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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-08 · N° 2. (8.1.1885) · p. Seite 8

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 2. (8.1.1885)
Date
1885-01-08
Page
Seite 8 (sequence 4)
Language
German
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di© stete Berücksichtigung und die ungeschminkte Zeichnung der jüdischen Bevölkerung — der harmlose Humor und die Schärfe der Beobachtung würden das Werkchen, wäre es in einer lebenden Sprache geschrieben, zu einer Lieblingslektüre Vieler machen. — Der Verf sieht überall die Zehustämme, so gehören ihm auch die Beni Israel zu diesen. Ueber die kurdistanischen Juden sagt er: Sie wohnen in ihren Häusern zusammen mit Ochsen und Schafen. Sie holen mit den Händen das Essen aus der gemeinsamen Schüssel und werfen auch wohl den Ueberrest von der Hand wieder hinein Gelehrte und Talmudisten giebt’s nicht; der Aberglauben herrscht, Weiber und Kinder sind mit Amuletten behängen. Die Schulen sind in grässlichem Zustande — Prügel sind das einzige Mittel die Ehrfurchtvor dem Lehrer zu er־ halten. Gelehrt wird der Singsang der Gebete und die Haftara. AmErewJom kippur ziehen sie schaarenweise hinter dem Angesehensten her, der ein grosses Wachslicht (Jomkippurkerze) in die Synagoge trägt — dann eilen Alle heim, legen den Kaftan ab und kommen in die Synagoge zurück, um sich vom Schammes bis aufs Blut hauen zu lassen (Malkos), was den mohammedanischen Kurden als ergötzendes Schauspiel gilt. Auch über die Alliance-Schulen wird gesprochen, von ihrem Nutzen und manchen Fehlgriffen! — Die Parsen hält er für Angehörige der Zehnstämme, weil sie die Haarecken nicht abschneiden, unter der hohen Mütze ein Käppchen tragen, eine Art Zisis haben, die sie alle Morgen vor die Augen halten und darauf küssen, und ihre Frauen die Niddagesetze halten.— Der Witz, welcher gegen das öraal tägliche Beten losgelassen wird, trifft auch das 3mal tägliche der Juden — und hat die Schwäche, dass auf diesem Gebiet mit Witzen nur Knalleftecte, aber keine Wirkungen zu erzielen sind. Mit den freigeistigen Allüren will die schwärmerische Begeisterung für die Besiedelung Palästina’s und eine nationale Neubelebung Israels schlecht sich vertragen. Doch Vielseitigkeit und Versabilität sind Grundbedingungen für das Wesen aller tüchtigen Reisenden, also auch des Herrn Schur, dessen Bekanntschaft zu machen wir allen Freunden einer angenehmen, anregenden hebräischen Lektüre nur dringend rathen können. (Das Buch ist für 1 fl. vom Verf. selbst (Wien II, Stiftsgasse 1, Thür 22) zu beziehen, doch ist derselbe jetzt wieder auf — Reisen). Coblenz.-Lewin. Notizen. 1. Zn der Notiz: ״Der Name Ghetto“ von Dr. A Berghaus in No. 51 des ״Litteratnrblattes“ mag bemerkt werden, dass ich in meinem ״Judentaufen“, Wien 18113, S. 14, im Namen des nun verstorbenen Professors Romanus in Venedig die Version gab, dass Ghetto von Getto ״Kanonengiesserei“ abstamme. In St. Gerolamo in Venedig, wo das Ghetto war, befand sich iriiher die lvanonengiesserei der Republik. In den Erlässen der Republik ist die Schreibart längere Zeit nicht tixirt. Bald heisst es Getto und bald glietto. In dem Decret: In Rogatis vom 11'. März 15% heisst es: ״et debbin andare immediate ad habitar unde in la corto de case cbe sons in getto oppresso San Gerolamo. (Herr Dr. Berghaus schreibt: S. Geremia.?) 2. Die barmherzigen Brüder hier haben ihr Krankenhaus erweitert, resp. ein neues Gebäude autgetülnt. Da es ihnen an Mitteln fehlte, so haben Juden noch mehr als sonst Beiträge gegeben. Da in diesem Spital thatsächlich nie ein Unterschied in Betreff der Confession der Kranken gemacht wurde. Die Kirche bei diesem Spital war die erste in der Leopoldstadt, und in dieser Kirche mussten die Juden zur Zeit Ferdinand II, vom Jahre lli'24 an, allsabbathlich gehen, um die Predigten der katholischen Geistlichen zu hören, durch welche sie bekehrt werden sollten. Dipse Predigten fruchteten jedoch wenig, die Juden schliefen bei denselben ein. Es wurden hierauf Aufseher bestellt, welche mit Fliegenwedeln horumgingen, die dazu dienten, die schlafenden Juden aufzuwecken. Doch die Mühe war umsonst, die Juden wurden nicht bekehrt. Wien, 23. Dec. 1884. G. Wolf. 3. Die Stelle in Schabuoth ijöb: ש1נאי ישראל איכא שונאי א־ ה ליכא scheint auch mir von Dr. J Goldschmidt nicht richtig aufgefasst worden zu sein, weil, der Nachsatz zum Vordersatz gar nicht passt. Hiesse, wie Dr. Goldschmidt annimmt, שונאי ישראל איכא •es gi>׳bt Feinde Israels״, dann müssten wir שונא' א״ה ליכא mit: ״aber Feinde der Völker