Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 2. (12.1.1881)
- Date
- 1881-01-12
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
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wörte des angeführten Bibelverses בנוי לתלפיות auf Ge■ stalt eines vieleckigen Gegenstandes hindeulen, wie ihn die in Rede stehende Figur wirklich darstellt. Im Laufe der Zeit aber scheint dieses Sinnbild seine wahre Bedeutung verloren zu haben und wurde es seitens der Kabbalisten als Schutz- und Abwehrmittel gegen böse Geister, wie ursprünglich von den Heiden, benützt. Krakau, 22. December 1880. M L. Re che 1 es. Literaturbericht. Recensioae■. Murray, Thomas Chalmers, Professor der 6emitisehen Sprachen an der John-Hopkinds Universität. Lectures on the origin and growth of the Psalms. New- York. Ch. Scribner’s Sons 743 and 745 Broadway. 1880. Unsere Zeit pflegt ein Bildungsmittel, das dem Streben nach Verbreitung und Popularisirung wissenschaftlicher Forschungen verdankt, in hohem Maasse; es sind öffentliche Vorträge. Ueber Alles aber wird dem Publikum, das Bildung sucht, meistens eher öffentlicher Aufschluss gegeben, als über die semitische Gedankenwelt, insbesondere über die der H e b r ä e r, der Juden. Wir in Deutschland bekommen jetzt leider nur zwei Arien öffentlicher Vorträge über Semitenthum zu hören, entweder in den Reichshallen die Verhetzung, oder in den Vereinssälen eine Verriieidigung Aber eine Belehrung, die für das semitische Geistesleben, insbesondere aber für die Schütze der hebräischen Literatur begeistern, Verehrer derselben zu einer andächtig lausehenden Gemeinde der Wissenschaft verbinden will, kennen wir in Deutschland, dt m Lande der Forschung, nicht. Anders, sehen wir, geschah es in New-York. Da konnte es wa״en, da wagte es ein Professer, neun öffentliche Vorlesungen über die Psalmen zu halten, denen ein grosses Auditorium mit Spannung lauschte und die solches Aufsehen erregten, dass sie mit einer Widmung an den Präsidenten der Universität in einer sehOnen Ausstattung dem Publikum als gedrucktes Werk übergeben wurden Und in der That verdienen diese Vorlesungen vielfache Anerkennung Da sie nicht als e.xacte wissenschaftliche Studie veröffentlicht worden sind, so ist es auch nicht nölhig, eine genaue eingehende Prüfung derselben vorzunelnnen Soviel aber ist hervorzuheben, dass der Vortragende, ein origineller For* scher und Deuker, ein feiner Aeslhetiker und Kunstke.nncr, ein ruhiger und besonnener Verehrer der Psalmen in einer meisterhaften Weise die subtilen Kragen über die literarische Seite der Psalmen behandelt hat. Freilieh verleugnet er den Arier nicht, der dem Semiten gelegentlicii einen Hieb versetzt, eben so wenig den von Autoritätsglauben ganz entfernten Forscher, dem traditionelle Anschauungen über die Abfassung der biblischen Schriften wenig Werth haben und der Inspiralionscharuktcr derselben sich verflüchtigt, eben so wenig den noch in Vornrtheilen befangenen Gegner talmudischer Lehren. Auch hat sich der Vortragende selbst von den landläufigen Angriffen auf die Ethik der Bibel nicht■ ganz frei gemacht. Aber selten wir von allen diesen Hängein ab, die man nun einmal bei so vielen Forschern auf diesem Gebiete noch in den Kauf nehmen muss, so muss man zugestehen, dass wohl die in den Vorträgen ausgesprochene Ansicht über die Entstehung der Psalmensamiulung sowie die Ansichten über die Zeit der Abfassung der einzelnen Psalmen zu den besonnensten gehören, welche die moderne Kritik ausgesprechen hat. Das