Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 24. (15.6.1881)
- Date
- 1881-06-15
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 auch das Gesetz keines Lasters geschont, gegen keine Gattung desselben besondere Nachsicht geübt. Wer dieses Gesetz zu seinem Hüter hat, der sündigt nicht. ״Wie wird ein Jüngling, heisst es (Ps. 119), seinen Weg tadellos wandeln? Wenn er sich hält, Herr, nach deinem Wort.“ Oder wie David gesagt hat': Ich bewahre deine Aus- Sprüche in meinem Herzen, dass ich nicht sündige (Ps. 119). Dieses Gesetz verscheucht die Hauptlaster der Menschen, Unvorsichtigkeit, Furchtsamkeit, Umniissigkeit und Ungerechtigkeit. Es bewahrt Augen und Ohren und alle Sinne und Glieder des Menschen, dass sie nicht der Sünde verfallen. Es verfolgt jedes Hauptlaster — z. B. dass man sich vor Ungerechtigkeit sowohl gegen Gott als gegen Menschen hüten solle. Denn es ist allerdings Ungerechtigkeit gegen Gott, wenn mar! die Ehre, die ihm gebührt, einem anderen erweist, deshalb heisst es: Du sollst dir kein Bildniss machen u. s. w. Und 11m der Ungerechtigkeit gegen Menschen zu wehren, verbietet es die Liebe zu den Reichthümern dieses Lebens, als die Quelle vielen Unrechts ... Ja es hat dies Gesetz sich nicht allein auf besondere Arten der Hauptlaster eingelassen, um davor zu warnen, sondem auch zu den entgegengesetzten einzelnen Tugenden ermahnt und nicht nur Regeln sondern auch Beispiele von Schamhaftigkeit, Tapferkeit u. s. w. gegeben. Der Stil und Stoff im Alten und Neuen Testament haben viel Aehnliches mit einander und beweisen ihre gegenseitige Verwandtschaft.Eben hierin zeigt sich der grosse Unterschied: Die echten Apostel Christi sind Ausleger des alten Gesetzes und beweisen sich im vollständigen Einklänge mit demselben; aber die f a 1 s c 11 e n Lehrer verwerfen, verachten und 1 ä s t e r n dasselbe, da doch das eine von dem anderen nicht getrennt werden kann. Wenn die Apostel etwas vom Gesetz vor sich haben, so sehen sie immer dabei auf das Evangelium zurück, und wenn sie das Evangelium pllegen, so hüten sie sich gar wohl, das Gesetz aufzuheben.“ ״Sie bekritteln aber besonders die Härte des Alten Testaments und die Lehrer desselben, als wenn diese nur immer gestraft hätten, ohne Sunftmuth und Mitleid walten zu lassen. Dass Elischa die Knaben von Bären tödten liess, Eiiah aber auf die gegen ihn gesandten Männer Feuer vom Himmel hat fallen lassen. — Als ob nicht auch Paulus gegen den Zauberer, Petrus gegen den Ananias und Sapphira auf ähnliche Weise verfahren hätte. Aber der Sohn — sagen sie — ist eben voll Mitleid. Der Urheber der Evangelien ist sanftmiithig, das Gesetz dagegen ist hart, schont nicht, belegt jedes Verbrechen mit Strafe Petrus hat den Herrn verleugnet und es ist ihm vergeben worden. Eben, eis ob Niemand im Alten Testament Gnade und Vergebung Uber begangene Sünden erhalten hätte. Wie hätte sonst David beten können: Sei mir gnädig nach deiner grossen Barmherzigkeit, wasche mich rein von meiner Missethat und reinige mich von meiner Sünde. Nun, sagt man aber, das war der Eine oder der Andere unter dem Gesetz; aber Christus der Herr hat Alle eingeladen: ״Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Aber David hat ja doch in seinen Psalmen gleichfalls die ganze Erde und die Welt und alle die darin wohnen, Reiche und Arme, aufgerufen und auf die Güte Gottes aufmerksam gemacht. Jona ward nach Ninive geschickt, Busse zu predigen. Diese grosse und volkreiche Stadt ging in sich, hörte auf den Propheten, und die Strafe ward abgewandt; der Prophet aber, den die göttliche Milde nicht gefallen wollte, bekam noch einen Verweis darüber. Ein andermal ruft der Herr durch den Propheten Ezechiel: Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen!“ Auch Johannes Damascenus (gest 780) sagt im 4 Buche du orthodoxa fide c. 18: Es ist. ein und derselbe Gott, der im Alten und im Neuen Testaincnt verkündigt wird, indem der Herr sagt: ״ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufznlösen, sondern zu erfüllen.“ Altaegvptische Religion und jüdischer Monotheismus. Herr Reginald Stanley Poole hat die vielbesprochene Frage, ob die Israeliten, und zwar zunächst Moses, den Monotheismus den Aegyptern verdanken, einer neuen, streng wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen und das Resultat, dieser Untersuchungen in der ״Royal Institution of Great Britain“ mit.getheilt und in der ״Contemporary Review“ veröffentlicht. Küssend auf den jüngsten Forschungen der Egyptologen zieht Herr Poole eine Parallele zwischen dem egyptischen Monotheismus und dem der Hebräer, und dadurch erhellt zur Genüge, dass diese beiden Ansichten so entfernt wie möglich voneinander sind. EineThatsache ganz besonders, die nunmehr endgiltig festgestellt ist, erleichtert wesentlich diesen Vergleich. Die egyptische Religion veränderte sich nicht wesentlich von den ersten Tagen ihres Bestehens bis zu ihrem Untergange. Der egyptische Monoiheismus war ein vielseitiger (many-sidel. Es gab nämlich 3 philosophische Ansichten über den Monotheismus. Die erste galt den Moralisten. Sie lehrten die grosse Macht, die monotheistische Macht, N u t e r genannt. Diese Lehre reicht bis in die älteste Zeit der Egypter hinauf. Die Sprüche Pt ah-ho te p’s aus der fünfte!» Dynastie (8000 v. d. g. Z.j enthalten schon den Glauben an die abstracte und unfassbare allgemeine Weltmacht. Nicht die leiseste Andeutung eines persönlichen Gottes findet sich hier, viel weniger noch Anthropomorphismen. Der e i n e G ot t der Egypter ist eine abstracteldee. Die zweite Ansicht war die der egyptischen Priest e r. Dies war bei ihnen die erste Ursache und ist in den frühesten Kapiteln des Todtenbuches eines der ältesten Denkmäler der altegyptischen Religion niedergelegt. Diese erste Ursache war ein zweifaches Ding, von dem alles und jedes einzelne Ding ausging. Der Schöpfer und die Quelle der ״persönlichen Gottheiten“ blieb unpersönlich. Auch dies ist nur ein philosophischer Monotheismus, ein absti’akter Begriff des abstrakt Seienden. Die 3. Ansicht gehörte den späteren Priestern, welche die ursprüngliche Lehre ihrer Vorgänger umstürzten; anstatt nämlich alles auf das eine zu beziehen, suchte sie das eine in allem zu finden. Und so bildet sich der Sonuencultus des Gottes Ra. Es giebt nichts ausser Ra, er ist Alles in Allem. Die ganze Natur zeigt nur Manifestationen von ihm, Gutes und Böses kommt in gleicher Weise von