Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 12. (19.3.1885)
- Date
- 1885-03-19
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492408-5990839-5991075--0620-5367954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 Gras; Kain stürmt fort, er sieht nicht, er hört nicht, er fühlt nicht, was um ihn her vorgeht, bis er ermattet an einem Felsen hinfällt. Ein Schlummer umfängt mitleidig seine Sinne. Im Traume erscheint ihm ein Weib von überirdischer Schönheit. ״Wer bist Du?“ fragt Kain. ״Ich bin die Sünde“, antwortet die Gestalt. Ich bin von Gott verstossen und darum kämpfe ich beständig gegen ihn, darum will ich sein Reich stürzen. Ich bin unendlich und daure so lauge wie Er, der Dich geschaffen. Ich weiss, auch Du bist unbefriedigt von deinem Dasein, nun wohl, diene, gehorche mir־, sei ein Werkzeug in meinen Händen, und es soll dir Erkenntnis» werden. Sieh, ich will Dir sofort Vergang’nes und Zukünftiges zeigen. Die Wüste erweiterte sich und Kain sah zahllose Menschengeschlechter an sich vorüber eilen, er sah wie sich Nationen zerfleischten, wie im Kampfe um Phantome Millionen untergingen. — ״Ich sehe, Du hast überird’sche Macht, sprach Kain, so lass mich Theil nehmen an deinen Thaten, reich mir zum Runde die Hand, aber dienen will ich Dir nimmermehr. Beuge ich mich doch nicht vor dem grossen Welten- Schöpfer, der mich, die Eltern, ins Dasein rief, wie sollt’ ich Dir gehorchen?!“ Da zerfloss das Nebelbild. Kain erwachte, er sah ein schönes, blondgelocktes Weib vorüber huschen — dann war alles still Kain erhebt sieh und mit Allgewalt zieht es ihn wieder hinab zu den Seinen. Er findet Adah einsam träumend an eiuen Baum gelehnt. Freudig überrascht, sieht sie den Bruder, umarmt ihn und gesteht ihm ihre Liebe. Kain ist erschrocken und bewegt. Auch er gesteht, wie er ihre Neigung erwiedert; aber er will die Schwester nicht unglücklich machen; denn er fühlt, dass Liebeslust ihn für die Dauer nicht befriedigen kann. ״Ich bin elend, o lass mich ziehen“, sagt er zu Ädäli, ״werde Du 1m still beschaulichem Leben mit dem Bruder glücklich“. — Und abermals geht Kaiu in die Wildniss. Er sucht den Untergang, da das Sehnen des Geistes nach Wissen und das des Herzens nach Liebe nicht gestillt werden kann. Er erklettert hohe Felsen, sich ins Meer zu stürzen, um von aller Erdenpein erlöst zu sein. Und während so von wilden Dämonen Kains ganzes Sein beherrscht ist, nahen sich droben, in ew’gen Höhen, die lichten Engel dem Allvater, ihn bittend, dass er sie hinab schicke zur Erde, die Menschen zu umschweben, damit sie nicht in die Schlingen der bösen Geister gerathen. ״Der Mensch ist mit freiem Willen erschaffen“, sprach Gott ״es liegt an ihm, das Gute zu tlnin und das Böse zu meiden; so mögen denn die Geister des Lichts und der Finsterniss um den Besitz meiner Erdenkinder ringen“. Auch Satauas schickt seine Schaaren auf die junge Erde, aber auch Gottes Abgesandte steigen hernieder, die Menschen zu schirmen. — Kain sinkt ermattet an einem Felsen nieder. Da naht sich ihm wiederum das schöne Weib. ״So hab’ ich Dich endlieh, ruft sie aus, meine Seele sehnt sich längst nach Dir; Du hast eiuen starken gewaltigen Geist, darum liebe ich Dich, darum sollst Du mein eigen sein auf ewig׳‘. Der Zauber der Sprache, die Aumuth des Weibes umstricken seine Sinne, er folgt ihr, und der denkstolze Kain ergiebt sich wildem Liebesrausch. Ais Kain aus dem Siunestaumel erwacht, tragt er die Schöne nach ihrem Namen. ״Ich bin Lilith, erwiderte sie, der erste Mensch. Als Gott die Erde geschallen hatte, fiel ein Stern zur Erde und das war ich. Ich wohnte im Paradiese, ich