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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-08 · N° 2. (8.1.1885) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 2. (8.1.1885)
Date
1885-01-08
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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lediglich von dem Gedanken an die dereinstige Herr• schaffe über das ganze Universum geleitet wird, auf die Aeu88erungen der ״Wortführer“ des Judenthums. Die Judenheit, speziell die deutsche Judenheit in ihrer überwiegenden Mehrheit kann nur auf das entsohiedenste und nachdrücklichste erklären, dass sie für die Expectorationen dieser sogenannten ״WortfÜhrer“ nicht verantwortlich gemacht werden darf. Diejenigen, die Hartmann für ״Wortführer“ des Judenthums hält, sind Fanatiker und Phantasten, die mit den gegebenen Verhältnissen nicht zu rechnen vermögen, die sieb an den Buchstaben anklammernd den wahren Geist der Verhei38ung (providentielle Mission in Rücksicht auf den reinen Monotheismus) nicht zu erkennen vermögen, es sind Träumer, deren Anhang mit jedem Jahre immer mehr zusammenschmilzt. Ebensowenig, wie man sagen darf, dass in dem Mundhelden der Revanche, Deroulede, die öffentliehe Meinung Frankreichs verkörpert ist, ebensowenig, wie der Apostel des Panslavismus, Katkow, für den Repräsentanten Russlands gelten kann, ebensowenig, wie wir zur Ehre des deutschen Volkes annehmen wollen, dass ein Stöcker die Gesinnungen der Ge- 8ammtheit vertritt, ebensowenig sind die Gewähr«- männer Hartmanns als ״Wortführer“ der Juden legitimirt. Diejenigen, die das deutsche Judenthum für seine ״Wortführer“ hält, waren in der Vergangenheit ein Mendelssohn, ein Riesser, ein Frankel und sind in der Gegenwart Männer wie Zunz, Grätz, Lazarus. Wenn Hartman n im Stande ist, aus den Werken dieser wahren Wortführer des Judenthums auch nur einen Satz anzuführen, der seine Behauptung von den angeblichen Weltherrschaftsgelüsfen der Juden stützen könnte, dann erklären wir uns sofort bereit, auch alle die Consequenzen anzuerkennen, die er aus dieser Annahme für die Stellung der Juden im Staate zieht. Wahrlich, ein tausendjähriges Martyrium, eine Knechtschaft und Erniedrigung ohne Gleichen, eine Verminderung ihrer Zahl bis auf einen minimalen Bruchtheil der Erdbevölkerung hat den Juden jeden Gedanken au eine zukünftige Herrschaft über die Welt, wenn er in mehreren Köpfen wirklich einmal bestanden hat, gründlich ausgetrieben, und wenn dieser Gedanke auoh jetzt noch von einigen ultraorthodoxen Schwärmern gepflegt werden sollte, so beweist das nur, dass diese in der Schule des Lebens Nichts gelernt haben. Der gesund und praktisch denkende Jude, und aus solchen setzt sich in Deutschland die Majorität zusammen, lächelt über solche Utopien und weist jede Verantwortung dafür von sich zurück. Das ideale Ziel, das ihm vorschwebt, besteht einzig und allein darin, dass es ihm vergönnt sein solle, das Recht zu gemessen, das ihm so lange verkümmert worden, ein Mensch unter Menschen zu sein, und das, was er wünscht, ist das Gedeihen und die Wohlfahrt des Vaterlandes, da er darin auch sein Glück und sein Heil zu finden hofR. Damit fallt auch der Vorwurf, den Hartmann erhebt, dass die Juden bei all ihrem Thun nur ihre Sonderinteressen verfolgen, völlig in sich zusammen. Wenn er ihn in dem Sinne aufgestellt hätte, dass die Juden enge zusammenhalten, um einander beizustehen in den allseitigen Anfeindungen, die sich auch im neunzehnten Jahrhundert bekanntlich nicht aut blosse Wortgefechte beschränken, sondern Gut und Blut berühren, um ferner die in der Cultur und Bildung zurückgebliebenen Glaubensgenossen auf eine höhere Stufe derselben zu heben, damit die Anklagen, die auch in dieser Beziehung erhoben werden, endlich einmal hinfällig werden, wenn er die Förderung der Sonderinteressen dahin aufgefasst hätte, dann könnten wir ihm nickhaltlos beistimmen und brauchten darüber wohl nicht zu erröthen. Wenn Hartmann jedooh meint, dass das Band der Solidarität, das die Judenheit umschlingt, nur dazu dienen soll, um einmal alle übrigen Völker unter jüdische Herrschaft zu bringen, dann erklären wir eine solche Unterstellung für lächerlich und abgeschmackt. Hier offenbart sich wieder einmal in schlagender Weise jene unselige Thatsache, unter der kein Volk mehr wie das jüdische jeder Zeit zu leiden hatte, dass die Allgemeinheit zur Rechenschaft gezogen wird für die Verstösse und Vergehen, die Einzelnen zur Last zu legen sind. Und dieser Fehler zieht sich hindurch durch das ganze Hartmann’sche Werk. Hier heisst es nicht, dass einzelne Individuen Mängel an Familienerziehung und an Gesinnungs vornehm heit aufweisen, hier wird nicht gewissen Persönlichkeiten, die zufällig Juden sind, Taktlosigkeit, Aufdringlichkeit, Unreinlichkeit vorgeworfen, hier wird nicht eine Anzahl von Juden, denen allerdings durch kulturgeschichtliche Umstände die Gelegenheit dazu mehr als andern Völkern geboten wurde, des Wuchers und der wirthschaftlichen Ausbeutung beschuldigt, hier lesen wir nicht, dass einige Schriftsteller jüdischer Abstammung in Frivolität uni Cynismus die Ideale des Volkes heruntergerissen haben, nein, hier wird immer und wieder in kühner Verallgemeinerung gesagt, dass die Juden es sind, die mit jenen Lastern behaftet sind und jene Sünden sich zu Schulden kommen lassen, und daher sollen sie auch in ihrer Gesammtheit dafür büssen. Wenn man wie der Verfasser dieser Zeilen im practischen Leben thätig ist und offenen, unbefangenen Auges beobachtet, wie wenig eine so allgemein gehaltene Charakteristik der Juden in Wirklichkeit zutrifft, und wie sehr diejenigen Punkte, welche Juden und Christen von einander trennen, in übertriebener Weise vergrössert worden sind, der wird unwillkürlich zu der Meinung hingedrängt, dass Hartmann nicht aus den realen Verhältnissen des Lebens heraus seine Philippika gegen die Juden geschrieben hat, sondern dass sie lediglich in Zusammenfassung aller bereits früher erhobenen Beschuldigungen und Anklagen, zum grossen Theil ohne Rücksicht auf deren Thatsäohlichkeit und Genesis, hinter dem Studirtische entständen ist. (Wir wollen hier nur auf einige der falschen Behauptungen und Beschuldigungen Hartmann’s näher eingehon und ihre Unrichtigkeit nachweisen.) (Fortsetzung folgt.)

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