Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 40. u. 41. (5.10.1881)
- Date
- 1881-10-05
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 163 — לוח לשנת תרמ״ב lllustrirter jQdischer Familien• Kalender iür 5642 (1882), herausgegeben von Julius Meyer, Halberstadt, 182 Seiten, 8 0״ elegant gebunden. Preis 1 Mark. .^י Ausser dem Kalendarium .und verschiedenen synagogalen Gebräuchen bietet der literarische Theil fol* gende Piecen: Die spannend geschriebene Erzählung ,Zurückerstattet“ von S. Kolm; Rückblicke auf das Jahr 1880 mit Angabe der durch den Tod verursach* ten Verluste an hervorragenden Männern des Judenthums. Es folgt dann Dr. A. Berliner’s interessante Abhandlung ,Persönliche Beziehungen zwischen Christen und Juden im Mittelalter“. Verf. dehnt den Begriff ,Mittelalter“ bis auf die neueste Zeit aus. (Wir vermissen in genannter Abhandlung die Beziehung des bekannten Pietisten Aug. Herrn. Francke zu dem Hamburger Rabbi Esdra Edzardi, bei welchem ersterer das Hebräische studirte.) Nachdem dem Leser einige poetische Ergüsse dargeboten, entwirft Rabbiner Dr. M Rahmer die lichtvolle Lebenskizze ,Zacharias Frankel“, des Breslauer Seminardirektors. Der Verf., Redacteur ds. Blattes, war einer der ersten Schüler des hervorragenden Gelehrten. Nach einigen Verfügungen, betr. Schuldispense an Sabbath- und Feiertagen, finden wir als Anhang ein Verzeichniss der Märkte und Messen im deutschen Reich. Wir können den reichhaltigen Kalender auf das allerwärmste empfehlen. S. Notizen. 1) Nochmals ״Taschlich“. Schon im 13. Jahrhundert war das Taschlichmachen bekannt. (Siehe Sohar ״Emor“;. Maharil sagt, es geschehe um das ,,Verdienst‘‘ der .,Akedah“ in Erinnerung zu bringen. Er führt die Stelle aus ,,Jelamdenu“ Wajera an, wie Abraham auf seiner Reise nach Morija einen Strom passiren musste u. s. w.; man hat auch an die Stelle Jesajas 11,9: ״Die Erde wird voll Gotteserkenntniss sein — wie die Wasser den Meeresgrund decken“, gedacht. Man geht gewöhnlich nach einem Wasser wo Fisehe sind. Fische sind im biblischen Sprachgebrauch, ein Bild raschen Entstehens und auch des plötzlichen Hinweggerafftwerdens, (vergl. Genes. 48,16 und Koheleih 9, 12). Auch sind dieselben im Wasser dem bösen, neidischen Blick entzogen אין עין הרע שולט׳ בהם, und es schwebte wohl beim Taschlich auch der Gedanke vor, dass Israel nicht dem neidischen Auge ausgesetzt sei. (Siehe Mekore Hatfilah S 43;. Dresden. M. Auerbach. 2) In E. Rollers ״Les Paroles Lumineuses“ vermisst Herr Dr. Ghotzner etne Zauberformel, welche etwas Licht in das vorweltliche Gedankenmaas des Verfassers hineintrüge. Die Quelle, aus welcher der Verfasser geschöpft, ist Don Isak Abarbanel oder eigentlich der Talmud. (Tract. Rosch-Haschanah 31a). Bekanntlich rührt von dem missverstandenen Aus- Spruche des Rab Ketina daselbst der allgemein verbreitete Glaube her, dass nach einer Dauer von 6000 Jahren unsere liebe Welt mit all' ihren edlen Stöckers und Istöczy’s, mit ihren Nihilisten und Antisemiten der Geschichte angehören würde, wenn nicht diese Wissenschalt das Schicksal unserer Erde!heilen müsste. Indess so allgemein auch dieser Glaube 6ein mochte, eine so entschiedene Zurückweisung erfuhr er im Vaterlaude der heiligen Inquisition von unseren Philosophen. Maimuni zählt diesen Ausspruch zu den unentwirrbaren Geheimnissen, die nicht der Mühe weith sind, dass man sich mit ihnen beschäftige Steht er doch in direktem Widerspruche zu Koheleth, welcher unserer Erde eine ewige Dauer weissagt. Aber während Maimuni sich damit begnügt, Rab Ketina's 6000jährige Volksdauer als