Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 52. (28.12.1881)
- Date
- 1881-12-28
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 206 — ten zur Vernunft gebracht und den mit Füssen getretenen Menschheitsrechten wieder der Sieg zu Theil werden dürfte. Doch wir hatten noch etwas über Herrn Liszt auf dem Herzen. Der Herr Abb6 sollte, wenn nicht von philosophisch-kritischem oder künstlerisch-ästhetischen! Gesichtspunkte, welche beide das Maasslose perhorresciren, so doch schon aus rein menschlichem Anstands, gefühle sich solcher leidenschaftlichen, durch keine Vernunft eingeschränkten Declamationen, enthalten Liszt, bekanntlich das Kind unbemittelter Eltern, ist in seinem Geburtsort Lackenbach, einem kleinen Stüdteben Ungarns, im Hause des reichen Juden Rüben Hirschei häutig anzutreffen gewesen, der für den ersten Unterricht •des Kindes aufs freigiebigste Sorge trug. Der Juda war es auch, — der Jude, dem Liszt als Ge6ammtheit jedes musikalische Verstftndniss schlechtweg abspricht — der das frühzeitig sich bemerkbar machende Talent des Knaben erkennend, ihm die Mittel und practische Möglichkeit zur Ausbildung desselben an die Hand gab. Wir wollen hiemit nicht etwa behaupten, dass es der aufstrebenden Künstlernatur, trotz beengender materieller Nothlage, nicht auch unter Kämpfen und Opfern geglückt wäre, seinen Weg zu machen, — wir wissen, dass der Gemeinplatz, das Genie müsse sich quand meine Bahn brechen, viel Wahres enthält; — wenn es ihm aber vergönnt war, ohne nennenswerthen Kämpfe und Opfer, ohne verzögernden und müheseligen Umweg das ersehnte Ziel ►zu erreichen, so hat er cs doch in erster Reihe nur dem Juden zu verdanken, ״der — nach des Herrn Abbe wahrlich nicht sehr dankbaren Worten — die Schnüre des Geldbeutels zu- oder aufschnürt, wie die Büchse der Pandora.“ Agathe M e i s e l s. Literaturbericht. Recensioneu. Wünsche, Dr. August, Lic., biblioth. rabb., eiue Sammlung alter Midraschim, zum ersten Mal ins Deutsehe übertragen. 12. Lief. Midrasch Schemoth Rabba (d. i. die allegorische Auslegung Zum 2. Buch Mosis). Leipzig, Otto Schulze 1881. (Fortsetzung.) S. 34. Der Midrasch findet Cap. III. Vers 2 das Wort אלין in dem Satz וירא מלאך ה׳ אלין auffallend, und folgert daraus, dass die Begleiter Mose’s den Engel nicht sahen, nur ihm, dem Mose, sei er sichtbar geworden, und sagt: ולא ראו אלא משה בלבד• Verf. hat dies rollständig missverstanden und übersetzt: Daraus ist zu ersehen, dass Leute bei ihm waren, die nur Mose sahen. ib. Die Redensart משני חלקים ולמעלה ist besser mit ,.im oberen Drittel“ zu übersetzen, statt ״zwischen 2 Theilen des Menschen und weiter hinaus.“ S. 37, Verf. sagt in einer Anmerkung: הלום״ bedeutet im talmudisehen Sprachgebrauch Herrschaft, Regierung, vergl. Sebach Fol. 102 אין הלום אלא מלכות.“ Dein ist jedoch nicht so. Der Talmud meint an dieser Stelle, dass das Wort הלום in der Schrift nur da gebraucht ist, wo von einer Herrschaft die Rede ist. Abgesehen davon, dass diese midraschische Ansicht nicht ganz zutrifFt, rgl. Richter 20, 7, Samuel I. 14, 38, so will sie eben nicht sagen, das der Wortsinn von ״ הלוםRegierung“ bedeutet, wie die Talmudstelle salbst zeigt: אמר רבי יהודה אמר רב עדות היא לבית דויד שכל הראוי למלכות הולמתו וכל שאינו ראוי למלכות לא הולמתו. S 33. R. Josua von Sichnin sagt im Natnen des II. Levi, dass die Offenbarung, deren Go’t den Moses würdigte, ein Lohn seiner Gotiesfnrcht war und drückt sich so aus:, וא״ר׳ יהושע דסכנין בשם ר׳ לוי אעפ״כ הראה לו בשכר ויסתר• כשה פניו ודבר ה׳ אל משה פנים אל פנים ובשכר כי ירא וייראו מגשת אליי י׳כ. Verf dreht aber das Verhältniss um und verkehrt dadurch «len Sinn, indem er übersetzt: ״Trotzdem zeigte ihm Gort seine Herrlichkeit, in Folge dessen verbarg Mose sein Angesicht.