Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 19. (1.10.1876)
- Date
- 1876-10-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber auch die gewandte und blendende Einseitigkeit ist vom Hebel, jede Verzerrung ist als eine Fälschung der Wahrheit zu verurtheilen. Ob auch darum einer selbst Scharfsinn und dichterische Begabung zu seinem Werke mitbringt, in dem Augenblicke, wo er daran geht, eine vereinzelte, zufällige Erscheinung als Beispiel, als allgemeingültiges Kennzeichen einer Richtung, einer Menschenklasse, eines Landes hinzustellen, versündigt er sich durch eine Unredlichkeit und setzt seine Leistung durch den Makel einer Entstellung der Wahrheit tief herab. Es ist bedauerlich und vielleicht ein Zeichen, daß der Fortschritt jene Gegenden noch nicht tief genug ergriffen hat, daß bisher meist Vertreter der beiden gekennzeichneten Arten aus den Kreisen der polnisch-russischen Judenheit ans Licht getreten sind. Fosef Ehrlich und I. B o n n e t bestätigen durch ihre Arbeiten auf's Neue diese Wahrnehmungen. Eine gleichgültige Schrift ist die Selbstbiographie, die unter dem etwas hochklingenden Namen: ״Der Weg meines Lebens"*) uns vorliegt. Josef Weilen versichert zwar in einem Vorwort, daß der Verfasser ein Dichter sei und sich sogar bereits in Dramen versucht habe, die nicht völlig aller poetischen Schönheit baar sein sollen, aber sein neues Buch beweist dies am allerwenigsten. Die einzigen Merkzeichen der Ursprünglichkeit sind seine Sprachfehler, die aber auch nicht mehr jener Schicht angehören, in der sie noch ergötzlich wirken. Man wird freilich im Urtheil entwaffnet, wenn man auf das unglückselige Leben zurüasieht, das hier geschildert wird, aber schließlich kann man doch nicht umhin, die Schilderung noch unglückseliger als das Leben zu finden. Matt, farblos, kalt und trocken ist die Erzählung, nirgends erweckt sie innige Theilnahme, nirgends wirkt sie aufregend, fortreißend, man wird das Gefühl nicht los, daß das Geschilderte nicht bedeutend genug ist, unr uns vorgeführt zu werden. Trotz aller Anläufe zu Gedanken, Ergüffen, Betrachtungen, kommt es nirgends zu etwas Ansprechendein, Selbstständigem, eine ohnmächtige Salbung und unangenehme Süßlichkeit sind die Wellenkämme der Begeisterung. Die Erzählung von dem wunderbaren Eindruck einer halben Mondverfinsterung auf das wissensdurstige Gemüth des chassidäischen Knaben scheint das einzige, wirklich Fesselnde des Ganzen zu sein. Nirgends erzeugt das Ringen des Gedankens mit dem Ausdruck jene merkwürdigen Bildungen voll Absonderlichkeit und Anschaulichkeit, wie sie etwa ein Jacob Böhme hervorgebracht hat, der übrigens der Lieblingsschriftsteller des Verfaffers ist. Wer aus dem Chassidismus in den Dienst des Görlitzer Schuhmachers verfällt, der ist nicht unabhängig genug, um lehrreich oder auch nur fesselnd sein eigenes Leben zu erzählen. Die Liebe zur Mutter wirkt allein versöhnend, wie ein menschlich mildernder Klang in dem Lärm schriller, abstoßender Mißtöne, der durch das Ganze tönt. Lieblose Betrachtung der eigenen Vergangenheit wäre begreiflich, entschuldbar, sicher aber hinreißender, als der abgeblaßte, alles Aufschwungs entbehrende Mangel an jeglicher Leidenschaft. Da nur die Schattenseiten des chassidäischen Lebens bloßgelegt werden, nur grausam rohe Thatsachen ohne alle Erklärung und Milderung sich vor uns anhäufen, so kommt das Judenthuin in der ganzen Schilderung sehr schlecht davon und dürfte die einzige Wirkung, die sie haben könnte, Erzeugung judenseindlicher Gesinnungen sein, da nirgends die nothwendige Beschränkung gewahrt wird, die den Mittheilunge» ihren gehässigen Beigeschmack zu nehmen geeignet wäre. Die ״Süße" macht sich in dem Dargebotenen bereits so unleidlich bemerkbar, daß man nicht gespannt zu sein braucht, was wohl eine etwaige Fortsetzung, die in Aussicht gestellt wird, bringen werde. Jakob Böhme dürfte noch nicht der letzte ״Schooß" sein, in deffen Seligkeit unser Chassid einkehrt. Daß der Chassidismus mit dem Christenthum manche Verwandtschaft hat, ist eine sowohl durch die Wiffenschaft als durch das Leben bezeugte Thatsache. Daß aber auch das im Talmud wurzelnde Judenthum seine An- ) Erinnerungen