Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 16. (15.8.1875)
- Date
- 1875-08-15
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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64 der Vers. nicht immer verstanden, in seiner Erzählung ein , hesonderes individuelles Gepräge aufzudrücken. Dazu komint, daß der Vers, stch häufig in eine ganz unerträgliche Breite und Weitschweifigkeit zu verlieren liebt Wir wollen das vielfache Citire» älterer und neuerer Autoren keineswegs rügen, wir erachten es im Gegentheil nur für Pflicht und Schuldigkeit, daß jeder Autor nicht blos auf feine Quellen, sondern auch auf die gleichen oder abweichenden Anschauungen Anderer hinweist; allein die Citate dürfen nicht ganze Auszüge enthalten, wie es in diesem Buche der Fall in, namentlich dann nicht, wenn der angezogene Schriftsteller gar keine bemerkenswerthe Abweichung enthält, die zu widerlegen wäre. Herrn Donath's Citate umsafien ganze Seiten, an einer Stelle (p. 229—231) bringt er auS Grätz' Geschichtswerk ein Citat, richtiger Auszug, von fast 3 ganzen Seiten. Das wäre höchstens bei Benutzung einer alten, höchst seltenen Schrift gestattet, bei so verbreiteten Werken, wie das Grätz'sche, wäre eine einfache Hinweisung genügend. Herr vr Donath ist aber in Citaten auch wenig wählerisch, er citirt auch Journale, Tageblätter, nicht etwa sehr alter Jahrgänge, nein aus den letzten Jahren, und nicht etwa Berichte über Ereignisse und Thatiachen, sondern reine Resterionen der betreffenden Redacteure. (Vgl. S. 284. 217—18 u. ff.) Auch liebt er es, die Reden der Abgeordneten des norddeutschen und deutschen Reichstags, wie sie bei Gelegenheit der Verhandlungen jüdischer Angelegenheiten gehalten worden, wörtlich zu citiren, mit allen stenographischen Beifalls- oder Mißfallensäuberungen der Rechlen oder Linken, anstatt mit wenigen Worten einen kurzen Bericht über die zu Tage getretenen Anfichten der Abgeordnete» und ihre Motive, und einen gedrängten Auszug aus den verschiedenen jkd. Petitionen an den Reichstag und deren Erfolg zu geben. Doch dies Alles betrifft nur das Formale; gern will Ref. hervorheben, daß der Vers, in allen die Geschichte der mecklenburgischen Juden betreffenden Punkten eine genaue Einzelkenntniß der Gemeinde-Verhältnisse bekundet, sowie ein angestrengtes Studium an Ort und Stelle; aber man muß sich oft vorerst durch eine Dornenhecke überflüssiger Citäte hindurcharbeiten, ehe man zu den einzelnen wissenswürdigen Notizen gelangt. Die Arbeit hätte an literarischem Werth bedeutend gewonnen, wenn sie etwas, nein — viel wemger umfangreich wäre. —k— Zirndorf, vr. Heinrich, Seminardirektor in Münster. Ueber jüdisch-religiöse Bildung im Seminar der Gegenwart. Münster 1875. Druck und Verlag von Joseph Bricke. Das Judenthum kennt keine Geistlichen im Sinne von j Seelsorgern, das religiöse Oberhaupt der jüdischen Gemeinde führt den Namen: ״Rabbi", ״Rabban," eine neuhebräische Bezeichnung aus dem letzten Jahrhundert des zweiten jüdischen Staatslebens in Palästina, welche zu Deutsch ״Lehrer" heißt. Die Rabbiner sind nichts anderes als ״Lehrer," selbstverständsich Lehrer der Erwachsenen, was jedoch ihre Lehrthätigkeit für die Jngend nicht ausschließt. Ob nun die Jugendlehrer auch Rabbiner d. h. Lehrer für Erwachsene sein und werden > können? Die Beantwortung dieser Frage bietet keine weitere Schwierigkeit. Vom Standpunkte des Judenthums ist der Jugendlehrer, der sich die Kenntniffe und die religiöse Bildung für das Lehramt der Erwachsenen erworben, zur Rabbinerwürde herangereift; er kann somit die Verwaltung eines Rabbineramtes übernehmen. Ich berühre diesen Punkt, um von vorne herein die Bedeutsamkeit des Lehrers und seiner ihm offen stehenden Carriere anzudeuten, die er durch weitere Fortbildung erlangen kann. Der gelehrte Verfasser oben angegebener Schrift, der tüchtige Direktor des jüdischen Lehrers«- minars in Münster, der schon durch seine anderen Schriften in der literarischen Welt einen guten Namen hat, gibt uns einen mtt geschickter Hand