Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 23. (4.6.1885)
- Date
- 1885-06-04
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492408-5990839-5991086--0674-5368002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 90 — schäftigungen, Bräuchen und Sitten gegenüber? Sie belächeln und bespötteln sie einfaoh in rohester, herz* losester Weise, ohne zu erwägen, wie sehr sie sie h, wie sehr sie den christlichen und deutschen Namen dadurch entwürdigen. Es bleibt uns unvergesslich, was uns einmal in unserer Studienzeit ein befreundeter christlicher Can* didat. der Geschichte — einer der edelsten, liebenswürdigsten Menschen, die wir näher kennen zu lernen das Glück hatten — sagte. Derselbe wchnte in einem der Universitätsstadt nahen Dorfe. Wir besuchten ihn an einem Sonntage, und nach frohem Beisammensein in seiner Wohnung schlenderten wir gemüthlich im Dorfe umher. Vor einem netten Häuschen sass ein alter Jude, dessen äussere Erscheinung uns gerade nicht sehr sympathisch berührte. Das merkte unser Freund. Nachdem er ״den alten Moses“ ehrerbietig gegrüsst und wir uns einige Schritte von demselben entfernt hatten, tänzelte uns aus dem nahen Wirthshaus ein Männchen, gebügelt und geschniegelt, entgegen. Ist Ihnen der sympathischer? sagte lächelnd unser Freund, und fügte hinzu: Mir ist er’s nicht. Rehen Sie, den alten Moses wollte ich gestern Nachmittag besuchen; ich plaudere hin und wieder gern mit ihm; er sass, von den Seinigen umgeben, am Tisch und sang, mir allerdings nicht sehr melodisch, hebräische Lieder, wahrscheinlich Sabbathhymnen. Die ganze Familie horchte wie verklärt auf den Alten; ich wagte nicht, die Andacht zu stören, und ging erst Abends zu ihm. Dieser Moses ist einer der hellsten, fleissigsten und bravsten Bewohner dieses Dorfes. Jenes tänzelnde Männchen aber, dem Namen nach Christ, verjubelt das Meiste von dem, was er verdient, in der Kneipe, unbekümmert darum, ob Frau und Kinder daheim darben. Solches habe ich unter Christen oft, unter Juden noch nie wahrgenommen. Das Judenthum, wie ich es wenigstens noch repräsentirt gefunden, ist zwar nicht ästhetisch schön, aber ethisch schön muss es doch sein, wenn die Worte des N. T. wahr sind: ״An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Mir scheint, dass im allgemeinen dieChristen als Zweck der Feiertage mehr die äusserliche Zerstreuung, dieJuden als ihrenZweck mehr die innerliehe Sammlung ansehen. Die jüdische Anschauurg allein ist nach meinem Dafürhalten eine religiöse. —Wir kamen nun beide vor demWirthshause vorbei. Welch ein Anblick! Die saubere Gesellschaft dort hatte sich — aus welchem wichtigen Grunde, begehrten wir nicht zu wissen — in zwei Gruppen getheilt, und diese gingen in einer Weise auf einander mit Messern, Stühlen und Stöcken los, wie es unsere Augen noch nie gesehen. Das Blut wollte uns in den Adern stocken, wir wandten uns von diesem grausigen Schauspiel hinweg. Haben Sie, fragte uns unser Freund, Aehnliches schon unter Juden, namentlich an ihrem Sabbath, gesehen? Haben Sie das auch nur unter polnisehen und russischen Juden, über die Sie jüngst so hart urtheilten, schon wahrgenommen, oft wahrgenommen? Ich wiederhole Ihnen, das Judenthum würde schon eine ethische Macht sein, wenn es nur dazu beitrüge, einen beträchtlichen Theil der rechtlosen und misshandelten jüdichen Parias in Polen und Bussland vor solchen Excessen zu bewahren. Und nun noch Eins: Nie empfinde ich mehr Scham als Christ und Deutscher, als wenn ioh Christen und Deutsche über die ״Sohacherjuden“ spotten höre. Wer hat diese dazu gemacht? Um das zu wissen, bedarf es nicht erst eines langen Gesohichts- Studiums. Besonders die sogenannten frommen Christen unter jenen Spöttern müssten ja aus den trefflichen Ackergesetzen und hundert andern Dingen der Bibel ersehen, dass die Voreltern der Juden weder mit Zickelfellchen, noch mit alten Kleidern and Lumpen ehandelt; und wenn sie, jene Christen, nicht zu enkfaul wären, müssten sie sich darüber Aufschluss geben lassen, wer die Juden zum Schacher getrieben; und wenn sie, abermals jene Christen, nicht ehrlos wären, müssten sie erröthen. loh kann, gleich vielen bedeutenden Nationalökonomen, den sogen.