Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 26. (29.6.1881)
- Date
- 1881-06-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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»©. *6. Das Jahrg. X. Jüdische Literaturblatt. nt 1s li Zur BelenrhtnuK allor Jaden tham und Jude« betretenden liternrleeh. Erscheinungen »o f de■ Gebiete der Philosophie. Ge«ehiehte.Ethn0(tr»phle ologle.OrientnU», Exegese illetlk, Liturgik, Pädagogik n anf I phle. .!,Thee, Ho- I Heraustiegeben von Rabbiner l)r. Moritz R* linier. Magdebnrg, SO. Juni ls*81. Bäcker der einschlägigen LIteratar, welche der Bedaetlon «ageundt werden, Anden In dleaenBlatte eingeh. Besprachnng. BelElnseadang ▼on s w e i Becenaioniexemplaren erfolgt ancb Erwähn. L d.Wochenschr. Daa ״Jüdische LlteratvrbUtt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen BaoMiandlHngen (in L ei pii e bei Robert F rie se) pro J ah r g a n g: 8 Mk. Abonnenten der ״IsraelitischenWochenschrift“ (die vierteljahrl. bei allen Poetanstalten nnd Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 P£. für die dreigespaltene Petitieile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von G. L. Daube St Co., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt! Wissenschaftliche Aufsätze: Lessing — ein Atheist? — Die Pleuropneumonie nach jüd. Ritualgesetz. Literaturbericht: Recensionen: Die Stadt Safet und ihre Bewohner. — Brasch, Dr. Moritz. Moses Mendelssohn'« Schriften zur Philosophie, Aesthetik und Apologetik. Notizen. — Inserate. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Lessiug — ein Atheist? (Schluss.) In der Erziehung des Menschengeschlechtes, in diesem vorn hellsten und mildesten Geiste beleuchteten und durchwärmten Aufsatze finden wir, nachdem die Bibel zum Erziehungsbuch für das im Glauben noch ungeschulte Volk gestempelt wird, folgende Worte: ״Hüte Dich, Du fähigeres Individuum, der Du an dem letzten Blatte dieses Elementarbuches stampfest und glühest, hüte Dich, es Deine schwächeren Mitschüler merken zu lassen, was Du witterst oder schon zu sehen beginnst.“ Diese Stelle, aus dem Zusammenhänge gerissen, könnte allerdings als Basis für jene sonst ganz baufällige Beweisführung dienen und zum mindesten einen leisen Zweifel an die Glaubensfestigkeit des Dichters rege machen; aber schon der nächste Satz muss uns eines besseren belehren und uns seine wahre Meinung, mit nicht misszuverstehender Klarbeit, vermittein: ״Bis sie Dir nach sind, diese schwächeren Mitschüler, — kehre lieber noch einmal selbst in dieses Elementarbuch zurück und untersuche, ob das, was Du nur für Wendungen der Methode, für Lückenbüsser der Didaktik hältst, auch wohl nicht etwas Mehreres ist.“ Aber wenn dieser Nachsatz auch nicht vorhanden wäre, so würde uns der voranstehende Satz noch keinen voreiligen Schluss auf die Glaubensmeinung dea Dichters gestatten, denn kämen wir bei dieser ängstlichen Klügelei und Silbenstecherei nicht noch zu ganz anderen, von den meisten Commentatoren gewiss nicht erwünschten Resultaten? Müssten wir nicht Lessing z. B. schliesslich auch als Anhanger der Seelenwanderungstheorie betrachten? ״Warum“, heisst es am Schlüsse derselben Schrift, ״warum könnte jeder einzelne Mensch nicht mehr als einmal auf dieser Welt vorhanden gewesen sein? Ist diese Hypothese dapum so lächerlich, weil sie die älteste ist, weil der menschliche Verstand, ehe ihn die Sophi* sterei der Schule zerstreut und geschwächt hatte, 80gleich darauf verfiel?“ — In dieser Weise fragend, fährt Lessing noch eine Zeitlaog fort und wäre ein Junger Brahma's zufällig auch ein Lessingverehrer, er würde gewiss, nach der Methode des Tages, nicht anstehen, ihn als Geist vor seinem Geiste zu erklären und sicherlich nicht mit geringerer Befugniss, wie ihn die Anbeter der ״ewigen Materie“, als Gottesläugner in ihr Streitcorps einreihen möchten. Wie schmeichelhaft aber auch für Lessing diese von so Vielen an ihm vollzogene Beschlagnahme sein mag, da sie, mehr als alles andere, für die dominirende Macht und Viel* seitigkeit seiner Individualität spricht, uns will doch bedünken, dass diese Beschlagnahme de part et d’au* tre jedes legalen Rechtstitels entbehrt. Lessing hatte gleich seinem Freunde M03es Mendelssohn aus dem (Jrquell der Philosophie geschöpft, durch das Studium dech^ntike seinen Geist gekräftigt und herangereift iliri^Renkweise war zum Theil der Socratischen nachgebildet, und so hatten sie in manchen Abhandlungen auch unmerklicli die Socratische fragende Lehrform adoptirt. .Durch Fragen, sagte Socrates von sich selbst, bringe er die Gedanken an’s Tageslicht, leiste er, wie seine Mutter, nur in einem anderen Sinne, Geburtshilfe seinen Schülern. Auch die nachgeborenen Weisen bedienten sich derselben wirksamen Methode, die ihnen die schwere Aufgabe erleichterte, die Jdee aus dem Dunkel zu erlösen und sich selbst zur Klarheit durchzuringen. Auf dem Pfade der zu den höchsten Zielen der Menschheit, zu den lichten Höhen der Erkenntniss führt, mussten sie hin und wieder vor einem Kreuzwege gelangen, der sie über die ferner einzuschlagende Richtung im Unklaren liess. Da war es, wo ihre Grösse am deutlichsten zu Tage trat, denn, weit entfernt sich ihrer Unkenntniss zu schämen und eine nothwendige, zum Zwecke der eigenen Orientirung errichtete Haltestelle, als Markstein für künftige Geschlechter zu erklären, oder eine Verniuthung für ein mit apodictischer Gewissheit hingestelltes Factum,