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Das jüdische Literaturblatt · 1876-05-01 · Nr. 9. (1.5.1876) · p. Seite 36

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
5 (1876)
Issue
Nr. 9. (1.5.1876)
Date
1876-05-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 indem er anfangs behauptet, daß R. Simon den Gamliel zur Zeit der Tempelzerstörung nicht getödtet worden fein könne, während er weiter unten als eine unbestrittene Voraussetzung annimmt, daß derselbe zu jener Zeit wohl umgekommen sei. Der Verfasser versucht manchmal alte Traditionen anders zu erklären, als sie im Talmud erklärt sind, z. B. S. 17 über Einrichtungen des Hohenpriesters Jachanan, Sotah 47. Während die Erklärung des Talmuds, an welcher auch Weiß fest׳ hält, die Einrichtungen als sehr bedeutungsvolle hinstellt, schwächt die Erklärung des Verfassers, die nur auf einer Hypothese ruht, ihren Werth. Es scheint überhaupt für die besonnene, wissenschaftliche Forschung viel empfehlenswerther, in der Erklärung dunkler Traditionen der Meinung des Talmuds darum mehr Werth beizulegen, weil selbst die bestechendste Hypothese nicht so viel Gewähr bietet, als eine unbestrittene Tradition. (Fortsetzung folgt.) Jorges, vr. Hlatharr. Ueber die Verbalstammbildung in den semitischen Sprachen. Wien 1875. 8°. 76 S. Separatabdruck ״aus dem Jännerhefte des Jahrganges 1875 der Sitzungsberichte der phil.-hist. Classe der kais. Akademie der Wissenschaften. (LXXIX. Bd. S. 281.) Nicht ohne ein gewiffes Zagen nahmen wir vorliegende Schrift zur Hand. Unsere Erfahrungen auf dem Literaturgebiete der vergleichenden Sprachkunde sind nicht gerade die erfreulichsten. Wie viel Geistreiches und Abgeschmacktes, wie vie Mögliches und Unmögliches ist hier schon gesagt, behanptet, geschrieben und — wenn mann will — sogar bewiesen worden. Mit Hilfe einer wüsten, oft extravaganten Vocal- und Lautsymbolik ist es hier nicht selten gelungen, auf dem Papiere schier Berge zu versetzen. Es gehört demnach kein geringer Muth dazu, in dieses chaotische Stürmen und Drängen einer allmälig sich erst klärenden Disciplin sich zu wagen, derartige literarische Piecen zu bearbeiten. Selbst ein strenger Beurtheiler wird H. Porges die Genugthuung verschaffen müssen, unumwunden leinen Versuch ״über die Verbalstammbildung in den semitischen Sprachen" als einen im Ganzen durchaus gelungenen zu bezeichnen. Hier, wo die Massenhaftigkeit eines sehr widerhaiigen Materials Einen zu erdrücken droht, wo gegensätzliche Ansichten, vage Hypothssen und Vermuthungen oft ganz unvermittelt auf einander losplatzen, hat es Hr. Porges — und dieses bildet den Haupt- Vorzug seiner Arbeit — verstanden, sich weise zu beschränken. Die objective Anschaulichkeit und besonnene Ruhe, welche diese Schrift durchwehen, machen es dem Leser leicht, dem Vers. Schritt für Schritt zu folgen, ja sogar ihn genau zu contraliren. Es ist hier nicht der Ort, aus Cinzelnheiten einzugehen, bei denen wir uns oft mit dem Vers, auseinanderzusetzen hätten. Alle Intensiv- oder Extensiv-Stämme in den semitischen Sprachen organisch auf ein einheitliches Bildungsgesetz zurückzusühren, halten wir zur Zeit für ein noch zu lösendes Problem. Alle dahin einschlagenden Versuche sind rein äußerlicher Natur, welche, wo möglich, noch immer mehr Analogien für die Ausnahme als für die Regel ausweisen. Dieselbe Rücksicht müssen wir natürlich auch für die von Hrn. Porges vorgetragenen Gesetze über die Verbalstammbildung in den semitischen Sprachen gelten lassen. Das beeinträchtigt aber den Werth dieser Arbeit in keiner Weise. Vielmehr haben wir diese tresfliche Schrift aus den Händen gelegt, unter dem Eindrucke, des Philologisch-Verwerthbaren nicht wenig, des Belehrenden und Beachtenswerthen in Hülle u. Fülle gefunden zu haben. Sohrau, im April 1876. Or. Immanuel Deutsch, Rabbiner. Pamaskits, oder Judenverfolgung im heil. Lande. Von W. Wilhelmi, Frhrn. von Graßhoff. 