Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 13. (30.3.1881)
- Date
- 1881-03-30
- Page
- Seite 53 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 53 — wir uns: inein Gott, war das unter Juden, dem Volke der Zucht, der Keuschheit und der Sitte, möglich? Aber die Erzählung beruht nicht nur auf historischer Wahr* heit, nein, sie ist trauriger Weise noch nicht wahr genug, es sind in jenen Kreisen Dinge vorgekommen, die zu beschreiben die Feder »ich sträubt — —! Gott Lob, dass Sie vorüber, jene traurige Zeiten! Vorüber? 0 nein, thenrer Leser, willst Du die Typen der Weissmann' sehen Novelle lebendig kennen lernen, begieb Dich in ein polnisches Cha'6idimsttibel und Du kannst sie leibhaftig schauen, die Vertreter des wilden Fanatismus, der rohen Unwissenheit, der bornirten Frechheit und der grenzenlosen Arbeitsscheu und Genusssucht Und auch noch an einem anderen Platze, da wo es uns das tiefste Seelenleid, den brennendsten Schmerz bereitet, sie zu wissen, auf dem geheiligten Boden Jerusalems kannst Du mit Beseht und Bär Meserilz, mit Chaskel und Leib Saras Bekanntschaft machen, mit den Chalukaverschlingenden Memunim unddeo beutelustigen Pekidim, die auf unsere Geldgaben lauern, unsere heiligsten Gefühle aber schänden und verspotte!!! Ueber den gegenwärtigen und vergangenen Jammer solcher Zustände bereitet die Erscheinung der I lieblichen, echt jüdisch fühlenden Ester und des würdevollen gelehrten Rabbi Beer einen mild versöhnenden Schimmer. Möge die Lectüre dieses geschickt eutworfenen Zeitbildes aller Orten Kämpfer erwecken, gegen neues Unheil, welches uns durch blinde Verkennung unserer civilisatorischen und fortbildenden Aufgabe I innerhalb des Judenthums auch in Deutschland bedroht. Gar 0• Erfurt. Scholl, Carl, Prediger der freien Gemeinde in Nürnberg. Jesus von Nazareth auch ein Semite. Wir können diesen Vortrag jedem Freunde der Wahrheit — sei er Jude oder Christ — mit gutem 1 Gewissen empfehlen! Der Verfasser wendet sich nainentlich gegen den mit eben so vieler Freohheit als Unwahrheit herauf beschworenen Racenkamp f der sogenannten Antisemiten. Es ist höchst traurig, dass Leute, die mit der nachbiblischen Geschichte des Judentiiums gar nicht vertraut, ja selbst den edlen 0! ist, welcher durch das alte Testament weht, zu würdigen nicht im Stande sind, es dennoch wagen, mit ihren Lügen und tollkühnen Agitationen in die Oeffentlichkeit zu treten! Wennflcnrici den Edelmuth Abraham's, 1 welcher selbst für die unverbesserlichen Sünder in Sodom und Gemorrha um Versöhnung beim Allvater be• tete, als ,,Schacherhandel“ betrachtet; wenn ferner &1 a r r die Juden als Angehörige einer niedrigen Race scitildert; wenn dazu Stöcker — von oben begünstigt — vorgiebt, dass er nicht gegen die jüdische Religion, sondern gegen die jüdische Race kämpft etc.: 60 reisst diesen Allen der Wahrheit suchende und findende Prediger mit dein rubricirten Vortrag die Larve der Verstellung . vom Gesichte und zfigt nicht blos, da•• Jesus — gleich Abraham und Moses eto. — von dieser angeblicli niedrigen Race stammt, sondern uueh, dass Jesus die ewige Wahrheit reiner Gotteserkenntniss und achter Menschenliebe schon in den Mosaischen Schriften vorgefunden habe und nur aus dem zeitlichen und örtlichen Gewände entnationalisirt habe — eine Tbat, wozu ihm schon die Propheten des alten Testaments vorangeieuchtet hatten! Mö.