das verschleierte Bild zu Sais zu bezeichnen, hat Don Isak Abarbanel darauf aufmerksam gemacht, dass in Rab Ketina’s Ausspruch שית' אלפא שני הוי עלט׳ וכי׳ die Copula ein Präteritum sei und er gelangt zu der Auffassung, dass nach Ansicht des ged. Talmudisten eine Welt bereits 6000 Jahre gestanden, auf welche alsdann ein tausendjähriges Tohuwabohu gefolgt war. Hingegen gilt von unserer jetzigen Erde לעולם עומדת, sie ist unvergänglich. Herr E. Roller hat es versucht, in seinen ״Les Paroles Lumineuses“ den qu. Gedanken mit dem Wortlaute der mosaischen Schöpfungsurkunde in Einklang zu bringen. Trencs6n. Dr. Simon Wolffsohn. 3) Das ״British Museum“ hat eine grosse Anzahl biblischer und anderer orientalischer Manuskripte gekauft, welche für die Kritik und die Exegese des alten Testaments höchst wichtig sind Die Sammlung, welche in Sudarabien gemacht wurde, besteht aus etwa 40 Manuskripten, worunter 15 hebräische Schriften, von denen 2 wahrscheinlich die ältesten aller bis jetzt geftindeneii alttestamentliehen Schriften. Eine dritte enthält die ״Hagiographen“ und giebt eine Kritik des hebr. Textes der beiden anderen Theile, die sich bereits im ,,British Museum“ befinden. Die 25 andern Manuskripte sind ,.Midraschim“ (homiletische Comrnentare), die mehr oder weniger unbekannt sind. 4) עוקתא דמסאנא in der Bibel. Diese zwei Worte haben sehr viel Staub aufgewirbelt Wie, um eines Schuhriemens willen soll man das Leben lassen? Ja, antworten die Anhänger der herkömmlichen Tracht, und dabei hat das polnische Costüm sich eine besondere Sanctioil erworben. Nach einigen gilt diese strenge Vorschrift nur für den Fall, dass die Schuhriemen nirgend ein jüdisch-religiöses oder nationales Gepräge haben. So sollen die Juden Zum Andeoken an die Vernichtung ihres Volkslebens schwarze Riemen an den Schuhen getragen haben. Raschi zur Stelle behauptet, dass man in gefährlichen Zeiten auch für einen Minhag das Leben lassen müsse Maimonides in Jessode Hatora umgeht, zum Entsetzen seiner Schildträger das fragliche Verbot, und setzt dafür den Ausdruck מצוה קלה. Ich glaube, dass Maimonides den Ausdruck ערקתא דמםאנא für eine Ueberseizung der biblisehen Redensart שיד נעל hielt, welches eine Phrase für etwas ״Unbedeutendes“ ist. Dr. D u s c h a k. 5) Jerusalem. Der altehrwürdige, ehemals so ausgedehnte Cedernwald des Libanon ist zu einem kleinen Hain von etwa 400 Bäumen zusammengeschmolzen. Um ihn vor gänzlichen Untergange zu retten und mindestens in seinem jetzigen Umfange zu erhalten, hat der Generalgouverneur des Libanon, Rus 6111 Pascha, mittels besonderen Erlasses eine Reihe von Massregeln getroffen, welche dem Vandalismus und der Fahrlässigkeit so vieler Reisenden Einhalt zu thun bestimmt sind. Es wird untersagt, im Umfange der Haiumfriedung Zelte und Lagerstätten zu errichten und in der Nähe der Bäume Feuer zu machen, geschweige denn, wie dies Touristen und Reisende bislang so häufig thateu, Küchep für den Nahrungsbedarf Zu errichten. Kein Zweig oder Reis darf von den Bäumen gebrochen und keinerlei Thiere, seien es Pferde, Maulthiere oder andere Tragthiere, dürfen in den umfriedeten Raum geführt werden. Weidethiere, Rinder, Schafe, die den Baum- Schösslingen so gefährlich sind, werden, wenn sie das Haingebiet betreten, unnachsichtlich eingezogen. Rüstern Pascha hat sich durch seine Verfügungen einen gerechten Anspruch auf den Dank aller ernsten Syrien-Reisenden erworben, und es ist im höchsten Grade wünschenswerth, dass diese Massregel, mit deren strenger Ueberwachung der Hainwächter des Libanon betraut ist, sich wirksam erweisen.