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Das jüdische Literaturblatt · 1881-11-02 · No. 44. (2.11.1881) · p. Seite 176

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 44. (2.11.1881)
Date
1881-11-02
Page
Seite 176 (sequence 4)
Language
German
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— 176 fanden, oder durch einen frommen Wandel und milde Werke, durch hohe Verdienste utn’s allgemeine Beste, durch grosse Gelehrsamkeit sich hervorgethan, nach der Thora-Vorlesung zu nennen und für ihr Seelenheil unter Anführung ihrer Tugenden zu beten, 11. z. an jedem Sabbath, wie es in ältesten Zeiten Sitte war,— diess erhellt auch, von directen Quellen abgesehen, dem wahrscheinlich an Stelle der namentlichen Neunung eingeführten allgemeinen Gebete für das Seelenheil der Märtyrer (ואב הרהטים in der Sabbath-Liturgie oder am Versöhnungstage und dem letzten Tage der ״drei Feste“ —, diesem pietätsvollen Gebrauche haben wir die Erhaltung von Schriftdenkmäler! zu danken, die ebensowohl die Geschichte mit werthvollen Daten bereichern, als sittengeschichtlich den Charakter alter Zeiten wiederspiegeln. Solche Bücher des Seelenge־ dächtnisses, die merkwürdigerweise auch den fremden Namen ,.Memorbiicher“ führen, sind noch in mehreren alten Gemeinden, besonders am Rhein, erhalten and wurden auch bereits von unseren Geschichtsschreibern mehrfach benützt. Hr. Dr. Jellinek, der im vor. Jahre die Namen der Wormser Märtyrer aus den J. 10% und 1349 nebst dem Wiener liturgischen Formular des ״llascara“ veröffentlichte, hat sich die verdienstliehe Aufgabe gestellt, diese rührenden Pietätswerke der Vergessenheit und dem Untergange zu entreissen und allmählich ans Licht zu ziehen. Nachdem jüngst bereits Andere (Neubauer, Lowe, Lewir.) dieser fruchtbaren Anregung gefolgt, gelang es nunmehr Hm. Dr. J. durch die gütige Mühewaltung des Hm. Carl Brisch in Mühlheim a. R. eine Abschrift des Memorbuches der Gemeinde Deutz, zu veröffentliehen, das eine von R. Abraham b. Josef Joseppa aus Essen im Jahve 1748 angefertigte Copie des ursprtingliehen älteren Memorbuches ist, welches in diesem Jahre bei einer Uebcrschweinmung auch beschädigt wurde und kaum leserlich ist. Letztere Niederschrift war von dem Sofer R. Isak b. Abraham (1704) bis auf seine Zeit copirt worden. Das dermalige Deutzer Memorbuch, von dem Düsseldorfer und Bonner Copien erhalten sind, ist incorrect abgeschrieben, weshalb es Hr. Brisch mit dem ersteren cotlationirte und darnach verbesserte. Nichtsdestoweniger scheinen die ältesten Partien, das sind, das Verzeichniss der Märtyrer-Gemeinden vom J, 1349 (S. 5—7) und das der ״grossen Tortena, wie ich es nennen möchte (S. 8), die überall genannt wurden, auch hier lücken- und fehlerhaft zu sein. Diess erhellt daraus, dass bei mancher Gemeinde (Strassburg, Prag, Schaffhausen, Köln) einzelne Personen-Namen genannt sind, bei anderen keine, auch sind manche Ortsnamen unkenntlich geschrieben. Das Verzeichnis!! der um die Allgemeinheit Verdienten, (S. 8) und nach einer anderen Handschrift (S. 9), sowie au« dem Memorbuch Coblenz (S. 76 f.), das sehr hoch hinaufreicht, bietet in den verschiedenen Copien Varianten. So zeigt ein Vergleich derselben, dass die zuerst Genannten, R. Salomo (ein Wormser Samuel) und seine Gattin Rubel, die den Gottesacker in Mainz angekauft, dieselben sind, von denen in anderen Recensionen gesagt wird, dass sie Verfolgungen vereitelt, (S. 9 שבטלו גורות und שבטלו שמד מכל הקהלות S. 7 in ״Worms u. Wien“). Bei den Zweiten: Jizchak und Bela, die den Zoll in Coblenz aufgehoben, heisst es im Wormser Memorbuch: Jakob und Bela, doch scheint die Abweichung unrichtig zu sein. Die in den vorliegenden Abschriften angeführten Gesetzesichrer und Pajtanim stimmen nicht überein, in der einen