das veranlasst unsere beiden gesch. Mitarbeiter zu einer Reihe von ״Berichtigungen,“ die wir auf deren Wunsch hier zum Abdruck bringen. Herr Dr.Lewin-Cobleuz schreibt: Der ״ Nathanael “ hat in Nr. 2 u. 3 eine Besprechung der Leistungen von Justus und Ecker gegen den Sohulchan-Aruch gebracht,die imGrossen und Ganzen dasselbe sagten, was die jüd. Streitschriften schon vor Jahresfrist gesagt hatten — selbst die Berechtigung den *) Leichtgläubigkeit ist Grausamkeit.

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