“ ib. Der Midrasch findet es auffallend, dass die Schrift sage: ויאמר ה׳ ראה ראיתי את עני עמי ukh Has vyort ״sehen“ doppelt steht. Er erklärt dies mit dem Verse aus Hiob 11, כי הוא ידע מתי שוא Au diesem Verse deutet der Midrasch das Wort■ מתי und sagt: ידע ההב״ה העם המתים על השוא לעשותו• Das übersetzt nun Verf.: ״Gott kennt das Volk der Todten wegen seines Frevelthuns. Verf. fand die Stelle schwierig und darum klammert er die Worte des Midrasch העם המתים ein. Aber mit seiner Uebersetzung ist die Schwierigkeit nicht gehoben; da hätte es erstens heissen müssen עם המתים und nicht העם המתים, zweitens gibt es keinen rechten Sinn. Der Commentar מ״כ hat aber, wie es scheint, ganz Recht, indem er מתים gleich ממתינים fasst und die Lesart für corrumpirt hält. Doch könnte man die Lesart aufrecht erhalten und doch denselben Sinn in ihr (inden. מתי drückt im hebräischen eine Zeitdauer ans, ein Hinstrecken, Harren, Warten. Nun hat der Midrasch aus dem Stamme dieses Wortes ein Verbum gebildet, in dem Sinne ״ •האומרים מתי עת לעשות שואSie harren auf das Böse um es auszuführen.“ S. 38. Darauf rief ein Flngel Gottes der Hagar zu rw«t* Stella i*t. ein» Uibol9*oUe und keine Midraschstelle. (Schluss folgt.)/ Moscoviter, S. J. Het boek der Psalmen. Neuerlandsch berymd. Rotterdam, Gebr. Haagens. Kann es uns wundern, wenn immer und immer wieder mehr oder weniger gelungene Psalin-Uebertragungen in gebundener Sprache entstehen? Die althebräischen Barden entlockten ihrer goldenen Leier Poesielaute von so süssem Schmelz, Klagetöne von so schauervollem Weh, Jubelhymnen von so herzdurchzitternder Wonne, dass der stolze Pegasus es niemals verschmähen wird, einen kühnen Wettflug mit jenen altbewährten Meistern zu versuchen. Wenn der Versuch misslingt, wenn die moderne Muse, trotz der unübersehbaren Sprachverzweigung, trotz der fabelhaften Wortfülle hinter der classisch-hebräischen nicht unbeträchtlieh zurückbleibt, so erklärt sich dies aus der blühenden Phantasie des sangesfertigen Morgenlandes, aus der markigen, kraftvollen, ich möchte fast sagen energischen Ausdrucksfähigkeit der hebräischen Sprache, aus dem feinen Iustinct dieser hebräischen Rhapsoden, die zartesten Saiten des menschlichen Herzens mit jener leisen Brise der Poesie anzuhauchen, welche, wie das Windspiel, alle Tonarten der Poesie lieblich hervorzaubert und endlich aus dem onomatopoötischen Character der hebräischen Sprache, der auf die Gemüthswirkung von unberechenbarer Tragweite ist. Wenn man diese Auseinandersetzung erwägt, so wird man es wohl begreiflich finden, dass wir anfänglieh mit einem gewissen Misstrauen und nicht ohne Voreingenommenheit an die Lectüre dieser metrischen Uebertragung der Psalmen in's Holländische herangetreten sind. Denn ist auch Herr Moscoviter kein hoino novus auf diesem Gebiete —, er hat bereits die Klagelieder Jeremia’s in anerkannt vorzügliche holländische Reime gebracht — so war es doch noch fraglich, ob