Gefabel von der Fülle makkabäischer Psalmen,die geradezu ausschweifende phantasievolle Auffindung von Namen der Psalmen Verfasser, die abenteuerlich8len Emendationsheilkuren, die fälschende dogmalische Exegese werden von dem Vortragenden in schlagender, geistreicher Weise abgefertigt und die traditionelle Auffassung der jüdischen Ueberlieferung vielfach geschätzt. Ueber Alles aber erfrischt der ästhetische Hauch, der alle Psalmenerörterungen durchzieht und an mehr als einer Stelle erhebt sich der Verfasser zu einer Lobrede des jüdischen Psalmendichters, das recht geeignet ist, den Griechencnltus zu ernüchtern. Wir wünschen lebhaft, dass diese Vorlesungen auch in Deutschland bekannt würden, es würde vielleicht die Semitenfrage in ganz anderer Weise zum Segen des Volkes ventilirt werden. Lengsfeld, 30. December 1880. Dr. Kroner. Eine nnglaubliche Notiz. Was doch Alles heutzutage dem leichtgläubigen 1 Publikum als ,jüdische Sitte‘‘ selbst in Wissenschaft- 1 liehen Blättern aufgetischt wird! So erzählt das ״Aus- 1 land“ (von Hellwald) — wir hatten schon Gelegenheit, i die wissenschaftliche Unparteilichkeit (?) dieses Blattes I bezüglich der Juden kennen zu lernen — in einer seiner , letzten Nummern folgendes Curiosum: ״Wenn ein Jude in Transkaukasien im Sterben liegt, 80 treten seine Freunde au das Lager und drehen ihm im Augenblick des Todes das Genick derartig um, dass das Gesicht nach hinten steht. Auf die Proteste der nächsten Angehörigen, wenn diese etwa glauben, dass der rechte Moment noch nicht gekommen sei, wird nicht geachtet; das Umdrehen muss mit einem scharfen, kräftigen Ruck erfolgen, sobald der Sterbende den letzten Seufzer aushaucht, und um nicht zu spät zu kommen, kommt man lieber etwas zu früh. Es kommt vor, dass der Patient dabei statt des letzten Seufzers ein heftiges Gebrüll ausstösst und das völlige Umdrehen hindert; ja es gibt Leute, die darnach wieder gesund geworden sind und einen schiefgedrehten Kopf als Andenken an ' die versuchte Operation behalten haben. (I?) Allein das sind Ausnahmen, in den meisten Fällen ist der Todes- . kampf mit dem Geniekumdrehen vorüber, der Leirtmam i wird nackt in das Todtenhemd genäht, aber so, dass | der Kopf frei bleibt, und auf einer Bahre im Laufschritt auf den Begräbnissplalz getragen. Mau wirft eine etwa 2 m liefe Grube aus, und legt den Todten mit über der Brust gekreuzten Armen so hinein, dass die Brust auf die Erde kommt, also das Gesicht, in Folge der execulirten Umdrehung, nach oben steht. Neben ihm werden Beil, Säge, Meissei, Speise und Trank und etwas Kleingeld, als unentbehrlich für seine Reise, gelegt. Mit jenen Gerüthen soll er sieh den Weg durch den unzugängliehen Wald bahnen, welcher den Zugang zur Himmelslliür hindert, mit dem Gelde den Wächter des Himmels erkaufen. Ist alles hineingelegt, so schüttet man die Grube zu und wirft einen kleinen länglichen Grabhügel darüber auf, dabei essen alle Anwesenden gebackene Eier, und zwar glühend heiss, und sagen zweimal: ״Du verbrennst mein Herz, so verbrenne ich de ins.“ Schliesslich betrinken sie sich und kehren tanzend nach Hause zurück.1' (Wir entnehmen diese curiose Notiz dem «Ausland“ Nr. 50 des vorigen Jahrgangs. Der ״verkehrte Kopf“ wird wohl nicht bei den kaukasischen Juden, sondern vielmehr bei dem Verfasser dieser neusten ״wissenschaftlichen Forschung“ zu suchen und zu — linden sein. 1 Red.) Verantwortlicher Red&eteur I)r. Hahiner in Magdeburg. Druck von H Hörbuch in Barby. Verlag von Kobert Friese in Leipig.