Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1881-11-09 · No. 45. (9.11.1881) · p. Seite 178

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 45. (9.11.1881)
Date
1881-11-09
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5367336-6488242-5991049--1951-5367866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 173 — 8cn verloienen Winkeln die Form des Gottesdienstes für den Gebildeten wenig Erbauliches, nicht selten etwas Abschreckendes hat; ich gebe zu, dass die kulturfeindlichen Bestrebungen unserer Orthodoxen den mit ästhetischem Sinn begabten nicht gerade in’s Gotteshaus hineinlocken, und allerdings findet sich in den Gemeinden mit geregeltem Gottesdienst diese Exklusivität der jüdischen Studirten entweder gar nicht oder nicht in dem hohen Grade, aber ein ästhetisches Missbeliagen darf kein Grund sein, eine P flieh t zu versäumen. Noch energischer als gegen den jüdischen Juris t e n wendet sich unser junger Autor gegen den jüdisehen Journalisten. Und hier hat ihm diese Zeitschrift besonders dankbar zu sein; der Autor führt aus, dass unter ״ Judenpresse* füglich nur die Blätter verstanden werden können, die von den Vertretern des Judenthums für jüdische Interessen herausgegeben werden, dass wir aber nun und nimmermehr für ein Blatt wie den ״Börsencurier“, dessen Leiter zwar einen jüdisch klingenden Namen hat, aber sein Judenthum längst vergessen hat, verantwortlich gemacht werden könnten; der sittliche Eifer, welchen Herr Friedaberg gegen den ״Börsencurier* entfaltet, macht seinem Charakter alle Ehre, obgleich dem Referenten die Entrüstung etwas übertrieben zu sein scheint; so weit meine Beobachtungen reichen, — und sie sind allerdings etwus unvollständig, denn der Bürsencurier gehört weder in seinem mit lateinischen, noch in seinem mit deutschen Lettern gedruckten Theil zu meiner täglichen Lektüre —, wird ’ dieser pikant-frivole Ton, mit welchem dieser lockere Vogel andere lockere Vögel anlockt, in einem grösseren Theile der Tagespresse kultivirt, nur lässt es sich nicht leugnen, dass bei Herrn Davidsohn hierbei mehr Geschick und Geist, und anderwärts fast nur böser Wille entfaltet wird. Was der alte Göthe sagt: ich rede nicht Euch zu gefallen, ihr sollt was lernen; das haben viele der modernen Journalisten umgedreht und zu ihren Wahlspruch erhoben: sie reden nur um zu gefallen und gar nicht um zu lehren, die Entrüstung darf so nach nicht das einzelne Blatt, sondern sie muss den ganzen Giftbaum treffen. Aber während diese sogenannte Judenpresse, die uns gar nichts angeht, florirt, verkümmert die wirkliehe jüdische Journalistik, welche gesunde Kost den Familien bietet, aus Mangel an Theilnahme. Der Verf. richtet einen energischen Appell an seine Glaubensgenosseti, praktisches Judenthum zu bethätigen durch kräftige Förderung dieser jüdischen Zeitschriften. Es ist nur zu wünschen, dass diese Mahnung auf fruehtbaren Boden falle und dass diese Broschüre, welche frisch und feuerig geschrieben ist und, wie bei einem jungen Autor natürlich, mit einem grossen Reichthuir an Citaten ausgestattet ist, welche die mannigfachsten Gebiete mit anregender Originalität berührt und auch die Vorzüge des praktischen Judenthuins bei der Linjilil. Amtsrichter und Advokaten selbst in kleinen Ortschaften, die nicht nur an den hohen Festen nach dem Qotteshause kamen, sondem auch sonst jüdische Ehrenämter in der Gemeinde bereitwilligst bekleiden. (Red.) derung socialer Noth in das rechte Licht