ausgesührten kurzen Abriß der von den jüdischen Lehrern auf Seminarien sich anzueignenden Religionswiffensfächern als Grundlage seiner zu entfaltenden Lehr- Berum,vorUiltzcr Stedaclcur: Dir. M. Rah m e r. thätigkeit und spätern Selbstsortbilkung. Der jüdische Lehrer hat nicht blos die gewöhnlichen Realien einer allgemeinen bürgerlichen Bildung, sondern auch die Religion zu lehren. Letzterer Lehrgegenstand, wenn der Lehrer in den Wissenszweigen desselben gut vorgebildet ist, ist es allein, der dem jüdischen Lehrer die oben genannte Carriere eröffnet. Ueber die Grenzen dieser Vorblldung des Lehrers in der jüdischen Religionswiffenschast auf Seminarien spricht der Verfasser erfahrungsmäßig mit einem sichern Takte S. 7: ״Wir sind selbstverständlich gegen jedes Zuviel, sowie gegen das Zuvielerlei und die davon unzertrennliche Zersplitterung. Ein gründlicher Lehrgang, welcher jeden tobten Formalismus vermeidet, wird sich ohnehin gegen die Zerspliterung zu wahren wissen." Einleitend hierzu lesen wir von ihm S. 5: ״Nicht das hebräische Fach im ärmlichen Zuschnitte früherer Jahrhunderte, nein! Religionsbildung in ihrer edelsten Entfaltung, das ist es, was wir für das jüdische Seminar der Gegenwart mit Entschiedenheit fordern. Wir vermeinen keineswegs den jüdischen Lehrer auf den Jsolirschemel einer blos jüdisch-religiösen Lehrthätigkeit zu setzen. Eine israelitische Pflanzschule, die es lediglich unternimmt, Religionslehrer zu bilden unb den Volkslehrer dabei ans dem Spiele läßt, hat nach unserer Ansicht ihr Mandat verwirkt. Tüchtige Volksschul-Didaktik soll neben der religiösen Bildung hergehen." Zutreffend ist die Schilderung (S. 6) des Standes der jüdischen Wissenschaft in Vergangenheit und Gegenwart: ״Die jüdische Wissenschaft, sagt der Verfasset, in ihrer übersichtlichen Anwendbarkeit für den Lehrsaal ist im Ganzen noch von ziemlich jungem Datum. Glücklich der Aspirant von Gestern, welchem die weite freudlose Wänderung durch ungesichtetes Material erspart wird, und der dadurch Zeit übrig behält, am Leitfaden eleganter und verständlicher Lehrmittel die Licht- und Höhenpunkte des Ganzen sich näher zu bringen. Von dem Dornenpfade einer jüdischen Didaktik vernimmt er höchstens aus biographischen SkiUen und. novellistisch gefärbten Darstellungen. Glücklich preisen wir ihn aber auch deshalb, weil er jener Uebergangsperiode entronnen ist, wo jüdische Bildung aus der nivellirenden jüdischen Schule von damals, nicht aus dem Seminar allein, fast gänzlich verbannt und daraus so sorgfältig fern gehalten war, wie der Name Gottes aus dem Buche Ester." Spezielles giebt der Verfasser an. In 3 Jahren soll der Aspirant von der Bibel cursorisch lernen: .2—3 Bücher des Pentateuchs: 2—3 Bücher der historisch-prophetischen Schriften; statarisch etwa Jesaia, die kleinen Propheten und eine Auswahl der Psalmen. Neben dem Urtext der Bibel wünscht der Verfasser auch das Erlernen der hebr. Commentare, was besonders für die Kenntniß des Neuhebräischen sehr wichttg ffi. Von der Mischna empsiehlt er 4—6 Traktate. Bei der Aufzählung der Traktate hätten wir gern den Traktat Synhedrin gehabt, besonders den Abschnitt Chelek. Zur Aneignung eines geläufigen guten hebräischen Stiles hat der Verfasset eine nicht genug als probat zu empfehlende Methode. Er läßt, nach S. 9, je ein hebräisches Diktat zum Rückübersetzen ins Deutsche mit einem deutschen Versionstexte zum Uebertragen ins Hebräische abwechseln. Zu den Blumenlesen wäre nvch zu nennen Grätz's ״Leket Schoschanim;" ebenso empfehlen wir als Religionsbuch das von dem sei. Prof. Wessely in Prag. Als gutes Nachschlagebuch über biblisch-talmudische Gegenstände nennen wir: Hamburger, Real-Encyclopädie für Bibel und Talmud, Wörterbuch Abth. 1 A—Z; Abth. 2 A Essäer. Nicht genug können wir dem Lehrer die spätere Fortbildung empfehlen, von der der Verfasser so sehr begeisternd spricht. Wir wünschen der trefflichen kleinen Schrift die weiteste Verbreitung und die verdiente Beachtung. vr. H. Druck u. Ärriax von C. Scharnke in Barby.