Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1875-06-15 · Nr. 12. (15.6.1875) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr. 12. (15.6.1875)
Date
1875-06-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/5367336-5990816-5990952--0461-5367523
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jmschk Litemtmblatt Zur Beleuchtunz aller Judenthum u. Juden betreffenden ttterarischen Erscheinungen aus dem Gebiete der Philosophie,Geschichte,Ethnographie,Lheoloßir, Lrientati«, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. ׳<_ Herausgegeben von Rabbiner vr. Moritz lahmer •״><״•׳ Magdeburg, 13. Juni 1873. sicher der einschlägigen Literatur, weiche der lieb de» ״Jüd. pteraturbiatt" in Magdeburg (oder der,Laraei Wochenschrin Stettin)!ugrsandt werden, finden in diesem Platte eingehende Besprechung. Nr. 12 Erscheint, w e i nr a t monatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrist" sdie jährl. 9 Mark kostet) g r a t i s. Zu beziehen durch all« Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Fries«. 4. Jahrgang Das Buch Jona. Von I S. Bloch, Rabbiner in Güstrow. Das Schristchen Jona, eine hübsche, novellenariige Erzählung e was sonderbarer Art, bilvet eines der eigenartigsten Literaturslücke, welche aus der alttestainentlichen Zeit aus uns gekommen. Nach manchen Seiten, wie in der Sprachsärbung, sowie in der universalisti chen Weltanschauung mit dem sögenannten Predigerbuche verwandt, unterscheidet es sich von demselben vortheilhaft durch eine klare Disposition, durch die natur- und sachgemäße Aufeinanderfolge der Ideen und Begebenheilen, sowie durch den Charakter des Ganzen. Daß Koheleth mehrere Bearbeitungen und Beränderungen erfahre» und aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt, wird dem kritischen Leser auf den ersten Blick klar'), während der Versuch Nachtigalls, die Entstehung Jona's aus verschiedenen Theilen nachzuweisen'), als gänzlich verunglückt bezeichnet werden muß. Spinoza fand Jana mit Unrecht fragmentarisch. Koheleth ist es in Wirklichkeit. Aber während Koheleth uur in seinen eiltzelnen Parthieen, in seiner eigenartigen Zusammensetzung, den Erklärern und historischen Forschern Schwierigkeiten darbietet, erscheint Jona in seiner Ganzheit als ein Räthsel, das besriedigend zu lösen, bis jetzt Keinem geliitgen wollte. Es ist viel über dieses sonderbare Schristchen gedacht, noch viel mehr geschrieben und gestritten worden; es hat sehr strenge Beurtheilungen, man kann sagen Verurtheilungen gefunden; man hat darüber gespottet, gelächelt und gewitzelt, ohne daß Ulan sich über dessen Inhalt und über das, was es erzähle» will, wirklich klar war. Wie das Buch, so erscheint uns die Person Jona rälhselhaft vom Kopse bis zur Zehe! Wie komntt es, daß ein solch großer Prophet so klein und kleinlich denkt und handelt; er, der als Prophet von seinem Gotte die reinsten uitd erhabensten Begriffe haben niüßte, der von ihm mit einer so gewalltgen, in der Prophetengeschichie einzig dastehenden Mission an die Heidenwelt, betraut worden, er wähnet ihm, ״der das Meer und das Trockene geschaffen", ertfliehen zu können! An sich als Thatsache lst diese Flucht geiaiß mehr als komisch, geradezu ׳) Vcrgl. mein: Ursprung und Entstehungszeit des Buches Noheleth p. 65 s. 12b f. *) Eichhorn'sche Bibliothek LX. p 221—273. Vgl. G. L. Müller in Paulus Memorabilim VI. p. 142 f. albern! Wenn der Agadist durch ein sinniges Beispiel es in j der Weise zu erklären sucht, daß der Geist der Prophetie oder! Schechina auf heidnischem i öden sich nicht offenbare, so ist es das eben eine Agada und giebt Delitzsch*) kein Recht, diesen Satz der ״jüd. Dogmatik" oder der ״synagogalen Tradi - tion" zuzuschreiben; am allerwenigsten dem Dichter des Buche- Jona, der im heidnischen Ninive Gott mit dem Propheten rebeu läßt 4, 3 ff. Daß solche Ailschauungen überhaupt den altteii. Schriftstellern durchaus fremd waren, erhellt schon aus der Thatsache, daß Mose das heil. Land nie betreten, seine proph. Thutigkeit die aller übrigen Propheten überstrahlt. Dazumal trug die Schechina keine Bedenken in Ägypten, der Residenz Pharao's, war sogar liberal genug, in einer ganz gewöhnlichen Herberge mit Mose eine Unterredung zu pflegen. Daß die Schechina im Laufe der Zeit aristokratisch und orlhodoxer geworden wäre, läßt sich auch nicht annehmen. Nicht der Rcichlhum, sondern die Jdeen-Armuth verdeckt ihre Nacktheit und Blöße mit derartigen Lappen, trägt veraltete, zerrijjene, fadenscheinige Kleider. Und nicht blos die Flucht vor Gott, auch nicht allein das sonderbare Wunder, - das ׳)geilen des Propheten im Bauche des Fisches während dreier Tage — sondern noch mehr das Schweigen aller historischen Schrif.steller der Bibel über diese Jona-Geschichte macht uns stutzig. Desgleichen wird die in der Prophetengeschichie nicht wiederholte Thatsache, daß ein israel. Prophet nach einer fernen heidnischen Stadt geht, um ihr das Wort Gottes zu künden — an sich schon durch und durch unwahrscheinlich — mit keiner Sylbe erwähnt. Gleicherwei,e wild der außerordentlich schnellen Bekehrung Ninive'S weder bei dem Propheien Nahum, der >o viel über Affur weissagte, noch bei deffen Zeitgenoffen Jesajas, noch endlich bei seinen Vorgängern oder Nachsolgern, Hojea und Zephania, gedachl. Die Propheten würden gewiß nicht ermangelt haben, aus ein so bedeutsames Ereigniß in ihren Rede» anzuspielen. Die Behaup.uug, ״daß der Prophet Nahum, indem er den bald ivieder lücksällig gewordenen Ninivilen Gottes Gericht androht, eine Ergänzung sei zu der Geschichte des Buches Jona" — macht gerade dcil Mangel jeder Hinweisung und Bezugnahnie aus die frühereil Ereigniffe um so empfindlicher. Daß im späteren Alierthum die Erzählung im historischen, d. h. natürlichen Siiuie ausgefaßt worden (vgl. Tob. 14, 4; *) Zeilschr. für lurher. Theol. 1840 p. 114.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.