Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 5. (1.3.1876)
- Date
- 1876-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Litmturblntt. Zur Beleuchtung alter -«denchum u. Juden betreffenden titerarischen «rscheinungrn aus dem Gedielt der Phitosophie,Geschichte, «ti>n»graphie,rhtat»gie, Brtentalia, Sxegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. V___-׳ Herausgegeben von Rabbiner 1)1׳. Moritz Rahmer. Magdeburg, 1. März 1878. Bücher der einschlägigen Literatur,!»eiche der Ned. de, ״Jak. Mrraturblatt" in Magdeburg («der der ״I»rael. Wochenschr.- in Stettin);ugesandt werden, finden in diesem Platte ringehende Besprechung. Nr. 5 Erscheint am 1. u 15. de« Monats. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israel. Wochenschrift" (die jährl. S Mark kostet) g r a t i s. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Fries«. 5. Jahrgang Haus und Kloster.*) Es ist ein Buch besonderen Genre's, dieser ״zeitgeschichtl. Roman." Wer einen Roman in gewöhnlichem Sinne und Begriffe, eine mit verwickelten Scenen und heikligen Situativmn, mit aufregeilden Konflikten und Verschlingungen ausgesponnene Fabel, eine spannende und aufregende Handlung sucht und liebt, wird es wohl enttäuscht und unbefriedigt bei Seite legen. Keine trüben und düsteren Bilder, auch keine heiteren und fröhlichen, keine Liebesverirrungen, keine Herzenssünden, weder tragische Konflikte zwischen Neigung und Pflicht, zwischen dem sehnsüchtigen Wollen liebender, der Vereinigung entgegenflredenver Deelen und einer verzweifelten Ungunst zufälliger hoffnungsloser Zustände, noch endlich das Ringen und Kämpfen höher» und niedern Daseins sind hier im Style der modernen epischen Dichter zu zeichnen gesucht worden, daher das geschaffene Werk keine im eigentlichen Sinne unterhaltende, aber eine sehr belehrende, und deshalb recht empfehlenswerthe Leclüre bietet. Es wäre freilich auch im Interest e des didaktischen Theiles zu wünschen gewesen, d r Autor hätte verstanden, seine Fabel verwickelter zu gestalten, mit mehr Situativnen und Ereigniffen auszustatten — der Stoff ist nicht spröde und war dessen fähig — allein wir müssen uns mit dem Dargebotenen begnügen und namentlich dem isr. Literaturverein Dank wissen, daß er, in richtigem Verständniß seiner Aufgabe, dieses Buch, seines bedeutenden lehrreichen Inhalts wegen, dem großen Leserkreis seiner Mitglieder zugeführt. Die Fabel des ganzen Romans ist leicht erzählt: Pater Julian, der auf Geheiß seines Priors, eines ״Menschenftschers" im mittelalterlichen Style, auf Seelenfang ausgeht, findet Julia Baruch, ein geistvolles, hochgebildetes Mädchen, recht schön und verliebt sich in dasselbe, wie der Verfasser versichert. Er sucht die Familie auf und ist Willens, sie zu bekehren, findet aber in dem alten Baruch einen Mann gediegener Bildung, der den ziemlich unwissenden Pater über Inhalt, Stellung und Bedeutung des Judenthums aufklärt, ihm auch über seine Kirche die Augen öffnet, überhaupt ihm gewaltig imponirt. Freundlich ausgenommen, kehrt er öfter zu Abendunterhaltungen in das Haus ein, er wird halber oder ganzer Hausfreund, von seinem eigentlichen Ziele jedoch *) Ein zeitgeschichtlicher Roman von D. R. Hainmerschlag. (Lchriften des iSr. Literatur-Vereins 1. Jahrg. 3. Serie 187 S.) 8». 413 S. sieht er sich noch sehr fern, ׳)lach gemeinsamer Berathung mit dem Prior beschlossen sie, behufs Bekehrung des Vaters und der Tochter, sich derselben gewaltsam zu bemächsigen, und ein Zufall ließ sie das Unternehmen leicht vollführen. Der Pater, aus Aerger über die mißlungenen Versuche, krank geworden, mußte für einige Zeit seine Rundgänge in der Stadt einstellen, aber Baruch macht dafür mit Julia einen Sabbathspaziergang und kommt dabei auf den recht auffallenden Ge' danken, dem Pater im Kloster mit seiner Tochter eine Visite abzustatten, wo sie viele Jahre hindurch gewaltsam zurückgehalten werden. Alle Nachforschungen und Anstrengungen der Polizei, die spurlos Verschwundenen zu ermitteln, bleiben erfolglos, die Frau des Alten stirbt vor Gram, und er selbst, zu dessen Bekehrung im Kloster allerlei Mittel vergebens ersonnen werden, geht einem ähnlichen Schicksal entgegen. Von gleicher Erfolglosigkeit sind alle angestellten Versuche, die in ein Nonnenkloster gesteckte Tochter mürbe zu machet!, sie weist auch alle lüsternen Werbungen des Paters, der nicht blos mit ihr heimlich zu entfliehen, sondern auch — Jude zu werden geneigt sein will, mit Entschiedenheit zurück — da kommt Bismarck mit den nepen Kirchen- und Klostergesetzen und bringt den Unglücklichen Rettung und Freiheit. Seitens der Regierung wird eine Aufzeichnung der Klosterinsassen, und, als dieses verweigert wird, eine polizeiliche Untersuchung des Klosters beordert — das Weitere läßt sich denken. Pater und Prior werden zu Zuchthaus verurtheilt, und Julia heirathet den — August. Wer ist August? Ahso, Sie wissen es noch nicht, August ist ein Cousin, der vierhändig einmal mit Julia Klavier gespielt, sie waren ganz allein im Zimmer, und den jungen Leuten passirte, was andern bei gleich verlockender Gelegenheit ebenfalls passiren würde — d. h. nichts Arges. In Anbetracht der mit so vielen geistigen und körperlichen Vorzügen ausgestatteten Julia, welche über den Charakter des Patriarchen Jacob und die entsittlichenden Wirkungen des Cölibat's an den Pater Standreden zu halten versteht, ist es eigentlich eine Mesalliance, allein es sind Gebilde seiner Hand, warum sollte der Autor über seine Figuren, denen er Leben und Dasein eingehaucht, nicht frei verfügen können! Der Referent will ihn! auch nicht darein reden, nur bemerken, daß eine kunstgeübte Hand, ein echter Romanschriftsteller, dem August wenigstens irgend ein Verdienst an der Befreiung Julia's zu verleihen gewußt hätte, um den schließlichen Ausgang motivirt und gerechtfertigt erscheinen zu lassen.