stellt, recht viele Leser in allen Kreisen finde. z. Der Streit der Söhne Jakob’s. (Fortsetzung st. Schluss.) Man kann, geschichtlich, die Stammväter als die Vorgänger und Vorläufer Moses betrachten. Knüpft doch Mose ganz deutlich an die Tradition der Väter an, dient ihm doch als beste Empfehlung der Ausspruch; (Exod. 3,15) ״Der Ewige der Gott Eurer Väter, der Gott Abrahams, Isaks und Jakobs schickt mich zu euch* und nimmt er hiemit den Faden der Tradition, der durch die ägyptische Knechtschaft den Nachkommen Jakobs zu entgleiten drohte, wieder auf, und bringt das, wofüt die Väter gelebt und gewirkt, den bereits zu einem Volke gewordenen Söhnen Jakobs zum lebendigen ßewustsein. Bei den Stammvätern handelt es sich um die geeigneten Personen, die befähigt und gewillt wären, die Tradition, jenes Geistesjoch zu tragen. Die Entscheidüng bei Abrahams directcn Descendenten zu treffen, war verhältnissniässig noch am leichtesten. Bei seinen zwei Söhnen handelte es sich noch gar nicht um persönlichen Charakter und persönliche Würdigkeit. Isak als Sohn der rechtmässigen Frau, durfte, vermöge seiner Geburt, das Recht mit der schweren Pflicht, die es auflegt, für sich in Anspruch nehmen. Da er noch zu jung war um jenes Recht geltend machen zu können, machte es die Mutier in jener bekannten Weise geltend. Kühn und entschieden trat sie auf, und dem Uebel, das sie herankommen sah, beugte sie durch die Entfernung Ismaels radical v״r. Schwieriger war die Entscheidung lei Isaks Sölinen zu treffen. Auch bei diesen handelte es sich darum, wer die geistige Erbschalt antreten sollte. Esau oder Jak 0 b war die Frage. Sie waren Zwillingsbrüder, beide Söhne eines Vaters, einer Mutter. Hier musste die persönliche Würdigkeit entscheiden. Zwischen diesen beiden die Wahl zu treffen war um so schwieriger, als die Eltern selber über die persönliche Würdigkeit ihrer Söhne nicht einer Meinung waren. Der Vater war für Esau, die Mutter für Jakob. Die Liebe des Vaters für Esau, die der Mutter für Jakob war nicht blind, sie entstand nicht aus blosser Sympathie, nicht aus dunklem Fülllen, für das man sich nicht Rechenschaft zu geben vermag. Sie bandeben vielmehr aus Ueberlegung und beide Theile halten ihre Gründe. Es liegt iin Charakter des Mannes, das Starke, Kräftige, Energievolle und den Freimut!! zu suchen und zu achten. Diese Eigenschaften schienen sich in Esau zu vereinigen. Wenn die Alten und Conunentatoren Esau alle Bosheit und Sehlechtigkeit imputiren, so ist das bekanntlich erst späteres Erzeugnis und wird Esau’s Name — Edom — als Aushängeschild gebraucht, um die rohe Gewalt, die so manches Volk — das längst nicht Edom war — an .Israel geübt hatte, zu kennzeichnen. Die Bibel selber zeichnet ihn so bösariig gar nicht. Man lese nur unbefangen mit welcher Freundlichkeit er Jakob bei seiner Wiederkehr in die Heiuiath entgegengekommen. Diese obgenannten Eigenschaften gefielen dem Vater Isak; und da Esau der Erstgeborene war, dachte er ihm die volle Erbschaft zu Uberttagcn. Der Irrthum Isaks lag nur darin, dass er in Esau's Offenheit und persönlicher Tapferkeit die Eigenschaften sah, die geeignet wären, jenen hehren Gedanken, dem er selber diente und dem sein Vater sein Leben geweiht hatte, weiter zu tragen. Hierzu bedurfte es aber noch eines Andern. Hierzu bedurfte es eines ruhig denkenden, still schaffenden Geistes. Ksau’s Sinn | und Geist war aber, bei allen persönlichen Vorzügen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.