Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 21. (25.5.1881)
- Date
- 1881-05-25
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 82 — den feierlichen Umzug der alten Götter bezogen hat,' wendet er sich wieder dein Ahasverus zu Eine Volkssage liefert einen der klarsten Beweise, dass die Spukgestalt des ewigen Juden auf die des grossen Wänderers und Weltjägers Wodan gepropft worden ist. Der wilde Jäger, welcher Jesus aus einem Flusse nicht habe trinken lassen wollen, ihn auch von einer Viehtränke fortgejagt und geäussert habe, aus einer Pferdetrappe, wo sich Wasser gesammelt, könne er trinken, muss dafür ewig wandern und sich von Pferdefleisch nähren Und wer ihm nachruft, dem bringt er Pferdefleisch und er muss auch davon essen. Hier wird keines Juden!•edacht. Es scheint eine mythische Darstellung des Kampfes zwischen dem alten Glauben der Deutschen und der neuen Religion vorzuliegen. Ein weiteres Mittelglied zwischen der alten Göttersage und der vorchristlichen Ahasver-Legeude findet sich in einer Sage des badischen Schwarzwaldes: Der ewige Jäger sei dieselbe Person wie der ewige Jude Von letzterem wird erzählt, er habe stets einen Groschen in der Tasche, der ihm nicht ausgehe, wie oft er ihn auch ausgebe. Dies erinnert an die Wunschdinge Wodan’s. Bei Breiten wird erzählt: der ewige Jude spuke im Walde. Dies ist ein sonderbarer Aufenthalt für einen wandernden Sohn Israels. Der Vertreter eines Volksstammes, dem man nirgendswo eine romantische Hinneigung zum Forst suschreibt, wie sie den germanischen Völkern als eigentümlich gilt, ist hier in eine Oertlichkeit der Natur versetzt, die dem noch umgehenden Gespenst des zum Heerführer der wilden Jagd gewordenen Sturmgottes vollkommen entspricht. Die schweren grossen Schuhe des ewigen Juden, welche von 100 Bietzen zusammengesetzt sind, erinnern stark an den ungeheuer grossen Schuh des nordgermanischen Gottes, der die Ewigkeit und UnVergänglichkeit darstellt, nämlich des eddischen Widar. Der Name Ahasver (der, auffällig genug, ein Schuhmacher gewesen sein soll) findet sich in der Volkssage nicht. Wenn aber ein As-Widar (Gott Widar) einst auch in Deutschland verehrt wurde, so könnte Ahasver daraus entstanden sein. Ein anderer Name desselben lautet in lateinischer Form Buttadeus, was einige für Wodan erklären. In Schweizer Sagen trefFen wir auf eine Gestalt, die der Pilger von Rom heisst und entsprechend gekleidet ist. Er hat den grossen Hut, den langen Mantel, die stark beschlagenen Schuhe, die den genannten deutschen Heidengottheiten, wie auch dem ewigen Juden zugeschrieben wurden; aber der Jude wird in der Sage nicht erwähnt. In Dörfern deseiben Gebiets, wo Judengemeinden sind, wie auch im katholischen Frickthale wird daneben der ewige Jude genannt. Religiöse Abneigung hat da offenbar die Mythe beeinflusst. Als Pilatus, der Wanderer, bewohnt dieselbe Gestalt, den Pilatusberg. Ein bergentrückter, im Wald spukender ״Jude“ — das hat offenbar keineu Sinn. War aber der Jude ursprünglich ein Wodan, Godan oder Gudan, so ist da6 Räthsel bald gelöst. Es wäre dieselbe Umwandlung, wie bei den Güte he n in den J üdchen. Solch genaueres Eindringen in einen gesunkenen Ideenkreis, aer oft auffällig mit der vedischen Religion Indiens zusammentriffc, befähigt uns auch, das als dichterisches Erzeugnis» zu verstehen, was uns sonst nur als Aberglaube und gehässiger Fanatismus