ass vom Baume des Lebens und von dem der Erkenntuiss. Ich lebte glücklich, aber ich sehnte mich nach Liebe und Gott erschuf mir den Adam. Dieser konnte in seiner Kleiuheit meinen grossen Geist nicht begreifen, er n< wollte Hingebung, wo ich nach Herrschaft strebt er wollte Unterwerfung, wo ich sie heischte. , % flehte er Gott um eine andere Gefährtin, und e r! gab ihm Eva, Deine Mutter, die beschränkt wi je Adam, sich dem Gatten unterwarf. Ich aber war verdammt aus Eden und darum habe ich Hass un rt Kampf auf ewig Gott und den himmlischen Mächte geschworen. Ich bin Livlith, die Versucherin, d Sünde, das Böse, das Verderben. Ich bin die Schlang 0( die Deine Eltern versucht hat, so dass sie das Pari dies verlassen mussten. Ich habe den Tod in d Welt gebracht. Aber ich selbst, ich lebe immer, ic ü! zerstöre, ich vernichte alles Irdische, ich führe eine iit ew’gen Kampf gegen den Meister. Ja, auch Die!p kann ich nicht vor dem Tode bewahren; doch möge Dich in meinen Armen ereilen. Lebe in Glüe und Liebe bei mir und mein eig’nes Sehnen hat uu endlich durch Dich Befriedigung gefunden“. So sprac Lilith und schaute thränenuinflorten Auges auf de stolzen Kain. (Fortsetzung folgt.) Bilder aus dem Oriente. Von J. Rosen me ver, Oberlehrer!111 der Sall'eld’schc d Religionschulo in Mainz. 1. st Jericho und Umgebung. Ich habe das heilige Land erreicht, ich steh at auf dem Boden meiner Ahnen. Es ist mir, als ruf|h1 man mir von allen Seiten die Namen der grösste Männer der Weltgeschichte, als sehe ich die grösste au Thatea geschehen; ich lebe mehr der Vergatigenhe als der Gegenwart. Ich fühle mich in Berührun mit den Patriarchen und Propheten, es dünkt mich als wäre selbst die Luft, die man einathmet, heiligere Natur. Der erste bewohnte Ort, den ich auf den Roden Judäas betrat, war ein verfallenes Dort un das zweite das Städtchen Berseba, wo einst Abrahan für einen daselbst gegrabenen Bruunen dem Abime lech sieben Lämmer gab. Der Ort Hegt ganz ar Dr in e; nt 1eii es hi e at 1a ist n 1d 111 111 Ruinen. Hier sind noch zwei schöne, tiete und wohltie m gehaltene Brunnen, voll süssen Wassers, welches di► an nämlichen sein mögen, deren sich einst Abraham und 11c die übrigen Patriarchen zum Trinken ihrer Heerden 1s bediente. 1 Das Land um Berseba her ist zwar noch ebe11|־z uud nur in der Ferne erblickt man die Gebirge. Wi1 kamen durch Thäler und Hügel, die je weiter, dest< mehr mit Strätiehern, Eichen etc. sich bedecken, an einer lebendigen Quelle vorüber. Uud rechts wendeui1 erreichten wir die Stadt Hebron, die auf der Höhe des Gebirges Juda liegt, llebrou liegt 280 ) Fus> über der Meeresfläche in einem tieten Thale, das siel; von Süden nach Norden zieht. Die Umgebung dai|j Stadt ist freundlich uud das luuere derselben uuteilu scheidet sich sehr vortheiIhaft, von den ürmliche1Js uud einförmigen Anlagen der meisten Städte in den heiligen Lande. Die Wohnungen sind aus Stein ge baut, eine Seltenheit in Palästina Auf den Dächern dehnen sieh Gärten aus, die mit Blumen bepflanzt sind. Manche Häuser sind mit Kuppeln bedeckt, die in dem Blemlglanze der scheinenden Sonne glänzen Das Thal von Hebron ist wasserreich und durch künstliche Wasserleitungen wird das Trinkwasser bis in die obersten Theile der Stadt geleitet. Die Obstpllauzuugen und Weinberge, welche die Hügel begrenzen, die Pflauzungen von Aprikosen und Feigenbäume, die schönen Wiesen uud Ackergewinde verleihen der Stadt ein sehr freundliches Ansehen. Der Wein, der hier aut der Höhe, auch von einheimischen Juden gepflanzt wird, ist sehr gesucht uud steht dem besten Cyperwein nicht nach. Die Muhamedauer,