Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 1. (5.1.1881)
- Date
- 1881-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 — Reform nicht von der gesetzgebenden Gewalt, wohl aber von der Gesellschaft. ausgehen kann und muss. Was helfen alle das Volkswohl bezweckenden, auf dem Papiere verzeichneten Gesetze und Institutionen, wenn der Geist der Massen der legislatorischen Thätigkeit der Volksvertreter entgegenwirkt? Solange ein Gesetz nicht als Consc^uenz einer Reihe vorangegangener Prämissen erfasst und als unuimtösslichc culturhistorische Nothwendigkeit im Volks bewuBslsein sich festgeankert hat, so lange die Idee nicht Fleisch wird, bleibt sie eben nur ein h liles, unfruchtbares Abstructum und alle die zu ihrer Ehre gesammelten Gedankenblitze und niedergeschriebenen rhetorischen Heiden(hüten, mögen wohl als Zierde des Staatsarchives, nimmermehr alter als Motor des Fortschrittes gelten. Nicht die Tribüne, nicht das Forum ist der Platz, wo eine die (iemiither 0,11er aufreizende, denn beruhigende Polemik entfesselt werden sollte, vom Katheder, in den Schulen, von den Kanzeln muss das Wort der Liebe und gegenseitigen Duldung eindringlieh gepredigt werden, durch langsames, aber uuennüdliebes Bekämpfen des Vorurtheils muss der retrograden Ilewegung Halt geboten und die Schranke demolirt werden, die m so beklagenswert her Weise zwischen : Mensch mul Menschen sich erhebt. Den Jourinden, die vermöge ihrer dominirenden Geistcsherrsclmfl, in unseren Tugen den Pariheien das Losungswort dicliren, liegt in erster Reihe die Verpachtung ob, gegen den erbarmliehen Wahn, den wie Mehlthau jede bessere Emplindüng vergiftenden Racenhass, ihre mächtige Stimme zu erheben. 1111 gegenwärtigen Moment ist eine betrübende Reaction cingetreten; die im Dunkeln schleichende Vehme des Hasses hat plötzlich eine unerwartete Schwenkung gemacht und beginnt mit offenem Visier den Kampf, der die Unterdrückung eines grossen, Ihutkräftigcn Elementes im Staate zum eingestandenen Ziele sich setzt. Der mangelnde Nntiomtlsinn der .Juden ist gegenwärlig das Feldgeschrei der Partei der Finsterlinge, und ob auch die Juden, gleich den alten von der Schlucht heimgekehrten Römern, nur stumm auf ihre empfangenen Wunden zu deuten, nur die statistischen Kriegstabeilen, in denen so und so viele Gefallene jüdichen Rekenntnisses verzeichnet sind, vorzulegcn hätten, um die schreiende Ungerechtigkeit des Yorwurles zu kennzeichnen — es wird doch wenig nützen, denn der brutale Fanatismus lässt sich nicht mit den Wallen logischer ßewoisführung bekämpfen, heute eben so wenig, wie zu jener Zeit, wo er noch die Macht hatte den Holzstab zu entzünden und sein Opfer zmn Riehtplatz zu führen. Proteusartig wechselt er, den Zeitverhältnissen genhiss, die Gewandung und tritt man ihm heute siegreich auf den Kopf, so wächst ihm morgen, der lernäischen Schlange gleich, llugs ein anderer an den Rumpf, der wieder kampfbereit sich in die Höhe reckt. Vor einigen Decennien war es der ausschliessliche Gehlerwerb der Juden, der dem Fanatismus den Vorwand zu seinen blindwülhigen Machinationen boi. Ohne Rücksicht auf den Umstand, dass ihnen die Arena des geistigen Wettstreites, der Zutritt zu allen öffentlichen Aemtern und Würden versagt war, leitete man mit absoluter Hintansetzung der Logik und des Causalverhältnisses, aus einem ihnen zugefügten U nrecht den Grund zur Verdächtigung und Anschuldigung her. Später, als ihnen die Thorc zu allen Wissensgebieten geöffnet wurden und sie mit der Gier des Ausgehungerten sich auf dieselben stürzten, wurde ihnen wieder das