Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 21. (1.11.1875)
- Date
- 1875-11-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wische LitcrMMtt Zur Beleuchtung alter Judentfyum u. Juden betreffenden Uterarischen Erscheinungen aus dem Gebiete der PI>itosopI>ie,Geschichte, Sthnagraphie.rheaiogie, Brientatt«, Exegese, Homitetik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner vr. Moritz Nakkuer. Magdeburg, 1. November 187». -Sucher der einschlägigen Literalur, welche der Red de« ״Iib. Kiteraturbtatt" in Magdeburg («der der,,Irrart. Wochenschr," in Stettin) xugesandt «erden, finden in diesem Blatte eiagehende Besprechung. V___J Nr.21. Erscheint zweimal monatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochen-. schrift" (die jährl. S Mark kostet) g r a t i s. Zn beziehen durch all« Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 4. Jahrgang. Shylock. Hinz leiht sich von Kunz eine Summe Geldes. Kunz borgt sie ihm nur unter der Bedingung, daß er ihm, wenn er sie zur bestiinmte» Zeit nicht zurückerhielte, bei lebendigem Leibe ein Pfund Fleisch ausschneiden dürfe. Hinz kann nicht zahlen und Kunz besteht auf seinem Rechte. Kan» dieser Fall der Vorwurf eines Drama's sein? Wie soll aus diesem höchstens Ekel und Abscheu erregenden Handel ein Werk geschaffen werden, das durch Furcht und Mitleid eine Reinigltng unserer Leidenschaften zu Wege bringt? Füget« wir aber nur die eine Bedingung hinzu, daß im Herzen Kunzens unversöhnllcher Haß und glühende Rachsucht gegen den sich aufgespeichert haben, der nun sein Schuldner werden soll, und sofort verwandelt sich die gemeine Forderung in den Aussiuß einer grausig erschütternden Leidenschaft, die wir selber spüren, wenn ihre Antriebe nur mit genügender Deutlichkeit vor uns entwickelt werden. Die Sage in den Ossta kowanorum von dem Ritter, der dem christlichen Kaufmann sein Fleisch verschrieben hat und am Verfallstage seiner Schuld sich dieses durch ihn von den Knochen soll schneiden laffen, ist ein artiges Geschichtchen, aus dem nimmer noch ein Schauspiel sich ergiebt: Laßt aber einem mitteralterlichen Juden einen Christen sich verschreiben, und die Geschichte fängt an über den Spaß zu gehen. Nicht, daß Shakespeare aus dem unbedeutenden Stoff ein bühnengewaltiges Stück hat zu bauen verstanden, sondern daß er das Willkürliche und Widerliche der Sage zu einem innerlich durch und durch verständlichen und anziehenden Vor- ' gang zu gestalten gewußt hat, macht die Größe des ״Kaufmanns von Venedig": auf der Thatsache von Shylock's Judenthum ruht die Möglichkeit und die innere Wahrheit dieses allbewunderten Schauspiels. So lehrt ein Blick auf die Natur des Stückes, daß das Ewige darin und das Allgemein-Menschliche allein auf die Gestalt des Shylock sich gründet. Nicht weil der ,)nde von Haus aus eine Wucherfeele ist und ein Bluthund, wie das blinde Vorurtheil des Marktes sich vorlügt, sondern weil es für den menschenfreundlichen Geschichtskundigen kein ergreifenderes Bild von Peinigung und Bedrückung giebt, als den Ju-! den des Mittelalters; darum hat der Genius des Dichters : gleichsam naturnolhwendig den Juden zum Träger feines Baues! ausersehei«. ״Ich Haff' ihn, weil er ist vom Christenvolk... Kann ich ihn packen an der Hüft' einmal. Will ich fett füttern , meinen alten Groll", so spricht der Jude, beim bloßen Anblicke Aittonio's schon in tiefes Nachdenken versunken. Nicht an sein Blut kann Shylock in dem Augenblicke denken, da er Antonio's Schein verlangt, denn wo giebt es eine Ahnung, Venedigs reicher Kaufherr werde nicht seine Schuld einzulösen vermögen. Aber es letzt seine Rachgier, dem stolzen Feind, der ihn gestoßen und angespieen und beschimpt an jedem Ort und jeder Zeit, die kränkende und ehrenrührige Bedingung zur Unterzeichnung vorzulegen. Erst der Jude, der mittlerweile von Christei noch Anderes erfahren als Schimpf und Druck, steht aus feinem Schein und weiß für fein Begehren keinen anderen Grund, ״als eingewohnten Haß und Widerwillen", den ihm Antonio eingeschärst. Und nimmt man noch hinzu, was Jhering über die blutige Forderung Shylock's sagt, daß der um sein Recht Geprellte darin das Gesetz fordert, die durch keinerlei Weichlichkeit neuerer Zeit gemilderte, ursprünglich menschliche, durch grimmigen Haß verschärfte Eifersucht für den eigenen Rechtsanspruch nach dem ihr zugehörigen Christenfleische schreit, so verliert selbst Shylock's Härte ihre Widerlichkeit, aus beni Starrsinn wird Unbeugsamkeit und Nechtsgefühl aus dem blutdürstigen Trotz. ״Die gewaltige Tragik seines Schicksals beruht nicht darauf, daß ihm das Recht versagt wird, sondern darauf, daß er, ein Jude des Mittelalters, den Glauben an das Recht hat — man möchte sagen gleich als wäre er ein Christ! — einen felsenfesten Glauben an das Recht, den nichts beirren kann, und den der Richter selber nährt; bis daun wie ein Donnerschlag die Katastrophe über ihn hereinbricht, die ihn aus seinem Wahn reißt und ibn belehrt, daß er nichts ist als der geächtete Jude des Mittelalters, dem man sein Recht gibt, indem man ihn darum betrügt."*) ״״Ich fordere das Gesetz!"" . . Wie mächtig, wie riesig dehnt sich die Gestalt des schwachen Mannes aus, wenn er diese Worte spricht!" Aber wie Shylock ein Bild des geknechteten jüdischen Volkes ist, so ist die Beurtheilitng. die er erfahren, ein Bild von der, die den Juden im Laufe der Zeit zu Theil ward. Möchte die mildere Anschauung, die man in neuerer Zeit von jenem zu gewinnen angefangen hat, der Vorbote freundlicher Betrachtung werden, die diesen zu Theil werden soll. Denn nicht blos der durchdringende Scharfsinn und das scharfgewetzte Nechtsgefühl des gefeiertesten Kenners des entwickeltesten Rechts ') Der Kamps ums Recht. S. Auflage. S. 84.