sind mehr, in der andern weniger Namen enthalten. In dem Codex vom J. 1314 (S. 9) linden sich zwischeninne die Märtyrer-Gemeinden v. J. 1096 eingeschaltet. Das eigentliche Deutz-Kölner Memorbuch (S. 10 b!s 63) reicht vom J. 1581—1784. Die Personen werden in der Eulogie entweder mit ganz kurzer Angabe ihres Verdienstes, (gemeinhin eine Spende zur Synagoge) oder mit ausführlicherer Schilderung der Tugenden und Vorzüge der Verewigten genannt. Bei maneiten ist der Tag u. Ort des Verscheidens, wie des Begräbnisses erwähnt. Die in Deutz Verstorbenen wurden in Köln beerdigt, im J. 1699 wurde der Gemeinde Deutz vom Kurfürsten ein Begräbnissplatz geschenkt, (S. 26), von welcher Zeit, an diese Gemeinde ihren eigenen Gottesacker hatte. Die meisten der verzeichneten Namen haben wohl nur ein rein tamilien- und localgeschichtliches Interesse, doch sind auch mehrere notable Persönlichkeiten darunter, einflussreiche Vorstehet•, Aerzte, Gelehrte und Rabbiner, deren Andenken der Nachwelt erhalten zu bleiben verdient. Wir erwähnen z. B. den Schreiber isak b. Abraham, (gest. 1704), den Copisten des Memorbuches, der die Selichot des Kölner Ritus abgeschrieben und für den Druck vorbereitete (S. 17), der von Mose Jechiel b. R. Elieser veranlasst würde, (S. 33), R. Aharon Schemuel, Verf. mehrerer Werke, der Rabb. in Fürth, Frankfurt, Krakau und Brisk gewesen, (S 46), R. Jehuda, b. Josef Müller (?) aus der Familie des R. Liwa Bezalel, (S. 47), der zahlreiche Gutachten erstattet und zum Pentateuch einen Coinmentar geschrieben und Rabbiner in Cleve und Cöln war, (gest. 1751), die Enkelsöhne des berühmten Fürther llabb. Baruch Rapoport: R Jizchak, Rabb. in Walleustein, dann Bonn und Cöln, (gest. 1788) und Simcha, dessen Nachfolger im Amte, Verf. von כ׳ רשב״ץ und פרפרת רשבץ auf Psalm 118 und die Sprüche der Väter (S. 66 und 68) und mehrere Andere, auf die in der Einleitung hingewiesen wird. Mit Recht hebt der gelehrte Herausgeber in seiner Einleitung hervor, dass diese Hascara-Bücher redende Zeugen seien der tiefen Gottinnigkeit und des hohen Opfersinnes unserer Väter und besonders auch unserer Mütter, deren echt religiöses, wohlthätiges und eingezogenes Leben und Schaffen in den rülunendsten Worten durchwegs geschildert wird. Beten und sich kasteien, arbeiten und entsagen, Armen helfen, Hungrige ernähren, Nackte kleiden, Liebesvverke üben an den Todten — das waren die Vorzüge, die dem jüdisehen Weibe der alten Zeit beim Leben und nach dem Tode zur Ehre nachgesagt wurden und denen zum guten Theile die Erhaltung des jüdischen Stammes zu danken ist. Wenn auch die historische Ausbeute dieser Metnorbücher keine grosse ist, so hat doch deren Verülfentlichung, wie wir bereits erwähnten und zeigten, ein allgemeines Interesse, und sollte es bei dieser ersten Publication eines grösseren Memorbuches nicht sein Bewenden haben. Die Martvrologien der grossen allgemeinen Verfolgungen aber vom J. 1094 u. 1349 verdienten eine quellenmässige Behandlung und Zusammenstellung, da daraus erst der Umfang jener entsetzlichen Verfolgungen sich wird feststellen lassen. Die dabei angeführten Ortschaften müssen dann ordentlieh transcribirt werden. Man kann die Namen dieser Blutzeugen, die Gemeindenweise dem Glaubenslänatismus zum Opfer tielen, nicht ohne innere Ergriffenheit lesen. Aber welche Stimmung muss sich erst unseres Gemüthes bemächiigen, wenn wir bedenken, dass auch das Jahr 5631 (1881) die Memorbücher mancher Gemeinde mit ähnlichen Aufzeichnungen füllen werde, dass spätere Geschlechter kopfschüttelnd von den גורות תרמ״א lesen werden!!! —in. Verantwortlicher Kedacteur Dr. Kahmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barby. Verlag von Robert Frie•• in Leipiig.

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