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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-15 · N° 3. (15.1.1885) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 3. (15.1.1885)
Date
1885-01-15
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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ein stärkeres Nationalgefühl der Juden in Frankreich, als dem Herde der Alliance israelite, die doch nach ihm die Pflegerin des Stammesgefühls ist, dafür nicht als Grund anführen dürfte! Für einen Widerspruch halte ioh es ferner, wenn Hartmann den Juden vorwirft, sie hätten die Emancipation nicht annehmen dürfen, wenn sie nicht ganz deutsch werden wollten, d. h. also ihr Interesse für das Wohl Deutschlands practisch bethätigen wollten, während er ihnen auf der andern Seite die Möglichkeit, gleich den französischen Juden ihren Eifer für die vaterländische Sache auch auf andern Gebieten, als den ihnen bisher zu Gebote stehenden zu beweisen, erschweren will, so lange sie eben nicht in seinen Augen ein volles Nationalgefühl zu erkennen geben. Oder glaubt Hartmann, dass sie auf dem ihnen so eingeschränkten Arbeitsfelde im Dienste der Allgemeinheit es in dieser Hinsicht haben fehlen lassen? Allerdings sagt er, dass die Erfahrungen, die man mit der Eröffnung der Justizcarriere gemacht habe, für das Judenthum wenig erfreuliche gewesen sind. Ja, sie könnten es doch nur in der Hinsicht sein, als es den Juden bisher unmöglich gemacht ist, ihre juridische Befähigung wie in Frankreich in den höheren Aemtem der Rechtspflege und in der Verwaltung zur Geltung zu bringen, und dass die jüdischen Richter dem deutschen Richterstande zur Unehre gereichen, wird doch Hartmann nicht behaupten wollen? Oder ist ihm bekannt, dass die jüdischen Lehrer an den Volksschulen und höheren Lehranstalten ihren Einfluss auf die Schüler in antinationalem Sinne gemissbraucht haben? Hartmann sagt, dass, wenn man unter den heutigen Verhältnissen den Juden die Staatsverwaltung eröffnen wollte, sie leicht darin ein ähnliches Uebergewicht erlangen könnten, wie sie es in der Commuualverwaltung verschiedener grosser Städte schon erlangt haben. Nun, wenn er dabei die städtische Verwaltung von Berlin im Auge hat, deren Thätigkeit von hoher Stelle aus bei jeder sich gebenden Gelegenheit anerkannt wird, dann dürfte doch die Staatsverwaltung nicht schlecht fahren, in der die Juden in ähnlicher Weise ihre Wirksamkeit entfalten könnten. Ich kann also nicht zugeben, dass in den Stellungen, die im Dienste des Staates einzunehmen, den Juden bisher administrativ vergönnt ist, ein solcher Mangel an Nationalgefühl zu Tage getreten ist, dass Hartmann sich dadurch veranlasst fühlen sollte, ihnen die Qualification für die noch verschlossenen Aemter abzustreiten und die vollständige factische Gleich- Stellung zu erschweren. Wenn Hartm&nn der Ansicht ist, dass das eifrige Drängen der Juden nach sofortiger Eröffnung aller der ihnen bisher noch nicht zugänglichen Berufe in dem unbefangenen Beobachter den Verdacht wecken muss, dass es ihnen nicht sowohl um die Ehre, das Ansehen und das wahre Wohl des Judenthums, als vielmehr um eine Machtsteigerung desselben für den weiteren Kampf um die Herrschaft zu thun ist, so will ich nur bemerken, dass, wer diesen Verdacht hegt, eben in den bereits erwähnten Vorurtheilen befangen sein mttf und möchte dem im Uebrigen nur den Satz gegenüberstellen, den Hartmann an anderer Stelle aussprioht, dass nämlich, wo einer bestimmten socialen Schicht von den übrigen ein entsprechender Antheil bei der ständischen Vertheilung der nationalen Gesammtehre verweigert wird, an Stelle des berechtigten aber auch massvoll beschränkten Standesstolzes ein Pariagefühl gezüchtet wird, dass sich in einem haltlosen Schwanken zwischen zwei Extremen bekundet, nämlich zwischen einer antisocialen gänzlichen Verachtung der nationalen Anerkennung einerseits und einer eitlen Uebersohätzung und einer würdelosen Gier nach dieser Anerkennung andererseits. Ich möchte schliesslich noch mit einigen Worten auf die Betrachtungen eingehen, die Hartmann über gewisse innere Verhältnisse des Judenthums anstellt. Er sagt, dass das zur Einführung des Monotheismus auserwählte Volk mit der Genesis der beiden Tochterreligionen, des Christenthums und des Muhamedanismus, seine weltgeschichtliche Mission, wenigstens auf religionsgeschichtlichem Gebiete, erfüllt hat und das Martyrium des letzten Jahrtausend aus blossem geschichtlichem Beharrungsvermögen zu Gunsten einer längst gesicherten und nirgends mehr gefährdeten, vielmehr bereits positiv überwundenen Idee erlitten hat, dass also der Werth seiner providentiellen Mission in religiöser Hinsicht längst erloschen ist, und nur aus Verständnisslosigkeit gegen den Fortgang des religiösen Entwicklungsprocesses als Fiction festgehalten wird. Dem gegenüber habe ich zu erwidert, dass das Judenthum eben deshalb, weil es glaubt, dass iu seinen Toohterreligionen der reine Monotheismus durch mancherlei Zuthaten entstellt und in seiner ursprünglichen Lauterkeit und Krystallklarheit getrübt worden ist, seine providentielle Mission noch nicht für beendet hält, und dass es so lange, als es sich in dieser Meinung durch sophistische Auslegungen und erzwungene Deutungen nicht beirren lässt, fortfahren wird, den reinen Glauben an einen einigen einzigen Gott, wie ihn die sinaitische Lehre verkündet, durch den Laut der Zeiten und der Geschlechter weiter fortzutragen. (Schluss folgt). Etwas über den Ursprung der Moldoth im jüd. Kalender. Herr Slominski hat, bezüglich der Moldoth im jüdischen Kalender, wiederholentlich hervorgehoben, (in יסודי העיבור und Frankel’s Monatsschrift XIH, S. 133 f,) dass, die von unsern Kalenderbegründem statuirte Länge des synodischen Monats כ״ט י״ב תשצ״נ dem Buche Almagest von Ptolomäus entlehnt sei. Im Almagest (Lib. 2,2) erwähnt Ptolomäus eine von seinem Vorgänger Hipparch angestellte Beobachtung, um die genaue Länge des synodischen Monats zu erfahren, die annährend richtige Resultate gab, ■welche Ptolomäus Lingegen corrigirte, und 80 demnach die Mondes-Conjunctionen exaot bestimmte, denf3n auch unsere alten Ktlenderbegründer folgten. — D iese Behauptung, die uLseren alten Chronologen ein ^grosses Verdienst abstreuig macht, scheint nach unser‘a1 Au-

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