1. Heft. Kassel, Verlag der Hofbuchhandlung von H. Jungklaus. birien" ist das erste Heft eines neuen culturhistorischen Original-Romans unter obigem Titel erschienen. Wenn ich auch früher manchmal nicht ungern zur Erholung die Lectüre eines Romans mir gestattet habe, so bin ich doch kein Freund mehr von diesem Literaturzweige, denn frei herausgesagt, mit einigen Ausnahmen, arbeiten die Romanschriftsteller gleichsam auf Bestellung und wie der speculative Weber recht dünnes Zeug, damit er, der nach der Elle bezahlt wird, aus derselben Quantität Garn das doppelte Ellenmaß herausbringt. Bei wie vielen Romanen kann man ganze Seiten überschlagen, die ganz überflüssig, und ohne nur im Entferntesten am Weiterlesen gehindert zu sein. Zu den Ausnahmen gehören aber ganz entschieden die Arbeiten des Herrn von Graßhoff. Sein Roman ״Sibirien" bietet eine Lectüre, wie man sie nicht häusig in diesem Literaturzweige findet. Außer der spannenden, durch das Interesse, welches die Personen einflößen, höchst anziehenden Erzählung, ist das Fremdartige des Landes, die vorzügliche Charakterschilderung, das Psychologische, der Ernst zuweilen mit Humor gewürzt, so lehrreich, daß die Lectüre nicht blos Unterhaltung, sondern auch recht nützliche Belehrung bietet. Es ist nicht allein das Talent, die Sprachgewandtheit und der interessante Stoff, sondern ganz besonders der Umstand, daß der Herr Verfasser den von ihm beschriebenen Schauplatz sehr genau kennt und mit den Sitten der Einwohner, ihrer Sprache und Lebensweise vertraut ist. was die Darstellung lebendig und frisch, von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd macht. Alle diese Vorzüge berechtigen auf den oben angekündigten die Aufmerksamkeit zu lenken, weil wir, obwohl auf einen ganz anderen, von Sibirien wesentlich verschiedenen Schauplatz versetzt, nach dem vorliegenden ersten Hefte dielben Vorzüge zu erwarten haben. Auch dieses Land hat der Herr Verfasser bereist, und ist er mit allein Oertlichen, Sprachlichen und Geschichtlichen genau bekannt. Aber in culturhistorischer Beziehung ist der Gegenstand unstreitig noch mehr von allgemeinem Interesse als der, welcher in dem Romane ״Sibirien" behandelt ist. Noch ist gewiß bei viele» Zeitgenossen der sowohl culturals politisch-geschichtliche bedeutsame Vorgang in Damascus nicht vergessen. Das schauerliche Drama, das auf eine falsche Beschuldiguirg hin in Damascus ausgeführt worden ist, setzte damals alle Regierungen der cultivirten Staaten in Bewegung. Es würde zu weit führen, hier auf das Ereigniß näher einzugehen. Aber nachdem durch einige menschenfreundliche Minister zwar eine Befreiung der unschuldig angeklagten Juden erwirkt und auch die dadurch veranlaßte, aller Wahrheit Hohn sprechende Beschuldigung des Judenthums und beabsichtigte Verfolgung der Juden überhaupt beseitigt war, trat eine Nachlässigkeit im weiteren Erforschen des eigentlichen Vorgangs ein. Wer den Pater Thomas ermordet habe, sollte angeblich nicht ermittelt worden sein. Und doch sind Spuren vorhanden, daß nicht blos die Juden unschuldig, sondern auch die Schuldigen sich hätten ermitteln lassen. Herr von Graßhoff, der alles darauf Bezügliche sorgiältig studirt hat und auch, wie schon bemerkt, mit allen Örtlichkeiten, sowie den Sitten der dortigen Vötkerstäinme bekannt ist, auch viel Neues darüber zu sagen weiß, hat den ebenso reichlichen als interessanten Stoff als culturhistorischen Roma» verarbeitet, von dem schon das erschienene erste Heft ein solches Interesse erregt, daß man mit der größtett Spannung die Fortsetzung erwartet und wäre es zu wünschen, daß diese recht bald und wenn möglich das Ganze gleich vollständig erscheinen möchte. Kassel. Or. Adler. Briefkasten der Redaetion. Hrn. Or. K. in B. Die Besprechung der Rosin'schen Programmarbeit — sowie die der andern uns eingesandien ״Schulprogramme" — beginnt in der nächsten Nr. Von dem Verfasser des culturhistorischen Romans ״Si-_ Verantwortlicher Redacteur: br. M. Rahmer. Druck von C. Scharnke in Barby. Verlag: Robert Friese in Leipzig.

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