Ueberfüllen der Ilörsäle, die unberufene Theilnalnne an allen liberalen und intellectuellen Zeitbestrebungen zur Last gelegt — und auch da fruchtet es nicht viel, an der Hund der Slatitsik auf die Resultate ihres Wirkens, auf die durch ihre unwillkommene Betheiiigung erzielte Mehrung der Summe nützlicher Kenntnisse und Erkenntnisse, auf den Tribut hinzuweisen, den sie an geistiger Arbeit, wie an Blut- und Gcldsteuer dem Lande abtragen und wodurch sie ihre Existenzberechtigung in demselben doch hinlänglich documentiren. Wir sind weit entfernt davon, eine Apologie des Judenlhums schreiben zu wollen, sondern fühlten uns nur gedrängt, für das geschmälerte Recht des Schwächern ein Wort einzulegen und, sagt Moses Mendelssohn, -ein Glück für die Juden, wenn man auf die Rechte der Menschheit nicht dringen kann, ohne zugleich die ihrigen zu rec la mirenA Wir wollen hotten, dass sie in kurzer Zeit ihnen gewährleistet werden, nicht nur durch eine bündige Zusage der Regierung, oder in Folge der feurigen Anwallschait einiger erleuchteter Köpfe, sondern auch durch einen geläuterten Volksinn, der nur einer kleinen Anregung von aussen her bedarf, um den ihm innewohnenden ethischen Redürfniss Genüge zu leisten. Hoffen wir, dass die Saat, die ein Lessing und Andere ausgestreuet, und die durch die goldene Eriihlingssonne der Toleranz gezeitigt, schon einmal so schöne Früchte trug, auch fürderhin ihre mächtige Triebkraft bewäliren und Deutschland wieder, wie einst zur Heimathsstätte nicht nur der theorethischen sondern auch der practischen Philosophie und zur Führerin unter allen Culturvölkem stempeln wird. Und Deutschland, das protestantische Deutschland, das mit Begeisterung an der katholischen Dombaufeier theilgenommcn, wird, dess sind wir fest überzeugt, auch nach einer andern Seite hin, seiner culturellen Mission nicht untreu werden und sein Verhalten in der sogenannten Judenfrage so einrichten, dass ähnliche Debatten, wie die über die Interpellation Ilünel, für immer gänzlich überflüssig erscheinen. Agathe M e i s e 1 s. Literarische Notizen Von Dr. H. Grünwald in Breslau. 1) Zur Etymologie und Aussprache des Dichters und Grammatikers Du nasch ben Labrat. — Steinschneider hat in Ersch’ und Gruber’s Encyclopiidie (s. v, jüdische Literatur p. 41ö, Anmerkung 40) den Namen Dunasch (hebräisch durchweg דונש geschrieben) als maurisch (dzu nas) erklärt u.zw. sollte es die Bedeutung Herr der Menschen haben. In jüngster Zeit hat Joseph Derenbourg in der vortrefflichen Einleitung zu der in Verbindung mit seinein Sohne herausgegebenen Abhandlungen Abul Walids Merwan Ibn Ganah's nochmals die Etymologie von דונש vorgenomuien und seine Erklärung geht dahin, דונש sei nichts weiter als eine Corruption des Wortes אדונים. Gegen das Mangelhafte dieser Etymologie erhob Leopold Dukes seine Stimme in A. Stern's ״Zeit“ p. 237. Doch ist die von Dukes z. St. vorgeschlagene Erklärung nicht minder unwahrscheinlich. Nach Dukes nämlich ist das ש in דונש mit dem ש im talmudischen 3 עילישu vergleichen, da der eigentliche Name nach Dukes ר, עולא zu sein scheint, Warum aber in die Ferne schweifen, wo das Wahre so nahe liegt; דונש nämlich ist nichts weiter als die spanische Uebersetzung des hebräischen אדונים Herren. Der Plural im Hebräischen als für eine einzelne Person wird uns nicht befremden, wenn wir wissen, dass Raschi schon den Pluralis majestatis kennt, und אדון gerade vielleicht den Herrn M-' fSoyrjv im Hebräischen des Mittelalters bezeichnete. Raschi bemerkt nämlich zu Jona 24 Vers 19 ad voc. אלהים קדושים, dass die Mehrzahl durchaus nicht