Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 14. (6.4.1881)
- Date
- 1881-04-06
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sacher-Masoeh, Neue Judengescliichtcn. Verlag von K. L. Morgenstern, Leipzig 1881. 209 S. Auch diese ,.Neuen Judengeschichten* von Sacher- Masocli bieten eine Fülle charakteristischer Züge aus dem Innen- und Aussenleben des jüdischen Volkes, die der Natur unmittelbar abgelauscht zu sein scheineu. Den Reigen eröffnet: ״Des Rabbi Wunderspiegel“, der. wie jeder andere Spiegel es auch thuu würde, der Frau des Hirsch Bickeles ihr durch den Zorn entstelltes Gesicht zeigt und so schnell die Wolken des Unmulhs von deren Stirne verscheucht. Auch ״ein Aufgeklärter“, worin ein Jude eine am Wege anfgelesene Christin als seine Tochter erzieht und sie, nachdem sie die Liebe eines Christen gewonnen, übe.r ihre Abkunft aufkliirt und jenem als Weil) zuführt, entbehrt nicht treffender Schlaglichter. Die ״Venus von Braniza“ dagegen wirft ein grelles Licht auf den Unterschied der Lebensauffassungen eines lüsternen Weltk^tes und eines irdischem Gianze entsagenden TalmudWwi, die nebeneinander in das Joch der Ehe gespannt sind, ein Gegenstand, der nicht minder glücklich im ״Scheidehnet1‘ durchgeführt ist, wo Aufklärung und Bildung dem zähen Festhalten am Hergebrachten gegenübersteht. Ein ergreifendes Drama entrollt der Autor in der ״Deborah von Nagy-Nemethy“; der Mann, der Verrät her seiner Landsleute, wird von seinem Weibe der verdienten Strafe überantwortet, und dieses selbst sühnt noch durch eigenen Heldentod die Schandthat des Galten. Hinweg von kriegerischen Tumulten führt uns die Erzählung von ״Malach Schneefuss und sein ן Golem“ in die stille Behausung eines eifrigen Talmu- | dislen und schildert, wie dieser dem Leben wiedergej geben wird. Er, der sich nur im Irrgarten des Talmuds erging, wandert nun in Gottes freier Natur umher, sammelt Steine, Kater und Schmetterlinge und liest naturwissenschaftliche Werke! Da es ihm so gut bekommt, wird ihm!1er Leser gewiss gern den Betrug verzeihen, den er an •seinen Glaubensgenossen begeht, die den Abtrünnigen mit dem Bannflüche bedrohen. Von launigem Humore durchweht ist ״der Handel 11m den Namen“, worin in ergötzlicher Weise die Art der Ausführung des bekannten Erlasses Kaiser Joseph II. dargestellt wird. Ihm reiht sich ״Cipre Goldfinger“ an, das die Liehe einer Jüdin und eines.Christen zum Angelpunkte der Handlung hat. Klingt diese Erzählung in schriller Disharmonie aus, so wirkt die folgende, ״von Fenster zu Fenster“, die uns stille, zufriedene Menschen zuführt, um so befriedigender. Der Schiller und Göthe citirende Baron Hirschbein und die nüchterne, resolute Wittwe Genendel Kosches, in der ersterer sein Ideal gefunden zu haben glaubt, zu spät aber seinen Irrthnm erkennt, sind wahrhaft köstliche Figuren. So kann denn einem jeden, der das Gemüthsleben des jüdischen Volkes in seiner unverfälschten Eigenart kennen zu lernen wünscht, dieses Buch auf das Wärmste empfohlen werden. V. Mies es-Leipzig. Mannheimer, M , ein. Rabbinatsverwescr und Religionslehrer. Das Gebetbuch und der Religionsunterrieht, historisch kritisch beleuchtet. Darmstadt 1881. Im Selbstverläge des Verfassers ln derThat bilden die im Titel angegebenen zwei Gegenstände der Untersuchung eine ebenso wichtige, als für das Judenthum bedeutsame Materie. Das Auftauchen so vieler neuen Bearbeitungen des Gebetbuches, welches wir im Interesse der Einheit des jüdischen Gottesdienstes einerseits tief beklagen, findet