Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 23. (4.6.1885)
- Date
- 1885-06-04
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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von S. J. Halberstam neb8t Einleitung von Dr. A. Harkavy. Herausgegeben von Eisig Gräber I. Heft. Przemysl 1885. 74 S. Gr. 8°. Acht Briefe von Rappoport an seinen congenialen Freund S.D. Luzzatto veröffentlicht H.Gräber aus Jaroslau. Er übt damit einen Act der Compensation und Ergänzung, wofür ihm der aufrichtige Dank nicht nur der zahlreichenVerehrerLuzzatto’s und Rappoport’s, sondern auch aller Freunde der jüdischen Wissenschaft gebührt. Mit der Veröffentlichung der Briefe Luzzatto’s hatte H. Gräber nur eine halbe Arbeit geleistet. Er hatte damit stillschweigend die wissenschaftliche Verpflichtung übernommen, auch die Briefe Rappoport’s durch den Druck zu veröfientlichen und zu vervielfältigen. Es gereicht dem Unternehmen zur besonderen Empfehlung, dass zwei kundige und berufene Männer, wie S. J. Halberstam in Bielitz und A. Harkavy in Petersburg ihm zur Seite stehen. Herr Halberstam hat sich der Mühe unterzogen, die Briefe Luzzatto’s, auf welche Rappoport’s Antwort erfolgt, genau zu citiren und auch für andere Piecen — soweit dies erforderlieh — den Quellennachweis zu führen. Harkavy’s Einleitung liegt noch nicht vor, ist vielmehr als Beigäbe für das letzte Heft der Briefsammlung in Aussicht genommen. Nach Lage der Dinge ist ein abschliessendes Urtbeil über den Werth der Briefe noch nicht möglich. So viel können wir aber heute schon verrathen, dass diese Briefe ein ebenso reichhaltiges, wie schätzbares, wissenschaftliches Material enthalten und Specialforschern auf dem Gebiete der hebräischbiblischen und talmudisch-rabbinischen Linguistik, der Exegese, speciell der Targumkunde — mag der griechische Akylas oder der chaldäische Onkelos hier in Frage kommen — der Geschichte und philologischen Kritik die lohnendste Ausbeute ergeben. Sie werfen sehr beachtenswerthe Streiflichter auf die wissensehaftliehen Leistungen eines Luzzatto, Zunz, Frankel, Jost, Geiger u. A. Wir können heute unmöglich näher ins Detail eingehen. Vielleicht bietet sich uns später ein Anlass, einzelne der interessantesten Piecen j gesondert vorzuführen und sie auf ihren bleibenden : wissenschaftlichen Werth zu prüfen. Soweit diese Briefe aber Herzensergiessungen betreffen, bezeugen sie wiederholt, dass die Worte: les extremes se touchentnicht nur eine physikalische, sondern auch eine psychologische Wahrheit enthalten. Nach der ganzen Gemüths- und Temperaments-Anlage platzen hier zwei polarische Gegensätze aufeinander und — merkwürdig genug — sie stossen sich nicht ab, sie ziehen sich an. Es gewährt einen eigenen psychologischen Reiz, den gluthvollen, leidenschaftlich übersprudelnden und überschäumenden Italiener Luzzatto, ein echtes, urwüchsiges Kind seines Landes und Klima’s, welches, wenn ihm die Zornesader anschwillt, was nicht selten und sehr oft ganz unbefugt geschieht, in 11er wogenden Erregung das Kind mit dem Bade ausschüttet immer und immer wieder an der Seite seines Antipoden, des bedächtigen, besonnenen, nicht leicht aus seiner Ruhe zu bringenden, hillelitisch milden und sanftmütliigen Rappoport zu sehen. Rappoport muss oft hart und bitter seinem zornglühenden Freunde, in dessen Adern heiss siedendes, italienisches Blut rollt, iu’s Gewissen reden. Man merkt es aber seinen Worten förmlich an, dass nur ethisohe Motive, die Rücksioht auf die wissenschaftliche Gerechtigkeit, die historische Wahrhaftigkeit und die ungeheuchelte, herzinnige Freundschaft seinen Worten das Pathos und den Feuereifer eines wohl gezügelten, nie zu