Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 22. (15.11.1875)
- Date
- 1875-11-15
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
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88 Literaturbericht. Receosioueil. Ster», Ludwig Schuldircctor. Ueber den Talmud. Populär-wissenschaftlicher Bortrag, gehalten 1874 im Saale des Bürgervereins. Würzburg 1875, Groß-8. 40 S. Eine daitkenswerlhe, klare und wirklich populäre Schrift, sodaß nur zu wünschen i|1, daß nicht jüd. Kreise allein von ihr Notiz nähmen. Am schwächsten ist die Beantwortung der Borsrage (Was ist der Talmud?»: ״der Talmud ist eine Urkundensammlung." iS. 6.) Nein — das kann kein richtiges Bild vom Inhalte des Talmud geben. Denn der Urkundensammlung fehlt z. L schon, was eine Haupteigenthümlichkeit des Talmud ist, der sortlanfende Zusammenhang. Der Talmud dürfte eher als eine gewaltige Sammlung parlamentarischer Debatten bezeichnet werven. Richtig allein aber ist Deutsch's Bezeichnung (der Talmud S. 18): ״Er ist ein Mikrokosmus und umfaßt, wie die Bibel selbst, Himmel und Erde." — Wie kommt's, daß Herr Stern dieseil seinen großen Vorgänger (Deutsch) nicht einmal nennt? Umsomehr als der Gedankengang beider B ücher naturgemäß derselbe ist? Das ist vielleicht der größte Fehler des Vortrages, daß Herr St. seine Hörer nicht auf jenes Werkchen hingewiesen, von dem es, wie vom Talmud selbst, heißen kann: דכולד, ביה! — Die Fragen ״Wie ist der Talniud entstanden" und ״Was ist sein Inhalt" werden in bekanttter Weise klar beantwortet. Wichtiger war es Herrn St. mit Recht nachzuweisen, daß keine Gehässigkeit gegen ״außerjüdische Culte" darin gelehrt werde. Diese Frage entspricht jedoch nicht der Antwort, denn diese liefert nur den Beweis, daß Gerechtigkeit und Milde gegen Nichtjuden, gegen Götzendiener besohlen wird die Culte selbst aber bleiben unbeachtet. Fast zu ängstlich gedenkt Herr St. des Verhältnisses des Talmuds zum Christeitthume. Die geschichtlichen Haggada's bedürfen keiner Mtschuldigung, denn sie sind nicht haßerfüllt, sondern spiegeln die naive Auffassung der Zeitgenossen, verzerrt durch Jahr- Hunderte dauernde mündliche Ueberiieserung, wieder. Die grotesten Zusätze abgejchlifien — und es werden nur Facta berichtet. Daß der Talmud aber hie und da gegen christliche Lehrsätze polemisch austritt, wird Jeder billigen, der das Bestehen des Judenthnms nicht als Unrecht der Juden ansicht. Würde Herr St. dieses hervorgehoben haben, dann brauchte er nicht so demüthig das Fortbestehen des Talmud als eines ungefährlichen Buches zu erbitten: (S. 39) ״Darum kann man dieses Buch, von dem heutzutage unter tausend Juden kaum einer mehr als den Namen keilnt, getrost den Rabbinen, der Wissenschaft und der Geschichte, denen es angehört, überlasten." Diesen Satz würde Grätz — von dem Herr St. seltsamerweise behauptet, daß er (S. >0) ״nicht gerade zu den Partei ganger» des Talmuds zu zählen ist" — nicht unterschreiben. Er würde sorder», daß mail Achtung und Verehrung dein Werke bezeige, welches fast zwei Jahrtausende das geistige Ferment der Zerstreuten Israels gewesen, welches Tugend und Sittlichkeit, Eharakterstärke und Wistenseijer in aller Noth und Trübsal ihnen erhalten hat — und noch heute erhält, da, wenn auch nicht die Worte, so doch der Geist des Talmud noch iinmer lebendig ist in den Bekenner» des Jndenthuines. Dr. Lew in. Werkes, l)r. Aos. Die in einer Münchener Handschrift ausgesundene erste lateinische Uebersetzung des Maimonidischen ״Führers." Breslau 1875. (Londerabdruck aus der Frankel- Grätz'schen Monatsschrift). 8°. 