Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 4. (26.1.1881)
- Date
- 1881-01-26
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5367336-6488242-5991001--1741-5367688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oran 1× ep/1048048
OCR text
N 01 i z e מ. 1) lieber den angeblichen Gebrauch des llalsumdrehens bei den kaukasischen Juden. — Wir haben über diese Genickbrech-Geschichte in Nr. 2 d. Bl. bereits borichlet; von sachkundiger Seite bringt jetzt die ״N. K. Pr.“ folgende Widerlegung: ״Diese Räubergeschichte u. 8. w. ist wörtlich dem ״Ausland“ entnommen, einer verbreiteten Zeitschrift für Natur• und Völkerkunde, deren Redacteur ein namhafter Ethnologe ist und in dieser Eigenschaft in der Lage sein könnte, die Unglaubwürdigkeit seiner Mittheilung zu beurtheilen. Die gelenkigen Verbindungen zwischen Kopf und Atlas, seinem unmittelbaren Träger, zwischen diesem uud dem zweiten Halswirbel gehören zu den widerstandsfähigsten des ganzen Körpers. Unter ״Genickbrechen“ versteht der Anatom weder einen Bruch der Knochen, noch eine Verrenkung, Verletzungen, die primär niemals beobachtet worden sind, sondern er versteht darunter die Zerreissung des Bandapparates zwischen Atlas und zweitem Halswirbel. Auch diese Verletzung gehört zu den grössten Seltenheiten, wird beim Henken beabsichtigt, aber in den meisten Fällen nicht erreicht, vielmehr tritt der Tod in Folge der Unterbindung der Blutgefässe ein. Als Beispiel des Genickbrechens durch äussere Gewalt pflegte H y r 11 . anzuführen, dass ein Knecht, auf hochbeladenem Heuwagen sitzend, die Höhe des Thorweges, in den er einfuhr, überschätzte und mit dem Kopfe 60 heftig an- ׳ stiess, dass er augenblicklich gelödtet war. Die Section zeigte, dass der Gelenksfortsalz des zweiten Hals- Wirbels die ihn umspannenden Bänder gesprengt hatte und in das Rückenmark eingedrungen war. Jeder Mediciner des ersten Jahrganges weiss, dass eiu Genickbrechen aus freier Hand einfach ein Ding der Unmög- , lichkeit ist. i Allein der Berichterstatter des ״Ausland“ braucht die anatomischen Verhältnisse der Halswirbelsäule nicht gekannt zu haben; er begreift unter Genick den ן ganzen Hals, und die Leser nehmen die Sache auch nicht so genau; es wird ihnen bei der Thatsache des Halsumdrehens gruselig genug. Wie steht es aber um diese Thatsache? Auch sie ist von vornherein höchst unwahrscheinlich. Jedermann kennt die Halswirbel- Säule kleinerer Thiere, welche uns zur Nahrung dienen, uud weiss, wie schwierig sie aus ihren Gelenken gebracht oder gar durch Drehung gebrochen werden könnten, selbst dann, wenn die Weichtheile keinen nennenswerthen Widerstand mehr leisten. Wie erst beim Menschen! Unsere Bedenken gegen die Riehtigkeit des gemeldeten Vorganges wurden zuerst von befreundeten Collegcn, sodann von den anatomischen Autoritäten der Wiener Hochschule getheilt, zugleich aber beschlossen, einen Versuch zu machen, weil der Fall noch nie vorgekommen sei und die Möglichkeit desselben theorethisch nicht absolut ausgeschlossen werden könne Am 5 Januar d. .1. wurde im Wiener anatomischen Secirsaale im Beisein unzweifelhafter Autoritäten eine Leiche mit langem dünnen Halse gewählt. Von drei kräftigen Männern fixirte einer den Thorax unverrückbar, die beiden Anderen — für mehr als vier Hände bietet der Kopf keine Angriffspunkte — führten die Rotation aus. Die Drehung uni 180 Grad gelang nicht vollständig, doch nahezu, der Kopf kehrte aber sofort wieder in seine frühere Lage zurück. Bei der darauf vorgenominenen Section fand sich keine andere Verletzung als eine kleinere Dehiscenz des Ligamentum longitudinale anterius zwischen dein fünften und sechsten Halswirbel. Aus diesem Versuche, der unter