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Das jüdische Literaturblatt · 1881-06-22 · No. 25. (22.6.1881) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 25. (22.6.1881)
Date
1881-06-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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So. 25. Das Julirg;, X. üdische Literaturblatt. Znr BeleurhtnnR aller •Indenthnm nnd Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete dbr Philosophie. Geschichte,Ethnographie,Theologie.Orlentalia, Exegese, Homlletlk, Lltnrgik, Pädagogik. H e r a ״ s u e, ׳s n b e n von Rabbiner Dr. Moritz Kahmer. Mngjdobui’S:, .Juni 1S8I. Bücher der einschlägigen Literatnr, welche der Redaction zugesacdt werden, Anden in diesemBlatte eingeh.Besprechnng. BelEinsendnng von 1 Recenslonsexemplaren erfolgt ancb Erwähn. L d.Wochenschr. Das ״Jttdiciehe Llteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem lialben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Lei pzig bei Robert F riese) pro Jahrgang:® Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährl. bei allen Postanstalten and Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit25Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegen genommen durch die Central-Annoncen-Expedition von G. L. Daube & Co., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Lessing — ein Atheist? — Die Pleuropneumonie nach jüd. Ritualgesetz. — Tosefta-Variante״. Literaturbericht: Recensionen: Maybaum, Dr. S. Die Ent- Wickelung des alt-israel. Priesterthums. — Schwarz, Dr. Adolf. Worte der Trauer an der Bahre seines verewigten Vaters Rabbi Jacob Schwarz etc. Notiz. — Inserate. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Lessing — ein Atheist? Zu allen Zeiten haben die Völker ihre Götter nach ihrem Ebenbilde geschaffen. Den tiefsinnigen Brahminen war ihre Gottheit in metaphysisches Dunkel gehüllt, eine Verkörperung des Lichtes, der Urkraft; die blutdurstigen Mexicaner konnten sich ihren Hauptgott nicht anders denn kinderverzehrend und im Anblicke von Blut und Greueln schwelgend, denken; den schönheitsliebenden, dase'msfrohcn Hellenen musste ihre Phantasie nur cbenmässige, heitere Gestalten vorzaubern, ״ein lustiges Göttergesindel1‘ wie Heine sie nennt, — ihr Olyinpiervölklein war das Griechenvolk in ideal verkliirter Form. Und wie die Völker ihre Vorstellung von dem höchsten Wesens nach dem Muasse ihres Künnens und Fiihlens modeln und ihm nur jene Farben leihen, die ihrem geistigen Auge sichtbar und gefiillig sind; so legt jeder Einzelne seinem erwählten men schliehen Idole auch nur die Attribute bei, die ihm sehützenswerth erscheinen und vindicirt ihm unbewusst nur die Anschauungen und Empfindungen, für die er, in die engen Grenzen seiner Subjectivität gebannt, sich selbst erwärmen und begeistern kann. Wenn wir auch wissen und es oft genug wiederholen, dass die hervorragenden Geister aller Jahrhunderte, die, dem königliehen Adler gleich, ihren Flug naeh der Sonne richten und in unerreichbarer Ferne uuf einsamen Horsten nisten, durch aparte Merkmale von den vielen unter den Wolken schwärmenden Spezies •./״ennt sind, — unsere innewohnende Kitelkei* und vielleicht auch ein richtiger Instinkt bäumen sich gegen diese strenge Sonderung auf; ganz im Stillen hegen wir die Ueberzeugung, dass jene Elite-Naturen nicht aus anderem, nur aus deinselben Stoffe reicher und vollständiger geformt, nicht qualitativ, nur quantitativ vom Durchschnittsmenschen verschieden sind. In vollkommen logischer Gedankenfolge glaubt demgemäss auch Jeder seinen eigenen kleinen Standpunkt von jenen Grossen eingenommen, nur von diesen mit deutlicher ausgesprochenem Zielbewusstsein vertreten und versetzt somit seine Lieblingsheroen nur in die Sphäre, die ihm selb9t homogen ist. Eine bessere Illustration zu dieser Bemerkung ist schwerlich zu finden, wie die vor wenigen Monden in Wien abgelialtene L essi 11 gfei e r, während welcher Verherrlichungsoden in allen Tonarten an die Manen des grossen Todten gerichtet wurden. Ein vielstimmigeres, Bus den verschiedensten mitunter grell dissonirenden Instrumenten zusammengesetztes Concert, ist wohl nicht bald erklungen. Wenn die Theaterwelt ihn als den gewandten; geistreichen Bühnendichter feierten, die Gelehrten dem Andenken des ernsten Forschers, Kritikers, Bildners der Sprache huldigten, die Journalistik ihn als einen der ihren reclamirte, als denjenigen, der zuerst die Tagesfragen einer eingehenden Beachtung, unterzog und ihnen einen bedeutenden Einfluss auf sein künstlerisches Schaffen gestattete, wenn, sagen wir, von so vielen Seilen dem unsterblichen Dichter Imortellenkränze gewunden wurden, so finden wir diese Uebereinstimmung sonst auseinandergehender Elemente in der Vielseitigkeit der Bestrebungen der Alles umfassenden Thätigkeit dieses nimmer müden Geistes begründet, und müssen sämmtliche spontane Kundgebungen, einer, wie verschieden auch motivirten Verehrung als vollkommen berechtigt anerkennen. Das Eigentümliche an diesem Huldigungseifer wer nur, dass jeder den Geist des Dichters zu persönlichen oder Parteizwecken aus dem Grabe citirten, jeder ihn als Zeugen für die Legalität des eigenen Wirkens herbeirief und ihm, um ihn in den eigenen kleinen Gedankenkreis bannen zu können, nur diese Tendenzen andichtete, die. man selbst als die alleinseliginachendeii sielt erkoren. So ward der Natne Lessing zur deckenden Flagge einer gar sehr gemischten Geisteswaare und diente zuweilen als Aushängeschild für die verschiedensten, oft ganz entgegengesetzten Richtungen. Die Humanisten und Liberalen, in Lessing nur den Bannerträger der bürgerlichen Gleichheit und Brüderlich, keit, den Verfechter der Toleranz und Glaubensfreiheit

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