Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 5. (1.3.1876)
- Date
- 1876-03-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 die viel wichtigere über den Ursprung der Uebersetzung zusammen. Wem verdankt die Peschittho ihren Ursprung? Einem Juden — einem Christen — einem Judenchristen? Diese Frage erschöpfend zu beantworten, ist die Tendenz der ganzen Schrift; denn auch der zweite Theil der Abhandlung (pg. 40—65), welcher die offenbar von Juden und — wie der Aerf. meint — von den Uebersetzern selbst herrührenden ersten Ueberschriften der Psalmen des Weiteren bespricht, steht im Dienste dieser Tendenz. Nöldeke gegenüber, welcher bei allem Radikalismus wegen einzelner christologischer Jnterpolationen gegen Perles noch einen jude» christlichen Ursprung der Peschittho annimmt, gelingt es Herrn Prager, die bereits van Richard Simon vorgetragene Ansicht vom rein jüdischen Ursprunge unserer Version wissenschaftlich zu begründen. Nicht nur zahlreiche Stellen, welche die maßgebende Halacha und die einschlägige Hagada resiectiren, sondern vielmehr noch die Syrien beeinflussenden culturhistorischen, rituellen und liturgischen Verhältnisse der zahlreich da lebenden Juden haben hier eine syrische Ueberietzung der Schrift gezeitigt, ähnlich wie die analogen Verhältnisse in Aegypten die griechische Uebersetzung der LXX. Treffend beruft sich der Verfasser (pg. 27) auf die uns noch in .בראשית רבד c. 46 erhaltene, dahin laulende Relation. Mit anerkennenswerther Gründlichkeit und mit übersichtlicher Deutlichkeit hat Hr. Prager seine Aufgabe zu lösen verstanden. Was dieser Arbeit in unseren Augen einen besondere» Reiz verleiht, ist die treffliche Würdigung und gewissenhafte Berwerthnng der hier allerdings ein entscheidend Wort sprechenden jüdischen Quellen. Nölveke's freilich willkürliche Ansicht, daß die Juden sich der Peschittho nie bedient, hat allerdings Hr. Prager auch nicht zu widerlegen verinocht, so lange es ihm nicht gelungen ist, Stellen im Talmud zu finden, die nur in der Peschittho und nicht auch in unseren Targumim angetroffen werden. Auch ist es bedenklich, mit dem Vers, trotz mancher Jndicien im n. Testament und Josephus das ״Hebräische" in den aramäischen Idiomen schlechtweg aufgehen zu laßen. Daß Perles noch mit Wichelhaus (pg. 9) an eine Uebereinstimmung des Moses Choronensis mit Josephus glaubt, während es doch so nahe liegt, daß ersterer einfach letzteren excerpirt, muß wirklich sehr befremden. Im Jntereße der wißenschastlichen Akribie möchten wir Hrn. Prager rathen, die maßenhaften, oft ungeheuerlichen Druckfehler noch jetzt durch ein Druckfehleroerzeichniß zu berichtigen. Eine kritische Würdigung der selbst von Nöldeke als jüdischen Ursprungs anerkannten Peschittho zur Chronik dürfte für die Recension des Textes ersprießlicher sein, als die vom Verf. beabsichtigte Abhandlung über die Psalmen. Sind die von Hrn. Prager entwickelten Ansichten auch nicht neu, ist seine Begründung auch nicht immer durchschlagend, so verdient seine Arbeit wegen ihrer erschöpfenden Gründlichkeit und durchsichtigen Klarheit bei Bewältigung oft ziemlich heterogener Materien unsere vollste Anerkennung. Sohrau O/S. vr. Immanuel Deutsch, Rabbiner. Juckermandel, vr. M. S. Die Erfurter Handschrift der Tossefta beschrieben und geprüft. Berlin 1876. Louis Gerschel. Es liegt uns hier eine Schrift vor, die schon deshalb Beachtung verdient, weil sie es sich zur Aufgabe macht, eine ganz neue Behandlung der halachischen Werke, des babyl. und jerusalcm. Talmuds, anzubahnen. Manchem der Leser werden die Artikel, die Herr Rabb. vr. Z. in ver Frankel-Grätz'schen Monatsschrift ״zur Halachakritik" veröffentlicht hat, bekannt sein und haben dieselben wegen der Neuheit ihrer darin aufgestellten Hypothesen Angriffe und Gegenerklärungen hervor׳ gerufen. Der V. ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern suchte weiter zu forschen in den Quellen, aus denen unsere heutige Halacha geflossen und kam auf ökb Toßefta, die nach seiner Ansicht der eigentliche palästinensische Codex gewesen, während die Mischnah ein babyl. Product sei, nach der Toßefta gemodelt und umgesormt. Nichts Geringeres als dies will der V. an der Hand eines Codex, der sich in Erfurt befindet, beweisen, und zu diesem Behufe wurde derselbe von ihm geprüft und ans Licht gezogen. Wir enthalten uns jedoch jedes llrtheils über die Schlüffe, die ans den Varianten der Handschrift und ven Druckausgaben gezogen werden, denn es läßt sich darüber nicht eher rechten, als bis man sich mit dein Stoff gehörig vertraut gemacht hat. Aber das möchte man doch schon jetzt betonen, da man von gewißer Seite mit Verketzerungs.irtheilen schnell bei der Hand ist, daß die Wißenschaft frei ist, und daß Demjenigen, der sich in ihren Dienst stellt, so lange er sich praktisch aus dem Boden des Glaubens und der Grundwahrheiten des traditionellen Judenthums befindet, wie dies bei dem V. der Fall ist, nicht das Recht streitig gemacht werden kann, seine für richtig erkannte Meinung zu äußern und streng wissenschaftlich zu erweisen. Die Schrift selbst zeigt von Fleiß und ernster Hingebung an die Sache, scharfer, kritischer Blick ist an vielen Stellen wahrzunehmen, und dürfte sie für Jeden, der Jntereße an dem Gegenstände hat, eine willkommene Gabe sein. Die Handschr. selbst muß, nach Entzifferung einer Inschrift, die sich daselbst befindet, vor 1260 geschrieben sein, wieviel früher lieh sich jedoch nicht ermitteln. Nach der äußern Beschreibung der Handschrist giebt der V. Lesearten, welche sich daselbst abweichend von unserer Toßefta finden und theilt dieselben in grammatische, lexicalische, geographische, historische, halachische, agadische und biblische Varianten. Wer dieselben einzeln durchgeht, wird sich überzeugen, daß der V. mit großer Fachkeantniß an die Arbeit gegangen, und die Auswahl der Varianten als eine sehr glückliche zu bezeichnen ist. Schönes und Treffliches bietet die Schrift in vieler Beziehung und liefert sie auch zu culturhistorischen Forschungen manchen Beitrag. ׳Namentlich die geograph. und histor. Varianten dürften die Aufmerksamkeit der Literarhistoriker auf sich ziehen. Wir heben z. B. hervor die schöne Erklärung der Trauerfeierlichkeiten in Palästina u. Babylonien (S. 76), die Erklärung der Worte מקרא משנה תלמוד (S. 67) und überlaßen es dem Leser der Schrift, die bemerkenswerthen Stellen selbst herauszuftnden. Nicht übereinstimmen können wir mit dem V. in der Emendation Maaßeroth 2,4 (S. 33) von לדושין in לדובשין, denn dann würde die Halacha gerade umgekehrt lauten müßen, wie bei Trauben, aus denen man Wein machen will. Seite 30 wäre in Terumoth 10, 9 statt לרות vielleicht beßer לבור zu lesen. Seite 32 das emendirte בריר eher mit ״geriebenes Mehl" zu übersetzen. S. 89 könnte in Babli Gittin, Ende, das נעל ויצא gleichfalls als Euphemismus angesehen werden; das יצא heißt nur, er kam nicht mehr zu ihr zurück. Schließlich noch bei den bibl. Varianten S. 98 muß die Ueberschr. zu Ps. 58 nach den D. A. למנצח אל תשדות und nicht על יונת אלם wie in der Handschr. gelautet haben; denn die Pointe liegt gerade in dem אל תשחת und wäre die Stelle sonst sinnlos ■ Das ganze Buch ist sehr anregend, und muß es dem V. zum Verdienste angcrechnet werden, daß er durch seine Schrift Anleitung zu einein eingehenden Toßeftastudium gegeben hat. Der B. beabsichtigt, wie wir lesen, die ganze Toßefta nach der Erfurter Handschr. herauszugeben, und wird dies gewiß von großem Werihe für die jüd. Wißensch. sein, auch läßt sich erst dann ein richtiges llrtheil über das Verhältniß der Handschr. zu uns. Ausgaben fällen. Wenn mir eine Jndiscretion gestattet ist, so sei erwähnt, daß ein hier lebender, in der jüd. Wißenschaft ergrauter Mann sich sehr lebhaft für die Herausgabe der neuen Toßefta interessirt, nachdem die Variantenproben, die Hr. Rabb. vr. Zuckermandel gegeben, seinen Beifall gesunden. Berlin, im Febr. 1876. vr. M. Rawicz. t'(Ein Nachtrag zu dieser Recension in nächster Nr. Red.) L. Scharnkt in Barby. Verlag: Robert Friese in Leipzig. Verantwortliche» Redacleur: Dr. M. Rahmer. Druck von