giebt es nicht“ übersetzen. Der von Dr. Goldschmidt aus diesen Worten herausgelesene Gedanke ist sehr schön und human; aber wir müssen auf ihn den Spruch anwenden: עיקר חסר מן הספר. Doch ist auch die Auffassung von Herrn Isar Cohn-Leipzig nicht ganz genau; richtig ist nur, dass die Worte des ת״ק fragend zu übersetzen sind. Wenn man die Talmudstelle genau ansieht, zo ergiebt sich, dass sie von denjenigen Feinden spricht, die Nebukadnezar hasst, nicht aber, die ihn hassen, mithin ist die Auffassung des Herrn Cohn auch nicht correct. Es stimmt also nicht ganz mit dieser Annahme die Uebersetzung: ״Sind nur Feinde aus Israel (dem Nebukadnezar) vorhanden (gewesen׳, nicht, aber Feinde ans den Weltvölkern (auf die doch Daniel seinen Ausspruch beziehen durftet?“ Die in עין יעקב befindliche Lesart führt zum richtigen Verständniss der angeführten Talmudstelle. Im עין יעקב lautet sie: :ות״ק סבר עבדם שונאי ישראל איכא. שונאי עכי ם ליכא ״Sind die Heiden nu׳ Feinde Israels und nicht auch Feinde der Heiden?1‘ Oder: hat Nebukadnezar nur die Israeliten und nicht auch die Heiden gehasst? Daniel sagte also zu Nebnkadnezar: ״Mein Herr, den Traum Deinen Hassern und seine Deutung deinen Feinden!“ d. i. den Traum denen, die du hassest und seine Deutung denen, welchen Du Feind bst, unter den heidnischen Völkern. Bukarest, den 22. December 18*4. Dr. Beck. 4. Dass Goldschmidt-Weilburg die Stelle in Schwuot •'!5 ,שונא' ישר sehr sinnig und gefühlvoll gedeutet, aber nicht wortgetreu übersetzt hat, steht fest Dass Israel seine Peiniger nicht hasst, ist eine überspannte Glorificirung Wir *ragen eben nicht Liebe auf der Zange und zerreissen wie Wölfe. Wir bemitleiden unsere Feinde, wir beten für ihre Besserung, wir helfen ihnen in der Not.h aber wir lieben sie nicht ,.nach berühmten Mustern“. — Cohn-Leipzig hat mit der Erklärung des bet.r. Ausspruches jedenfalls Recnt, nur hatte er keinesfalls so hochtrabend von ״Säulen des Irrtbums und des Scheines“ bei einer ungenauen aber immerhin geistreichen Auffassung zu sprechen. Ist ja ein Irrthum im Texte ganz zweifellos za censtatiren. Es muss die Stelle so gelesen werden שנאיו ישראל איכא. שנאיו ע" ה ליבא}• Mit Bezug aut Cap. 11 Jesajas sagt der Lehrer: Israel sind seine Feinde sind aher nicht auch Götzendiener seine Feinde, auf die Daniels Wunsch gemünzt sein kann? Es fehlt eben an einer kritischen Textausgabe des Talhauds wie sie der selige Lebrecht intendirt und angefangen hat. Caro-Pilsen. 5. Eine Geschichte der Israeliten seit, ihrer Zerstörung bis auf die Jetztzeit hat Th. Reinacii bei Hachette in Paris erscheinen lassen, welche (nach Un. isr.) nach Form und Inhalt beachtenswerth ist, dagegen in religiöser Hinsicht Bedenken erregt. Am 20. December sprach im Consistorialsaale Herr Oberrabbiner Z. Kahn in der Versammlung des Vereins der jüd. Studien über Maimonides. G. Eine tlieure Bibel. Bei der am 14. December zu London abgehaltenen Versteigerung der Büchern auch ein Exemplar der berühmten Mazarin-Bibel verkauft, welche ein gewisser Herr Quarrich um deu Preis von 3000 Pfd. St. (07 500 Frank) erstand. Diese Bibel ist das erste Bach, welches in Lettern aus Metall gedruckt wurde Sie trägt Oie Jahreszahl 1450 und führt den Namen Mazarins, weil sie in der Bibliothek des Kardinals zuerst entdeckt worden war. 7. Klaus Grotli sagt in einer ״Dietschen Bewegung“ (Agitation der Vlamen für die niederdeutsche Spracoe) überschriebene Abhandlung der ״Gegenwart“ No. 52: ״Besonders hatten Handelsleute und Krämer das Bedürfniss, sich Mittheilungen in Gegenwart ihrer Kunden und Käufer machen zu können, ohne von ihnen verstanden zu werden. Sie erfanden sich daher eine Geheinisprache, daher der Name Krämerlatein. Am ,meisten waren die oft verfolgten Handelsjuden, welche hausiren gingen oder die Jahrmärkte besuchten, einer solchen Geheimsprache bedürftig. Winkler giebt an, dass die sog. J• den-oder Kochemer- Sprache der Grundlage nach hochdeutsch sei und zwar das Hochdeutsch der Stadt Frankfurt a. M Dahinein sind meistens die Substantivs und viele Verba aus dem Hebräischen geflickt: ״loschaun ha-kaudesch“ nennen sie (?) selbst dieses Kauderwälsch.“ (Gottlob steht dieses Kauderwälsch auf dem Aussterbeetat, wenn sich auch Heinrich Teweles in seinen ״Linguistischen Plaudereien“ Mühe giebt, nachzuweisen, dass ״die Mausctielspra.che so ziemlich 11!) allen deutschen Juden geläufig (!!) oder wenigstens bekannt und in gew isser Analogie mit ״Neuhochmauscliiel“ bezeichnet werden konnte.) Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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