Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 49. (7.12.1881)
- Date
- 1881-12-07
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 wenn man bedenkt, dass der Talmud in vielen Schulen mündlich gelehrt, der Lehrstoff von unzähligen Schülern aus einem Lehrhause ins andere gebracht und derselbe Lehrsatz oft in verschiedener Form wiedergegeben wurde. Noch grösser musste die Zahl der Varianten nach dem Abschluss des Talmuds werden, sowohl wegen der unglücklichen Schicksale des jildisehen Volkes ais auch darum, weil man auf Hand׳ schriftcn angewiesen war, deren Verfertiger nicht immer tälmudkundig waren. — Ein Einblick in die uns erhaltene geonäische Literatur, namentlich in die Halachot gedolot zeigt uns eine Fülle von unseren Aus• gaben abweichender Lesearten, andere begegnen uns im Arucli des R. Nathan aus Rom, bei R. Chananel und R. Nissim. — Hat aber ein Werk erst den Ruf als corrumpirt, dann ist es den Conjekturenmachern bekanntlich auf Gnade und Ungnade verfallen. Aus dem Hanne, den R. Gerschom (gest. 1028) gegen die Streicher und Interpolanten erlassen hat, ersehen wir, wie schlimm damals mit dem Talmudtexte verfahren wurde, und, obgleich Itaschi die allein richtige Methode der Textkritik eingeführt, die Conjectur neben den überlieferten Text als solche hinzustellen, sah sieh doch sein Enkel R. Tarn (ca. 1170) wieder veranlasst, gegen das leichtfertige Fabiiciren neuer und rücksichtslose Streichen alter Lesearien aufs strengste zu eifern. — Man mag nun aber den Talmud von hulaehischem, philologischem, lilerar- oder culturhistorischem Gesichts׳ punkte betrachten, immer wird mau jeden Beitrag zur Herstellung eines richtigen Textes dankbar begriissen müssen. Das umfangreichste Material, das bis jetzt zu diesem Zwecke zu Gebote steht, ist das auf der Röniglicben Bibliothek zu München befindliche, aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, also aus einer verlniltnissmassig späten Zeit stammende Talmudmanuskript. Näheres über dasselbe bat, meines Wissens, zuerst der sei. I)r. M Heer in Frankels Monatsschrift 1H57 S. 450 mitgetbeilt, wo er die oberflächlichen und grössteutheils unrichtigen Anraten Lilienthals berichtigt hat. Im Jahre 18(>7 hat Raphael Rnbbiuowicz ungefangeu, die Varianten des Münchener Codex in seinem דקדוקי סופרים zu veröffentlichen und sind bis jetzt, davon erschienen die Ordnungen Sera'im, Moiid uni einTheil von Nesikiu. Während indessen Rubbiuowiez eine V ur i a u t e nausgabe veranstaltet hat, veröffentlicht Herr Tuussig den ganzen T e x t dez Codex, vorläufig zu den;)ersten Abschnitten des Tractats Chullin, er mark!rt die Ab- Weichlingen von der Ausgabe durch Zeichen, und erleichtert, auf diese, allerdings für den Herausgeber etwas kostspielige Weise, die Vergleichung der Texte. (Fortsetzung folgt.) Fluegel, M, Rabbiner. Die mosaische Diät und Hygiene vom phisiologischen und ethischen Standpunkte und deren Resultat auf Körper und Ge׳st. Vortrag gehalten im Tempel der amerikanischen Gemeinde rHenui Israel* zu Kulamazzo, Mich. 1881. Warum darf ein Prediger Gehalt annelnnen V Die Thora darf ja nicht sein קרדום לחפור ין• Nun, dürfte er wie Jesajas von der Kanzel heran 1 ufen: הוי גוי חטא עם בבד עון, dann wäre es ihm verboten, Bezahlung anzunehmen, aber er muss ja recht vorsichtig mit den Gebrechen seiner Hörer umgehen und sehr höflich sein und dafür wird er bezahlt. Hiernach wäre Herr Fluegel Rabbiner honoris eaussa, denn höllieh ist er nicht, im Gegentheil hagebüchen und sackgrob — aber Recht hat er und es ehrt sein Publikum, dem er gründlich die Wahrheit gesagt hat, dass sie seinen Vortrug durch den Druck veröffentlichen Hessen. Die Decadenz