den denkbar günstigsten Bedingungen angestellt wurde, ergibt sich demnach unwiderleglich die Unwahrheit des von dem ״Ausland“ erwähnten Vorganges. Aberglaube und Fanatismus treiben oft sonderbare Blütben und man kann natürlieh nicht behaupten, dass etwas Aehnliches niemals versucht worden sei. In Spanien gab es eine Verbrüderung, deren Mitglieder verpflichtet waren, die Sterbenden unmittelbar nach Empfang der Sterbesacramente durch Kis- 8en zu ersticken, damit sie nicht mehr in die Lage kämen, neuerlich Sünden zu begehen. Die Sache kam auf, als ein Mitglied selbst in Todesnöthen war und sich sehr energisch dagegen sträubte, mit seinen Genossen allein zu bleiben• Allein so wie Jemand versuchen würde, die Procedur des Halsumdrehens an Jemand vorzunehmen, 80 würde er gleich auf die Hindernisse stossen, welche der anatomische Bau der Halswirbelsäule dem Attentate .entgegenstellt. Man wird fragen: Ist denn die Geschichte interessant genug, dass man über dieselbe so viele Worte verliert, sie sogar vor die heilige Stätte der Wissenschaft citirt? Wir ßnden dieselbe an und für sich abscheulich; andern Geschmackes scheint die Redartion des ״Ausland“ zu sein, welche sie, wir wissen nicht aus welcher Quelle, eben jetzt dem deutschen Lesedublikum auftisclit und damit ihrem System treu bleibt, unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit deu Antisemiten Material für den Scheiterhaufen herbeizuschleppen. Nachdem aber die Fabel weite Verbreitung und gewiss auch gläubige Gemüther gefunden hat, hielten wir uns verpflichtet, ihr näher in das Gesicht zu leuchten — mittelst eines exacten Versuches. Durch den Ausgang desselben wurde ein Irrthum gründlich beseitigt, der sich sonst in die ethnographische Liter htur eingenisiet hätte, und man hat Beispiele dafür, dass solche erbgesessene Ammenmärchen nicht leicht wieder auszurotten sind Der Vesuch ist aber auch von diese Beziehung־ von Wertii. Er 6tellte eine anatomische Thatsache fest, die merkwürdigerweise, wie sich zeigte, unbekannt geblieben war und doch des wissenschaftlichen Interesses durchaus nicht entbehrt. Die Wege des Schicksals sind doch wunderbar Wer hätte jemals gedacht, dass eine gegen die kaukasi8chen Juden geschleuderte Verleumdung am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu einer wenn auch bescheidenen Bereicherung unserer anatomischen Kenntnisse führen würde? 2) Das in Oran erschienene Gebetbuch unter dem Titel: Schib 116 El0111m, receuil de priöres et poösies liturgiques, impriinc par Nissiin ben Elie Karsenty. Oran, imp. Karseuty 1880, in — 8° de 213 pages, enthält eine Menge liturgischer Gebete, die bis- 11er unbekannt waren, sowie auch eiue Reihe von Männern, die selbst Zunz in seiner ״Literaturgeschichte der synagogalen Poesie“ und in seinem Nachträge zur letzteren nicht hat So fehlt z B. der gleich im Anfang dieses Gebetbuches genannte Verfasser Josef Pardo, ferner Saadia שוראקי, Josef טטאן, Abraham באל> Juda ben Joset Segal Amsi ס׳ג׳ל.) ס׳ג׳ל אפסי bedeutet bekanntlieh, dass er dein Stamm .״ לןLevi‘• angehört, obwohl die Etymologie des Wortes nicht festsieht.) Kerner erhält der von Zunz in seiner Literat Urgeschichte p. 495 angeführte Scheinaja in diesem Gebetbuciie das Epitheton קוסו־ו in dem Piut אודה לאל לבב חוקר. Allerdings harrt dieses Wort קוסון nocli dos Erklärers. Wir werden noch Gelegenheit nehmen, eingehender dieses Buch zu besprechen, das für die Liturgie von hohem Interesse ist. Es ist nicht mit dein von Luzzatto im IV. Bd. des Kerem chemed p. 27 besprochenen Mahzor von Oran zu verwechseln. Dr. M. G. Verantwortlicher Redacteur t)r; Kahmer in Uagüeburg. Druck von H Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipiig.