Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 23. (1.12.1875)
- Date
- 1875-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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ZUschk tttcralutbltttt. Zur Beleuchtung aller Jude»- tl)um n. Juden betreffenden literarischen Erscheinungen auf den, Gebiete derPhitasopl>ie,Geschichte, Ethnographie,Lheologik, Arirntatia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. V___> Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz dkahmer. Magdeburg, 1. Deeember 1875. Sucher der einichlägigen Literatur, weiche der Ned. des ״Jüd. Literaturdlatt" in Magdeburg (oder der ״Israel. Wochenschr." in Stettin);«gesandt werde«, finden in diese« Platte «ingehende Besprechung. Nr. 23 Erscheint zweimal monatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochen- » schrist" (die jährl. 9 Mark kostets g r a t i s. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 4. Jahrgang. Aus dem mittelalterlichen Berlin.*) 1. Am 16. September 1510, herrscht auf dem Neuen Markt ein gewaltiges Drängen und Stotzen. Ganz Berli.i und Cölln, hoch und niedrig, ist von früh an auf den Beinen. Alle Fenster sind mit reichgeschmückten Männern und Frauen besetzt, die ein großartiges Schauspiel zu erwarten scheinen. Wer irgend einen Freund oder Verwandten auf dem Platz zu mohnen hatte, ist heute sicher zu demselben auf Besuch geeilt. Auch der St. Marienthurm, auf dem sich sonst der Türmer Tag für Tag allein: langweilte, ist heute bis zur höchsten Spitze Hit Gästen von fern und nah besetzt. Trotz alledem aber ׳ist das Gedränge auf dein Markte noch immer lebensgefährlich. Ein Monstre-Prozeß, wie ihn Berlin noch nicht gesehen, und der seit Monaten die Weisheit und Neugierde der Märker in Athem gehalten, in dem Juden und Christen verwickelt, in welchem es sich um Kirchenraub, um Mord, um unschuldig vergossenes, christliches Kinderblut, um Schändung und Schädignng der christlichen Religion, um Zauberei und Hexerei handelte, ist endlich im Nanren des Kurfürsten, zur Ehre des dreieinigen Gottes vollgiltrg eirtschieden worden, und heute soll das Urtel rechtskräftig auf dein neuen Markt an den Miffethätern, dem Hauplatteniäter Paul Fromm und an achtunddreißig Juden aus den verschiedensten Städten der Mark vollzogen werden. Das Urtel aber lautet: ״Dieweil der böse Christ, Paul Fromm, sich an den! Helligen Sacrament vergriffen, dasselbe gestohlen und verkauft habe, darum so solle man ihn auf einen Wag en binden, die Gassen aus -und niederfahren, mit Zangen reißen und darnach in ein Feuerlegen. Und die weil die boshastigen, schnödeil und verstockten Juden ihre böse Mißhandlung des heiligen Sacramentes und ihren grausanlen Mord an schuldlosen Christenkindern auch zu mehrmaleu vor und außerhalb des Gerichts bekannt, darum so solle man sie zu Pulver verbrennen, darum, daß alle anderen ein Beispiel und Exempel an ihnen nehmen müßten, daß sie solche und ähnliche Uebelthat nicht begehen mußten." Hierauf wurde der Stab gebrochen und die Angeklagten *) Einen Cyclus von Aussätzen: ״Bilder aus dem alten Berlin" von C. Müller, (in der Sonntags-Beil. (Nr. 45) zur Voss. Zeit.) entnommen. Red. dem Henker zur Vollstreckung des Urtheils übergeben. Der Scharfrichter aber sah diese großartige Hinrichtung, dieses auto da ttz, als ein Freudenfest, als eine Verherrlichung seines Standes an. Deshalb hatte er bei einem hochedlen Magistrat in submissester Weise angefragt, ob er nicht, theils zu seiner Unterstützung, theils zur Belehrung, die sämmtlichen Scharfrichter der Mark zu diesem Tage nach Berlin einladen dürfe, damit sie Zeugen sein könnten kurfürstlicher Gerechtigkeit. Er erhielt die Erlaudnitz, und seine College« die Unehrlichen, kamen Alle zum Schrecken und zur Ergötzlichkeit der neugierigen Berliner *mit Weib uud Kind. Magistratus aber hatte dem Rabenstein gegenüber e»n Gerüst mit drei Bühnen stufenweise über einander gebaut Auf der obersten ״etzliche hochgelahrte und rechtSverständige Leute", aus der mittleren ״der Richter mit den Schöppen, Schreibern und Zeugen", auf der untersten, ״dieangeklagtenJudennebst Paul Fromm" die aber nach Verlesung des Urtels zum Rabensteiu geführt wurden. Die Judeil waren in ihren langen, seidenen Kaftans, mit ihren gelben, spitzen Hüten und gewährten in ihren ausgeprägten Physiognomien, mit ihren langen Bärten einen eigenthümlichen Anblick. Richter aber und Rathe, Schreiber und Anwälte, alle in ihrer Amtstracht, mit weißen steifen Fresen, freuten sich ihres wohlbedachten Urtheils, welches sie durch gutes und freundliches Zureden, durch die schrecklichsten Qualen der Folter also, daß das Blut in Strömen aus Augen und Ohren, aus Nase uild Mund quoll, durch ihre große Weisheit bei ihren Gefangenen ans Licht gebracht und deshalb für unbedenklich wahr hielten. Selten aber sind wegen der unerträglichen Folterqualen größere Lügen von gepeinigten Teliquenien als Wahrheiten beschworen worden, wie hier. Der fanatische Religionshaß ließ die, ״boshastigen, schnöden und verstockten Juden" die Heiligthümer der christlichen Kirche in einer Art schänden, an die sie nie gedacht, ließ sie neugeborene Chrisienkinder schlachten und aus ihrem unschuldigen Blute Arzeneien bereiten, die nie vorhanden gewesen. Eine größere Ungerechtigkeit als diese ist im Namen des Ge,etzes und unter dem Schein des Nechles nie begangen worden. Der Kesselflicker Paul Fromm, ein lüderlicher, vagabondirender Mensch, hatte aus seiner gewerblichen Rundreise aus