und Entrüstung der in America geborenen jüd. Generation schreibt er in überzeugendster Weise dem Abfall von den jüdischen Sitten ~ Speise und Ehegesetzen zu. Von medecinischen Autoritäten unterstüzr, weist er nach, dass die jüdischen Speisegesetze auf durchaus sanitären Gründen beruhen und dass die jüdische Ethik zum alleinigen Ziele habe, ut sit mens sana in corpore sano. Die sehr interessante und lesenswerlhe ßroschüre giebt ein drastisches Bild amerikanischer Zustände, aber die Quintessenz des Vortrages mögen sich auch vieie jüdische Familien gesagt sein lassen. Man kann bei jüdischer Küche cullinarisch speisen, vor Finneu, Trichinen verwestem und kranken Fleisch ist man jedenfalls in ihr gesichert. (״Jede Sache hat zwei Kehrzeilen* (S. 1) ist wohl nur ein lapsus lingnae.) C. Auf »1er Höhe. Internalionnle Revue, heraus^e- י o geben von Leopold v. Sacher• Masoch. Leipzig. Gressner tk Schramm. 1881. Vor uns hegt das erste (Ociober) Heft dieser neuen Zeitschrift, welche von der ,,Post“ so ironisch begrüsst worden ist, als ob sie ein Sammelplatz von Jung- und Alt-Palästina wäre. Es späht ja der Bucklige am schärfsten den schiefen Rücken nach und die ״Post“ ist ja von Blaublut allein gegründet und erhalten worden, denn auch die Friedent hals waren ja in Palästina, wenn auch nicht mit den Kreuzrittern. Nun in unsereu Augen wäre semitischer Ursprung kein Makel — aber er ist nicht vorhanden. Weniger Mitarbeiter jildisehen Ursprunges zählt ״Auf der Höhe“, als manch andere Zeitschrift, welche nebenher — mit Respect zu mehlen — Antisemitismus treibt. Aber ״wir wollen ii her den Parteien stehen“ is<. dieser neuen Revue keine Leser fangende Phrase. Herrn v. Saclter-Masoch isi’s voller Ernst damit — er will einen neutralen Boden schaffen, auf welchem Raeenhass und Völkerfeindschaft ebensowenig wie confessionelle Befehdung zum Worte kommen sollen. ״Mögen Audcre in der Tiefe, wo die finstere 1, brutalen Naturgewalteu herrschen, sich in Hass und Neid bekämpfen, begeifern und zerfleischen, wir wollen mit unseren Freunden stets oben weilen, auf der Höhe, wo das Licht wohnt“. Dass dieses Programm ernst gemeint ist, dafür ist dieses erste Heft schon Bürge. Der ״Judeuraphacl“ ist keine Judcngeschichte. Wir vermögen keine Schmeichelei darin zu linden, wie die Peies tragenden galizischen Juden ge• schildert sind — im Gegentheil unser Mitleid wird wachgerufen in gleicher Weise, wie unsere Lachmuskein erregt werden Aber ״er ist kein Rosche“, das ist das Gefühl, mit dem der jüd. Leser das Heft scldiesst. Keine Spur vo1׳ Böswilligkeit zeigt sich, es soll der Jude nicht beschimpft, sondern gezeichnet werden, wie er auf einer niederen Stufe der (Jultur unter dem Drucke der geschichtlichen Verhältnisse geworj den ist Dabei bekundet sich volle Kenntnis* des jiidi- 1 selten Lebens. Nur dass die Megillu am Purim Abend j im Hause nach dem Nachtessen gelesen wird, ist falsch! Wenn daneben Leopold Stein die bekannte Midrasch- I erzählung, wie die Frau — deren Ehe wegen Unl'rucht-! burkeif aufgelöst werden sollte — ihren Mann ״als das i Beste im Hause“ mit sich nimmt, in schöne Verse klei- I det, so ist damit bekundet, dass ,,Auf der Höhe“ das Schöne und Gute aus jüdischer Wissenschaft und jüd. Leben nicht vornehm ignoriren und abweisen wird. Dass die Revue in allen anderen Stücken das Beste zu bieten bestrebt ist, dass Inhalt und Form bildend sind, dürfen unsere Leser uns aufs Wort glauben. Und wer’s nicht glaubt — um so besser, — der gehe hin und lese selbst! Dr. Lewin-Coblenz. Varantworllicbar Kcdacteur Dr, K&hraer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Harby. Verlag von Robert Friete in Leipiig.