eines e&einaünen Chasfiden von Josef R. Ehrlich. Mit einem Vorwort von Josef Weilen. Wien 1871. L. Rainer. I!Verantwortlicher Revacteur: Dr M. -lahmer. Druck von L. Hänger dazu hindränge, bei der Tochter um Aufnahme zu betteln, ist eine Unwahrheit, die selbst für die dichterische Freiheit ein allzu starkes Stück ist. Und sollte selbst in einem vereinzelten Falle eine solche Bekehrungsgeschichte an einem frommen Juden sich ereignet haben, so hat sicherlich Niemand das Recht, aus dieser Einzelnheit Schlüffe auf die ganze oftliche Judenheit zu ziehen oder gar den Fall wie ״Einen für Viele" zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. Vielleicht war es Herrn Bonnet's Absicht gar nicht, aber wer seine Erzählung: ״Ringende Mächte"*) und dazu sein Vorwort liest, muß zu dem Glauben gebracht werden, er habe der Welt Vorreden!vollen, das jüngere jüdische Galizien steuere geradezu in den Hafen der Kirche. War es Absicht, so richtet sie sich selber wie jede wiffentliche Unwahrheit, war es dagegen unabsichtlich, dann kann wenigstens der Vorwurf strafwürdiger Ungeschicklichkeit ihm nicht erspart werden. Aber diese ist sonst des Verfaffers Sache nicht, er hat im Gegentheile eine gewandte Hand und schlingt die Fäden seiner Erzählung nicht wie ein Neuling und ein Laie, sondern kunstgeübt und mit erstaunlicher Fertigkeit. Es wickelt sich darin freilich Alles mit einer nahezu stehend gewordenen und sonsther geläufigen Regelmäßigkeit von der schnurrenden Spindel, aber das Zeugniß großer Gewandheit und feffelnder Erzählungskunst töunte selbst ein übelwollender Beurtheiler ihr nicht versagen. Es fehlt nicht an schönen Schilderungen von Land und Leuten, an guten Blicken in Herz und Geist, an freisinnigen Bemerkungen über Leben und Sitte und, wenn man sonst nicht unwillig wird, die Art des Erzählens ist es sicher nicht, die einen rubigen Genuß des Buches verleidet. Je geschickter der Versasser uns erscheint, desto weniger werden wir geneigt, seine Hiebe als Harmlosigkeiten hinzunehmen. Die Unwahrheit des Inhalts hat die Form angefreffen und ihr Unwahrscheinlichkeiten aufgeladen, die der Schönheit der Leistung erheblich Abbruch thun. Szenen von allzu romantisch wilder Art, wahre Räubergeschichten müffen eiugestreut werden, um das Ganze den» doch zu irgend einem Abschluß zu bringen. Wer mag das glauben, daß ein Mann, der bedenklichen Hang zum Christenthum gezeigt hatte, und bereits gebannt war, zum Rabbiner geinacht wurde und dann nochmals durch einen bloßen Blick ins N. T. unwiderstehlich zur Kirche sich hingezogen sieht und daß auch seine einzige Schwester ins Verderben der Ellern ihm nachstürzt? Es ist ein Beweis von der Gewandtheit des Verfaffers, daß er aus dem unmöglichen Stoffe eine lesbare Geschichte gemacht hat, die Schätzung seines Werthes wird aber durch die Kenntniß seiner Leistung nicht gehoben. Wiffen und Erfahrungen werden dazu benutzt, um allerhand kleine, das christliche Gefühl verletzende und gegen die Juden empörende Züge einzustreuen, alle Rohheit und Grausamkeit wird auf die Juden gewälzt, alle Lammfrömmigkeit, aller gottinnige Edelsinn dagegen Jedem zugeschrieben, der nur zur Taufe neigt, sogar die jüdische Geliebte des christelnden Helden wird als ein Ausbund von Leichtsinn und gemeiner Niedrigkeit geschildert. Bezeichnend endet die Erzählung mit dem rothen Hahns, der den unglücklichen Eltern des Helden auf das Dach gesetzt wird. Natürlich nmß dieser rothe Hahn herbeigelockl werden, wenn man so lange ihm gewinkt hat und die ganze Bosheit, deren ein Mensch fähig ist, in den Bekennern der Religion der Liebe sich entzünden, wenn man unablässig zu Haß und Verfolgung schürt. Es wäre besser, daß weiter Nacht und Vergeffenheit das Leben der polnisch-russischen Judenheit bedeckte, als daß Vorgänge aus ihr ans Licht gezogen würden, die durch ihre Einseitigkeit und Rohheit einerseits, durch die Entstellung und Verirrung der Darsteller andererseits, dem Judenthum nur neue Abneigung, Gehässigkeit und Feindseligkeit einzutragen geeignet sind. vr. v. K. I») Eine Novelle aus dem östlichen Judenthum von I. Bonnrt. Norde«. Dietrich Soltau. 1876. . Scharnte in Äarby. Verlag: Robert Friese In Leipzig.