24 S. Text, 50 S. Anmerk, und Proben aus der lat. Uebersetzung. Was vor Munk's franz. Uebersetzung des More die ganze wissenschastl. Welt in Ansregung verletzt hätte, ist heute nur eine interessante literaturgeschichtliche Erscheinung. Der geringere Effekt schmälert jedoch nicht das Verdienst des Herausgebers, der mit gewohntem Scharfblicke und umfastendem Wissen darthut, daß dieses Manuscript, welches die Bezeichnung: Rabi Moysis exposilio nominum in libris prophetaruin trägt, eilte im 14. sacc. gefertigte Abschrift der Uebersetzung sei, welche schon Moses b. Salomo aus Salerno l um 1270) citirt. Ueberzeugend ist der Nachweis geführt, daß diese von einem Juden wohl in Gemeinschast mit einem christlichen Gelehrten gesertigte Ueberietzilng nach dem Texte Charisi's (welchen die spa- Nischen Juden Ilm Tibbn bei weitem vorziehen) gearbeitet sei und daß die sogenannte Uebersetzung des Giusliniani nur eine durch Druckfehler entstellte Ausgabe dieser alten Uebersetzung sei. Eine Fülle geistreicher Eonjecturen und gelehrter Winke machen diese ״Proben" zu einer nach allen Seiten Belehrung spendenden Gabe. A. Hiusverg Dr. Kugo. Die Ethik des Spinoza im Urtexte hcrausgegeben und mit einer Einleitung über dessen Leben, Schriften und Lehre. Leipzig, 1875. Erich Koschny (L. Heimann's Verlag.) Der Herstellung des hier gegebenen Textes der Ethik ist die Ausgabe der Opera p08tbuma von 1677 zu Grunde gelegt. Eine Vergleichung mit der jüngsten Gesammt-Ausgabe der Werke Spinoza's von Bruder Hot nicht nur ergeben, daß dieselbe zahlreiche Drncksehler enthält, sondern auch, daß der Herausgeber geleitet von dem Bestreben, Spinoza's Latinität ein mehr elastisches Gepräge zu verleihen, mannichfache Veränderungen des Textes, sowie Zusätze vorgenommen hat, ohne sie. als von seiner Hand herrührend kenntlich zu machen. Diese Zusätze enthalten Angaben über die von Spinoza cilirten Klassiker oder Bibelstellen, sowie Stellen aus CartefiuS' Schriften. Hierdurch könnte die Behauptung an Kraft gewinnen, Spinoza habe da, wo dies doch leicht zu ermitteln sei, die Quelle seiner Lehre gnau angegeben, dagegen kein Bedenken getragen, zu verschweigen, wie viel er den Schriften des Giordano Bruno entnommen, ohne den ihm geistesverwandten Denker auch nur zu nennen. Dem gegenüber erscheint die vorliegende Ausgabe als sehr willkommerer Behelf für das Studium und die Würdigung Spinoza's. In einer Einleitung hat der Herausgeber die Ergebnisse der in den letzten Jahren gelieferten Einzelf.׳rschungen über die Lehre und das Leben des Meisters zusammengestellt. Sie zeigen Spinoza nicht mehr als den vereinsamten, verkannten oder gar verachteten Denker und lassen deutlich den Einfluß erkennen, welchen sein Bildungsgang auf die Entstehung und Entwicklung seiner Lehre geübt hat. Fr. P. Notiz. In einem Aufsatze über: ״die Lage der Gegenwart und die Religion der Zukunft" sagt Moritz Carriere, um gegen E. v. Hartmann die Superiorität u. Originalität des N. T.'s zu behaupten, u. A.: ״Gibt es für uns in sittlicher Beziehung ein tieferes u. höheres Wort als das von Jesus: ״Ihr sollt vollkommen werden, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist", — u. als den Spruch: ״Selig sind die reinen Herzens sind!", womit er das Heil in die Tugend selbst legt." Daß diese Herren doch so wenig das alte Testament kennen! Fu diesem können sie jene Sprüche aus viel älterer Zeit schon vorsinden. Da heißt es im Leviticus K. 19 v. 2: ״Heilig sollt Ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott," u. im Ps. 24, 8—5: ״Herr, wer darf ersteigen Deinen heilige» Berg u. s. w. Wer reiner Hände und lauteren Herzens ist, der empfängt Segen vom Ewigen und Tugend vom Gotte seines Heils." _ R. Für Hrn. Jacob Reisfmann Hur Unterstützung seine« in Nr. 19 näher kereichneten liter. Unternehmens) sind eingegangcn: Von Leopold Kaufmann 3 fl., non S. L- - fl., von W. N 3 Mart. — Ui» fernere ׳Keilräge kittet die Redaktion. Verontworliicher Redakteur: t>r. M. Rahiner. Druck u. Vertag von C. Scharnke in Barbp.