Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 31. (3.8.1881)
- Date
- 1881-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5367336-6488242-5991032--1876-5367799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50. 31. Das Jahrg. X« Jüdische Literaturblatt. r Znr Belenchtnng *Iler Jndeathnm nnd Jndea betreffeadea literarisch. Erscheinungen anf dem Gebiete der Phllosophle. Geschichte, Ethnographie, Theologie,Orientalin, Exegese, Homiletlk, Liturgik, Pädagogik. H erausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Kahmer. 3. Anguat Bücher der einschlägigen LI tcratnr, welche der Bedaetlon zngesandt werden, finden dlesemBlatte eingeh.Besprechnng. BeiElnsendnng ▼on x w e 1 Recenaionsexemplaren erfolgt noch Erwähn. 1. d.Wochenschr. I ״! Das ״Jädlnelie lilteratnrblBtt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang :8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die viertel.iährl. bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mitJäPf. für die dreige• spaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenoimnen durch die Central-Annoncen-Expedition von Gr. L. Daube & Co.» Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inlialt! Wissenschaftliche Aufsätze: Bileam und Jesus. — Das Memorbuch von Nürnberg 1349 n. Cb. Literaturbericht: Recensionen: Edouard Marbeau. Un nouveau royaume (Rumanie). — Friedländer, Dr. M. in Wien. Neue Aufschlüsse über Lessing's ״Nathan. ־ — Thesaurus synonymorum lingnae hebraica etc. — Schreczel, Moses. Die Lö- Nachdruck nur mit voller Quellenangabe Bestattet. Bileam und Jesus. Kannst Du zur Sonne sprechen, dass sie nicht 6cheine, zu den Sternen dass sie uicht leuchten? Was sich mit Naturnotwendigkeit vollziehen muss, vollzieht sich. Das Gesetz, das Gott in die Natur gelegt, kann nicht übertreten werden. Auch die Anschauungen, die sich eingelebt, Ueberzeugungen, die sich in Kopf und Herz festgesetzt haben, sind wie Nuturgesetze, die sich keine Schranken setzen lassen. Klugheit mag manchmal Schweigen gebieten, Vorsiciit und Ueberlegung mögen zeitweilig die Lippen schliessen, — es nützt nicht. Die Empfindung des Herzens bricht durch, die Ueberzeugung macht sich geltend. — Und können sie, Ueberzeugung und Empfindung, nicht die freie und treue Sprache des Herzens sprechen, so suchen sie nach Decken und Hüllen, die den innern Kern verbergen die innere Wahrheit ahnen, und sie nur für den, der ״offeneren Auges“ ist, erkennen lassen. So Isrcel seinem Empfinden und Denken hat Ausdruck verleihen wollen, hat es zu diesen Hüllen und Denken oft greifen müssen, besonders seitdem die Religion des Mannes aus Nazareth, oder vielmehr die, die seine Apostel als solche ausgaben, die herrschende geworden. Da stand Anschauung gegen Anschauung, Ueberzeugung gegen Ueberzeugung. Während die herrschende, christliche Religion, die alte, jüdische offen uod rückhaltslos verwarf, ihre Lehren für Irrthum und falsch erklärte, deren Bekenner verfolgte und misshandelte, waren diese, die Bekenner der jüdisehen Religion, nicht in der gleichen Lage. Sie blieben wohl die Antwort nicht schuldig, sahen sich aber gezwungen, ihren Gedanken in Wort und Schrift Hüllen umzulegen, mussten ihre Ueberzeugung gleichsam verstöhlen durchschimmern lassen, durften die Wahrheit, wie die am Sinai, ״nur durch eine Wolke“ künden. Die Worte der Alten, sind darum oft dunkel, unverstündlich, sie sprachen in Räthseln, in Gleichnissen. Die grösste Reserve mussten sie sich da auflegen, wo sie von dem Stifter der christlichen Religion selber sprachen, dessen Messianität in Abrede stellten. Hier fingirten sie Personen, oder sprachen über bekannte Typen, Erzfeinde Israels, Meinungen und Gedanken aus, die dem Stifter der christlichen Religion galten. Ob es klug war dergleichen Aussprüche, deren Hülle doch bald durchsichtig wurde, durch Schrift und Druck zu verewigen, mag dahingestellt sein. Aus diesen Aus- Sprüchen wurden ja bekanntlich von den Erzfeinden Israels, die nicht selten aus seiner eigenen Mitte hervergingen, die Waffen gegen Israel selber geschmiedet. Klug war es vielleicht nicht, aber in der Natur der Sache gelegen, und werden jene Aussprüche auch von jedem einsichtsvollen und billigdenkenden Christen entschuldigt werden. Allen jenen Wunden gegen- Uber, welche die Bekenner der Tochterreligion den Bekennern der Mutterreligion schlugen, kein Wort des Zornes zu haben, für alle jene schroff gegenüberstellenden Lehren, kein Wort des Tadels zu finden, au ihnen keine Kritik zu üben, wäre nicht nur feige und unglaublich, es wäre auch unnatürlich gewesen. Wie heute ein billigdenkender Nichtjude es den Juden Uberhaupt, den Vertretern des Judenthums insbesondere, nicht übel nehmen kann und wird, wenn sie gegen die judenfeindliche Strömung Front machen, sich mit den Waffen verlheidigen, die ihnen bald die Wissenschaff an die Hand gibt, bald wieder die Erfahrung sprechen lassen, bald wieder die ganze Fülle ihres Spottes über Feinde und Angreifer ausschütten; euenso wenig darf es den Alten übel genommen werden, dass sie, die da glaubten, dass durch den mächtigen Aufschwung, den die neue Lehre nahm, ihre Religion und das Judenthutn in Gefahr sei, schüchternen Gebrauch von den Waffen machten, die ihnen zu Gebote stauden. Das Empfinden der Menschen lässt sicli eben nicht eindämmeo, die Ueberzeugung bricht in der einen oder andern Weise durch und das geschieht um so vollkräftiger, als dieses Aussprechen der Ueberzeugung zur Nothwehr dient. Diese Sätze sagen wohl nichts Neues, es ist aber nöthig, sie bei der jetzt judenfeindlichen Strömung im-