- Schacher nichtsweniger als wirtschaftlich nutzlos finden; ich behaupte indess kühn, dass es keine grössere Verworfenheit giebt, als den Ursprung des Schachers der Juden zu kennen, seine Fortdauer in der Absicht zu wünschen, um die Juden gesellschaftlich herabzudrücken, aber hinterdrein — über diesen Schacher zu spotten!!! Wir bemerkten dem aufgeregten Freunde, dass wir ihm hierin beipfiiehten, aber doch auch entschieden darauf hinweisen müssten, dass wir, wenngleich andersgeartete und verhältnissmässig wenigere, Wüstlinge auch uuter Juden, wie in jeder Confession, kennen. Das ändert, erwiderte unser Freund, spottwenig an meinen Ansichten. loh rathe Ihnen, wenn Sie sich wirkliche Lebensklugheit, nicht bloss hohle Schulweisheit aneignen wollen, dann hängen Sie das Bücherstudium hin und wieder ganz und gar an den Nagel, suchen Sie in recht viele Salons, Hütten und — mit Verlaub, mein lieber Babbi in spe! — Kneipen zu kommen und gebrauchen Sie dort richtig Ihre fünf Sinne, Ihre Vernunft und Ihr Gemüth; aber, wohlgemerkt, von allem Wissensqualm entladen, wie Altmeister Göthe sagt. Mich hat das, was ich dort gesehen, gehört, gedacht, gefühlt und gelernt — von mancherlei Sohrullen und Verschrobenheiten gründlich curirt, die mir Erziehung, Umgang und Professorenweisheit beschert hatten. Wir verabschiedeten uns von dem Freunde, dankten ihm für seine Belehrung und seinen Bath und traten den Heimweg per pedes apostolorum an. Die Erlebnisse des Tages beschäftigten unser Sinnen und Denken fortgesetzt auch dann noch, als wir unsere Lagerstätte aufgesucht hatten. Wir mussten uns gestehen, der christliche Freund urtheile gerechter über unsere armen Glaubensgenossen als wir selbst, und wir schämten uns dessen — nahmen uns aber vor, seinen Bath thunliohst zu befolgen; und wenn wir hiernach einmal einen zudringlichen, schmutzigen Schnorrer aus Bussland, Polen oder anderswoher hart abzuweisen uns versucht fühlten, schwebte uns das Bild jener betrunkenen Messerhelden und anderer ״christlich-germanischen“ Gestalten vor, in deren Gesichtern und Haltung sich das Laster so augenfällig ausprägte, Gestalten, die wir sonst unbeachtet Hessen, seit dem erfahrungs- und lehrreichen Sonntage aber genau beobachteten, und wir empfanden dann noch eine Art Bespeot vor manchem Schnorrer. Höher als Schnorrer stehen uns allerdings die unbescholtenen rührigen Klei der Schacherer, ungleich höher stehen uns diese als die gesinnungslosen behäbigen Beligionsschacherer. _(Fortsetzung folgt.) Die neuesten Ausgrabungen in Gosen etc. (Schluss.) Bietet es schon Interesse, ein Originaldenkmal über diese merkwürdige Expedition und eine neue Bestätigung der immer bestimmter hervortretenden grossen Zuverlässigkeit des Strabo zu besitzen, 80 sind wir dem Entdecker doch noch mehr für die geographischen Notizen verpflichtet, welche die Tafel von Pithom enthält. Sohon auf dem Giebelfelde begegnet uns neben dem Tum von Succoth ein Osiris von Pikeheret, eines Ortes, welcher auf unserer Inschrift häufig vorkommt und der in der Nähe von Suooot und unweit des Meeres gelegen haben muss. Wer