Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 49. (7.12.1881)
- Date
- 1881-12-07
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 — rathen wird. Ich gestehe Ihnen folglich das gesetzliehe und constitutionelle Recht zu, anzugreifen, wie Sie es gethan haben, den Gott, welchen ich anbete, und die Religion, welche ich bekenne. Aber ich gehöre nicht zu denen, welche religiösen Indifferentismus eine Bedingung der Freiheit meinen. Ich bin im Gegentheil ein alter Katholik, ich glaube etc. Das sagt Ihnen zur Genüge, dass ich weder mit Sympathie, noch mit Genugthuung diese Gabe aus der Hand empfangen kann, welche allein in unserem Lande und in unserer Zeit systematisch geleugnet hat die Gottheit Christi etc.“ Gestatten Sie mir, hinzuzufügen, dass ich keine Gemeinschaft des Glaubens oder der Stärke finden kann, zwischen dem alten Löwen von Juda, von dem Sie reden und dem modernen Rationalismus, der Sie zu seinen Aposteln zählt. Moses und David müssten meiner Meinung nach sehr erstaunt sein darüber, dass sie 80 zum Dienste Voltaires gepresst werden, der sie so oft gröblichst beschimpft hat. Ich glaube mit der Kirche, dass der wahre Löwe von Juda auf dem Kreuze triumphirt hat und ich wiederhole freudig die Worte des Apostels, welche ich zum ersten Male auf dem von Sixtus V. vor der Peterskirche in Rom errichteten Obelisken gelesen habe: ״Ecce crux Domini! Vicit leo de tribu Juda, fugite partes adversae“. Ich beschwöre Sie, mein Herr, diese Betrachtungen nicht übel zu nehmen. Sie sind, ich versichere es, ohne jede Bitterkeit von meiner Seite. Sie haben, des bin ich sicher, genug Takt und Geist, um zu verstehen, was in der Seele eines Katholiken beiin Le°<y1 Ihrer Werke sich regt. Erlauben Sie, dass ich schliesse mit dem reinsten Wunsche, dass die Wahrheit Sie einstens umstrahle. In dieser Hoffnung mein Herr, habe ich die Ehre mit ausgezeichnetster Achtung zu sein u. s. w.“ Salvador Hess diesen Brief nicht unbeanlwortet. Er schrieb: ,Fern von mir, meine Lehrer zu verleugnen. Ich bin erzogen wo: den unter der Herrschaft Voltaire's, aber ich habe andere Wege eingeschlagen; wenn Voltaire viele Irrthümer gesäet hat, hat er das Heilmittel daneben gelassen. In der That die Aera der Voltaire’schen Toleranz hat mich das werden lassen, was die Aera der christlichen Liebe mir hartherzig entrissen hätte. Dankbarkeit ist eine Pflicht — Undank ein Verbrechen.“ — ,Sicherlich ich habe von Gott, dem Gesetze und mir selbst das Recht, um zu billigen und zu erklären meine und Anderer Meinungen und Glauben Aber einen Glauben beschimpfen, welchen auch immer und wem er auch zugehöre: Niemals. Man beschimpft gewöhnlich nur, was man nicht versteht, und dies ist ja einer der Gründe, weswegen die Juden so mit Beschimpfungen sind überhäuft worden. Der Platz, der die Inschrift von Sixtus V. einnimmt, die Sie citiren, lässt mich ihre Berechtigung erkennen. Es i6t unzweifelhaft, dass mit diesem neuen Mittel, dem Kreuze, der alte Lowe von Juda das röm. Capitol vernichtet und die Götter der anderen Völker in die Flucht gejagt und zerhauen hat. Aber das war nur die Hälfte seines Sieges und nach Zeit und Umständen wechseln die Mittel. Sie wissen es besser, als ich, mein Herr, dass man im Reiche das Geistes eine Zeitlang allein stehen kann gegenüber Allen, besonder8 wenn bei diesen Allen die Majorität weder den Muth der Meinung, noch das Verständniss für die Sachläge hat. Lassen Sie mir wenigstens eine süsse Illu* sion. Ich halte es nicht für unmöglich, Sympathien zu erwecken selbst bei den Gegnern u. 8. w.“ ,Bisher, mein Herr, hat man den Juden die bürgerlichen und politischen Rechte, die Gleichheit und Freiheit wiedergegeben. Eines meiner Ziele ist, ihnen die Ehre wiederzuschaffen und dies soll von Frankreich aus geschehen.“ (Fortsetzung folgt.) Weshalb sind in Talmud und Midrasch die hasmonäischen Siegesthaten nur schwach and so obenhin erwähnt? Es ist eine der auffälligsten Erscheinungen, dass die glorreichen Thaten des hasmonäischen Hauses, die doch eine neue glänzende Epoche in der Geschichte des israelitischen Volkes herbeigeführt haben, in der talinudischen und midraschichen Literatur fast mit Stillschweigen übergangen werden. Sollte wirklich derselben unter all' den erhebenden Erinnerungen, welche sich an das Chanukafest knüpfen, nur das kleine Krüglein Oel der Rettung werth erschienen sein, welches, nur für einen Abend ausreichend, das Wunder vollbringt, volle acht Tage die Flammen im Heiligthume zn unterhalten? Wie erklärt man sich diese Erscheinung? Jellinek hat darauf (Bet-hamidrasch Th. VI Einleitung p. V) eine doppelte Antwort gegeben. ,Erstens fehlte es, im Gegensätze zum Purimfeste, an einer Anlehnung an biblische Texte, da kein Mackabäerbuch / zum biblischen Kanon angefügt worden war. Zweitens musste die Betonung der Mackahäerepoche den Argwohn der römischen Machthaber erregen, daher sogar der Redakteur der Mischna dieses Fest gar nicht behandelt. Indessen würde der erstere Grund eben nur erklären, weshalb die Mischna diesem Feste keinen besonderen Traktat oder Abschnitt gewidmet, aber doch immer noch nicht., weshalb im ganzen Talmud die Heldenthaten der Hasmonäer fast todtgeschwiegen werden. Was aber den letzteren Grund anbetrifft, so ist es zum Mindesten unwahrscheinlich, dass die jüdischen Weisen bloss aus Furcht vor Rom es sollten gemieden haben, grade an solche Glanzpunkte in der jüdischen Geschichte zu erinnern, welche dazu augethan waren, d;c Herzen begeisterter schlagen zu lassen für den Glaub n und den väterlichen Besitz. Mir scheint diese auffällige Thatsache ihre Erklärung zu linden in den Grundsätzen, vou denen die Urheber des Talmud in ihrem Streben nach Erhaltung und Festigung des Judenthums sich haben leiten lassen. Bekanntlich hatte während des zweiten Tempels sich immer mehr die Ueberzeugung ausgebildet, dass fernerhin der Schwerpunkt des Judenthums nicht in seiner nationalen, sondern in seiner religiösen Seite, in der Ptlege und Fertigung des religiösen Lebens gesucht werden müsse. Auf dem Grunde dieser Erkenntniss erhebt sich die ganze mündliehe Lehre, die ganze Geistesarbeit der Tanaiten und Amoräer ist eigentlich weiter nichts als die grossartige Verwirklichung dieses Gedankens. Das unglückliche Ende des noch von R. Akiba begünstigten und getörderten Bar-Kochba-Aufstandes hatte nun aber vollends Alle von der Notbwendigkeit überzeugt, dass man das verzehrende Feuer der einem Nationalstaate zustrebenden nationalen Leidenschaften ersticken und die besseren Leidenschaften des Volkes für die religiösen Be-