weitgehenden Zornes verleihen. Alsdann steht man zumeist unter dem Eindrücke, dass der Ausbruch des Zornes den milden und sanftmüthigen Schreiber mehr aigriren dürfte als den an erregte und leidensohaftliehe Herzensergiessungen mehr gewohnten Empfänger. Sie scheinen nie den Erfolg auf Luzzatto’s Geist und Gemüth zu verfehlen, טובה תוכחת מנלה מאהבה מסתרת, Wir können nach diesen Andeutungen das Unternehmen des Herrn Gräber nur mit unsern besten Wünschen begleiten und sehen der baldigen Veröffent« lichung der anderen Hefte mit Spannung entgegen. Möge es diesem Unternehmen an moralischen und materiellen Förderern und Gönnern nicht fehlen! Sohrau 0./3. Dr. Immanuel Deutsch. Ehrlich; Moritz, Oberrabbiner zu Rechnitz, Königthum und Staatswesen der alten Hebräer. Nach biblischen und talmndischen Quellen bearbeitet. Eine populär-wissenschaftliche Studie. 1885. Unter diesem Titel habe ich eine jüngst erschienene, prachtvoll ausgestattete Schrift eines, wie es scheint, noch jüngern Theologen vor mir, die mich durch ihren Titel zum Lesen verlockte und in der That viel Belehrendes enthält. Nur hätte ich das Vorwort weggewünscht, in welchem die Schrift als eine Tendenzschrift bezeichnet wird. S. 2. daselbst sagt der Verfasser: ״Diese Liebe und Begeisterung für den Monarchen .... haben in mir den Entschluss zur Reife gebracht, das Königthum mit seinen freiheitlichen Institutionen zu verherrlichen. Ich habe zu diesem Zweck .... eine Literatur gewählt, in der das Königthum mit Enthusiasmus geschildert und in der die Liebe und Verehrung der königlichen Person und Würde die Heiligkeit eines Glaubensprincip (??) besitzt“. Es schadet einer Arbeit, wenn sie vorn herein ihre Tendenz ankündigt. Das Alles kann sich ja von selbst ergeben, aber es ist durchaus nicht nöthig, es vorher auszuposaunen. Der Verf. nennt seine Schrift: ״Eine populär wissenschaftliche Studie.“ Die Wissenschaft aber soll an und für sich bearbeitet werden; sie ist sich allein genug. Ihre Einwirkung und ihr Einflussbleiben nicht aus, wenn diese auch nicht im Voraus als eigentliches Ziel der Arbeit hingestellt werden. Sehen wir nun den Inhalt des Buches an. Der erste Abschnitt S. 3 behandelt die Regierungsform. In der-selben wird die monarchische als die vollendetste dargesteilt, für welche die Israeliten herangebildet werden mussten. Wir wollen darüber nicht rechten, aber der Aufruf: אילהיבם מילככם m scheint nicht dafür zu sprechen. (Ausführliches darüber findet man in Hamburgers Real - Encyclopaedie Artikel ״Königthum“ und ״Samuel.“) Abschnitt 2 S. 10 trägt die Aufschrift: ״Königs- und Priesterwürde.“ In derselben spricht er von Malkhi-Zedek, den er sich nach agadischen Vermuthuugen zurecht legt; ebenso ist das von Abraham daselbst Gesagte. Cap. 3 hat die histcrischen Anfänge des Volksthums zum Gegenstände. Abschn. 4. die Idee der Repräsentativ-Verfassung. Mit Recht wird dieselbe bis auf Moses hinaufgefuhrt, alles ist hier klar gegeben. Lesenswerth sind besonders die Abschnitte ״Mosaisches Staatsideal“ S. 23; ״Zweck des mosaischen Staates“ S. 27 und das über Saul S. 38 und über David S. 41 sowie in Abtheilung H. daselbst S. 51 Salbung. S. 59 wird von Diadem-Krone gehandelt. Auch da sei der Vollständigkeit wegen auf den Artikel ״Kranz und Krone“ in der betr. Abtheilung der Hamburgerschen Real - Encyclopaedie verwiesen. Gut gearbeitet sind die Kapitel über ״Kriegserklärung“ S. 78; ״Ehrfurcht vor dem Könige“ S. 9ö und Eigenschäften desselben S. 106. Solche gründliche Special- Studien fördern und popularisiren sie, möge dieses Buch darum recht viele Leser finden. —r. Verantwortlicher Redacteur Dr. Kalimer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.