׳en darum diejeainigeu Israeliten, welche in der jetzigen materiellen Zeit im ulten Testament nicht so bewandert sind, wie der wackere Prediger Herr Scholl, aus diesem seinen Vortrag lernen, was sie den verlogenen R&cekäuipfem zu antworten haben. Mögen aber auch viele Ch ris teil, die zu den Gebildeten und Hoclistehenden in der deutsehen Nation gehören, daraus erkennen, was sie dem Judenthum zu verdanken haben und sich — »leich nnserm wahrhaft edlen und erleuchteten Kronprinzen — von jenen falschen Agitationen mit Verachtung abwenden! Bad Ems. Dr. Hochstäd ter° Notizen. 1) Schon seit Jahren wird (fräher im ״Hamagid“, zuletzt in N1-. Ü dies. Bl.) über die räthselhalt sein sollende Stelle in Sifri: אל תקרי לא נם לחה אלא לא נם לחה experimcntirl, ohne dass Beftiedigendes zur Lösung des Räth8eis erreicht wurde. Aber das Rälhselhafteste in der ganzen Sache ist, dass die zweite Hälfte jener Stelle, in welcher die Erklärung deutlich gegeben ist, unbeachtet oder ungelesen blieb. Die betreffende Stelle lautet vollständig: ולא נם לחה רבי אליעזר בן יעקב אומר אל תקרי לא נס לחד. אלא לא נם לחה, עכשיו כל הנוגע כבשרו של משה לחה פורחת אילך ואילך. Wir sehen also, dass רבי אליעזר יעקב p nicht לחח, sondern לחה lesen will, welches Wort im Talmud ״Flüssigkeit“ oder ״Saftigkeit“ bedeutet, um hiermit seinen דרש zu begründen, dass jetzt noch (עכשיו) — nach dem Tode des Moses —, wenn man sein Fleisch berührte, die Saftigkeit desselben hin und her sich bewegte. Bekanntlich haben alle alten Versionen לחה gelesen und das Nomen לח aufgefasst entweder in der Bedeutung von ״ לחיKinnlade“, wie LXX, Vulgata und Pseudo- Jonathan, welche dies Wort mit ״-;ü.•»!«, dentes und ניבי לפתיח* übersetzen oder in dem Sinne von לוח, welches nach dem Arabischen (s. Gesenius’ Hwb. 11. Levy’s Nhb. Wb. 8. h. v.) ,,glänzen“, ,.glatt sein“ bedeutet, wie Onkelos, welcher זיו יקרא דאפוהי übersetzt. Sie wollten die recipirle Lesnart לחה lesthalten und, da das neuhebräische לחה nur als Nomen feinininuin vorkommt, so hätte hier in diesem Sinne auch stehen müssen לחה oder 1לחח. R Elieser b Jacob aber, der einen Derasch vor hat, ist wie bekannt in solchen Fällen an die be9tehende Leseart nicht gebunden, ändert daher לח1ז in לחה um — durch das gebräuchliche אל תקרי — und knüpft daran seine Bemerkung עכשיו וכו Die masculine Form נס reohtfertigt sich dabei durch die bekannte Regel, wo das Prädikat dem Subjecte vorangeht, Geschlecht- und Zahl-Form unbachtet bleiben Brau 11-Schneidemühl. 2) Interessant ist die Angabe der Anzahl und der Titel sämmtlicher jetzt erscheinenden jüdischen Zeit- Schriften (Jahres-, Monats- und Wochenschriften) in dem nun vollendeten ersten Bande von Ch. D. L i p p e’s ״bibliographischem Lexicon * Rechnen v\ir die in jüngster Zeit hinztigekommenen vier hebräischen Blätter (,המצפה, החווה יזרעאל und האוהב), sowie die deutsche, ״Israelitische Lehrerzeitung“, so erscheinen nun in hebräischer Sprache 22, in deutscher 25, in jüdisch-deutscher 15, in französischer 5, in englischer 15, in italienischer 3, in holländ16cher 3, in russischer 2, in polnischer 2, in ungarischer l, in spaniolisclier oder spanischer 7, im Ganzen also genau 100; hierzu kommen noch 8 Jahrbücher und 8ammelschrifien in verschiedenen Sprachen. — Lippn's gedachte Arbeit verdient grosse Anerkennung und wegen ihres praktischen Nutzens allgemeine Verbreitung. 8ie enthält die Adressen von Rabbinen, Predigern, Sohriftsteliern, Literaturfreunden etc in der alten und neuen Welt. Es soll, nach der Vornahme des Herausgebei'8, alljährlich ein Supplementband erscheinen. ■lerlsItSigviky. In vor. Nr. ö. s8 Notii 6, vorletzte Zeile mute es *t. ,Talrond* heissen .Midrasch.“ Verantwortlicher Redarteur Dr. Rehmer in Magdeburg. Druck von ILUorbash in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.