doch andererseils nicht nur in der NeueruDgssucht mancher Rabbinen seine Erklärung, sondern geht oft aus dem tiefempfundenen Bediirfniss hervor in der allgemein einreissenden Gleichgültigkeit gegen das altererbte Gut, für die Jugend zu retten, was zu retten möglich ist. Glaubt man nun in einer Sichtung und Bearbeitung des Alten das erhoffte Ziel zu finden, so ist es nicht gleichgültig, sich des historischer! Werthes der Gebetstücke bewusst zu sein oder nicht. An der Hand der Untersuchungen von Zunz, Landshut und Edelmann unterzieht der Verf. das Schema mit seinen Berachot und das Achtzehngebet einer solchen kritischen Werthbessimmung, deren Resultat nun freilich in den schon oft ausgesprochenen Behauptungen gipfelt, dass das Angelologisch ein den Gebeten aus babylonisch-persischen Anschauungen, das jüdisch und staatlich Nationale (Wiederherstellung des Opferdienstes und der staatlichen Selbständigkeit) in den Makkabäerzeiten, die Beziehungen auf einen persönlichen Messias aber in späteren, dem reinen Judenthum schon entfremdeten Gedankenkreisen entstanden seien. Eins müssen wir gestehen, eine dringende Veranlassung, den altbewährten Wortlaut gerade der in Rede stehenden Gebete zu ändern, haben wir dieser eingehenden und von grosser Beherrschung des wissenschaftlichen Stoffes zeugenden Untersuclmng nicht entnehmen können Das naive Gemüth, dem Beten Bedürfniss ist, nimmt an dem Engelglauben keinen Anstoss, der Gebildete weiss sich die Personificationen zu durchgeistigen. Der Messiasglaube ist einmal aeceptirter Glaubenssatz im Judenlhum, die mehr geistige Auffassung desselben, sowie die Vermittlung des patriotischen Bewusstseins mit den jüdisch nationalen Hoffnungen und Wünschen muss dem Religionsunterricht überlassen bleiben Welche herrliche Früchte dem Judenthum auf dem letztgenannten Gebiete erwachsen können und sollen, hat der Verf. in dem zweiten diesem Gegenstände gewidmeten Theilc seiner Schrift gezeigt. Die geistreichen Bemerkungen Uber Ziel und Methode des Religionsunterrichts, die Polemik gegen v, Stoy und die Skizze über die Geschichte des jüdischen Erzieliungswesens verralhen den Meister in seinem Fach und verdienen von jedem jüdischen Sclmlmanne nicht nur gelesen, sondern dringend beherzigt und bethätigt zu werden. Die erste Recensententugend ist Aufrichtigkeit, und so hätten wir denn gewünscht, dass der Verf. die beiden Theile seiner werihvollen Schrift gesondert hätte erscheinen und dem zweiten Theile noch mehr Fülle und Ausarbeitung seiner tief durchdachten und bedeutungsvollen Andeutungen hätte angedeihen lassen. Die Darstellung ist auch für den Laien klar und verstündlich, die Ausstattung des Buches aber sehr angemessen Caro- Erfurt. Der Midrasch zum Buche!Esther. Zum ersten Mule ins Deutsche übertragen von Lic. Dr. Äug. Wünsche. Eiugeleitet und mit Noten versehe!) von Rabbiner Dr. Julius Fürst. Ein Rand 8. 3 Mark. Der durch seine gründlichen Forschungen auf den Gebieten des Talmud und Mi* drasch rilhnilichst bekannte Dr. Wilna he hat soeben die Uebersetzung dieses an Allegorien, schönen Sogen und Gleichnissen besonders reichen Midranjh vollendet. Dr. Wilnsclie's Uebersetzuugen sind von der ganzen jüdischen Fresse mit ungetheilter Anerkennung und einstimmigem Lobe begründet worden. Durch jede Sortimentsbachhandlnng zu beziehen. Die Verlagsbuchhandlung von Otto Schlitze. Leipzig. [2t>19 Veiantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer in Magdeburg. Druck von 11 Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.