anwidern müsste. Auf alle Zeiten hinaus wird ein gewaltiger Welt- Odem durch B’eld und Wald, über Berg und Thal rauschen und Strom und See mit Macht bewegen. Insofern wird es an einem ewigen Wanderer nimmermehr fehlen. Verstehen wir die Sage in diesem natürliehen Sinn, so wird ein Fluch hinweggenommen, es wird ein Gefühl der Erleichterung in mancher noch vom trüben Vorurtheil belasteten Brust erzeugt, und es wird der Beweis geliefert worden sein, dass ein Körnlein guten Sinnes, wie sehr es auch vom Unsinn überwuchert sein mag. selbst in jenen grausen Mähren vorhanden ist, in welchen der Menschengeist ganz irre gegangen zu sein schien. Literaturbericht. Recensionea. A treatise on theuse of the tenses in Hebrew and some oiher syntaetical questions by S. R. D r i v e r M. A. Fellow of New College. Oxford. (Schluss.) Schön ist die exceptionelle Verbindung der Conjunction )3 mit dem Perfectum begründet durch eine Analogie mit Thukydides 3, 53 vOv ok {p'jTsßioy a«1 a rJn<H»>־:r^.cDuv. (p. 53) Caput 4 handelt über den Cohortativ und Jussiv (p. 58—75). Seite 65 wird die Frage ausführlich erörtert, ob der Cohortativ je die Bedeutung muss im Hebräischen hat und auf Delitzsch' Psalmen (zu Ps. 55 Vers 3) hingewiesen, wo er sagt, der Cohoitativ bezeichnet nicht selten ״ich soll oder ich muss von Selbsterregungen, die von aussen bedingt sind.“ Das Zeichen des Cohortativ ist das 'ה paragogicum, welches später seine Cohortativ-Bedeutung verloren hat. Berühren wollen wir das besonders interessante ה am Schlüsse de9 Wortes לשאלה, לישועתה, wo ja in jedem Falle scheinbar das ל oder das ה überflüssig ist. Bekanntlich ist die Regel כל תיבה שצריכה לסד בתחילתה הטיל לה הכתוב הא בסופה von Rabbi Nechemja im Talmud babli (Jebamotl3b) und im Midrasch Bereschit Rabbot (cap. 14) im letzteren merkwürdiger Weise im Namen des Rabbi Nechemjah mitgetheilt') (siehe Berliner, Beiträge zur hebräischen Grammatik in Talmud und Midrasch, Berlin 1878/79) Dem Talmud waren solche Worte gleichfalls schwierig und wir wollen aus dem Talmud noch die räthselhalte Form למצרימה anführen, die bei Driver p. 68 fehlt und die Lösung des Rabbi Abbä bar Zabdi mittheilen, לשאולה bedeute למדרגה התחתונה של שאול!" die unterste Hölle, in den tiefsten Höllenpfuhl. Wir wollen nicht für die Rieh* tigkeit dieser Erklärung einstehen, gewiss aber ist, dass dies schon die Talmudisten beschäftigt hat, Herr Rabb. Dr. M. L». Hoffmann in Ung.-Brod hat mir diesbezüglich eine interessante Bemerkung gemacht; er glaubt nämlieh, שאול sei ein zweigeschlechtiges Wort wie צדק und צדקה und ähnliche. Die Schwierigkeit betreffs ,למצרימה לישועתה Wäre hiermit allerdings noch nicht gelöst. Auch hier aber würde Driver aus Munk’s Notice, aus dem Studium von Ibn Ganach’s Rikmali (ed. Goldberg p. 163) haben lernen können, dass dieser Punkt schon von den ältesten hebräischen Grammatikern sehr genau erwogen wurde. Caput V handelt vom Voluntativus mit י, von p. 76—82; von Ewald wird diese Form consecutiv genannt und entspricht auch mehr dem latein. 11t consecutivum. Caput VI bespricht das Imperfectum mit dem 1 (waw mit Patach und darauf folgendem Dagesch) auch waw conversivum genannt, von p. 83—120. Mit Recht behält Driver den alten Ausdruck conversivum bei, gegen die modernen Grammatiker Böttcher, Ewald, die M Wir gedenken Rabbi Nechemja als Hauptperson auf dem Gebiete der Grammatik im Talmud nachzuweiaeu.