Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 7. (1.4.1875)
- Date
- 1875-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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IMW LitentMA Zur Krlruchtung aller Jude»- Ihum u Juden betreffenden literarischen Erscheinungen auf dem Gebiete derPhitosophie.Grschichte,Stynographie,Theologie, Krirntati», Exegese, Homitetib, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner 1)1*. Moritz Nabrner Magdeburg, L. April 1873. Mchcr der einschlägigen Literatur, welche der Ved. de« ״Jüd. Literaturblatt" in Magdeburg (oder der,Loraet. VSochenschr." in Stettin);ugesandt werden, finde» in diese« Platte ringehende Besprechung. Nr. 7. Erscheint zweimal monatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrist" <die jähcl. 9 Mark kostet) g r a t i s. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 4. Jahrgang. Veranlassung und Zweck der Kanon-! fannnlung 1 Von I. S. Bloch, Rabbiner der israel. Gemeinde zu Rendsburg. (Fortsetzung.) Was die besten Propheten mit ihren Reden, WeiSsagungen und Wunderthaten nicht erreichen tonnten, das vollbrachte jetzt eine mächtige, unerschöpfliche Geistesslrömu'g, die im Volksleben selbst ihren Urquell hatte. Die Roth stärkte die Geister, inachte sie der höchsten Entschlüsse fähig. Nach Verlauf weniger Jahrzehnte waren die besten Männer in die heil. Heimath zurück gekehrt, von Vaterlandsliebe durchglüht, voll heiligen Eifers für das GotteSgesctz, das allein Kraft genug hatte, die staatliche Ordnung, das geknickte volksthüinliche Leden und Empfinden wieder erstehen zu lasten. Nur kurze Zeit hatte sich Niedergeschlagenheit, Verzagtheit, bange Sorge ob der Möglichkeit eines Auferstehens, ihres Gemüthes bemächtigt, aber die wackere Schaar rüstiger Kämpfer sucht die erlöschende Hoffnung zu entzünden, bald stärkte sich ihr Entschluß, mit -esammter Krgf^ mit geschärfter Einsicht, mit gehobener Wil- ׳l^IßDDW^M>''und rettend für des Volkes Wohl und Heil zu wirken, nicht zu ruhen, nicht zu rasten, bis neuerstanden das alte Volk, bis wiedererrichtet die nationale Ordnung. Wohl war das Prophetenthum erloschen und mit Maleachi der letzte seiner hehren Vertreter zu Grabe getragen; eines gewaltigen Jesajas flanlmensprühende Rede ließ sich nie wieder vernehmen, und auch die göttliche Muse der Psalmisten, die in früheren Zeiten so mächtige Kraft entwickelte, schien bereits ihren Schwanengesang anzustimmen — aber es bedurfte auch keines Propheten mehr; die Wundermänner gehörten der Vergangenheit, die neue Zeit forderte Lehrer. Es ist, als ob das Volk, besten Hinneigen zum Götzendienst erfolgreich zu bekämpfen, den erleuchteten Propheten der Vorzeit kaum gelingen wollte, nun mit einem Male einseheu gelernt hätte, daß sein Schicksal unwiderruflich nlit dem des Monotheismus, der Tbora, des Gottesgesetzes verbunden sei. )fest und unerschütterlich stand bei ihm der Entschluß, diese Lehre der Geschichte zu Herzen zu nehnien, nur der Stinime Gotlcs, die durch Moie und die Propheten ergangen war, zu folgen. Das geistige Leben der Nation concenlrirte sich fast ausschließlich in dem mächtig sich regenden Streben, die religiösen Ideen zu verwirklichen, in's Leben treten zu lasten. Die Religion oder richtiger die Thora. ׳ das Gottesyefetz, ward zum gemeinsamen Pulsschlag des Lebeus und ersetzte dem Volke die politische Selbstständigkeit, die niangelnde Nationaleinheit. Die wichtigsten religiösen Ideen und Glaubenssätze, wie die Udsterblichkeitslehr«^ die Lehre von der Wiederauferstehung, die messianischen Hoffnrmgen, erhielten jetzt erst eine bestimmte Gestalt. Und doch lag nicht hierin, nicht in den abstracten Ideen und Glaubenssätzen, die eigen!- liche Bedeutung jener Zeit und ihre Richtung. Der kühle, nüchteme Gedanke, das bloße theoretische Wort reichte längst nicht mehr hin, das Zeichen einer Gemeinschaft abzugeben; alles, was in den Geistern fluthete und quoll, sollte als Thal zu Tage treten. Pflichten, so und nicht anders zu denken, kannte man noch nicht, sondern solche: so und nicht anders zu handeln. Gedanken sind unschädlich, aber auch unwirksam, nur wenn sie in Form von Thaten Leben und Dasein erhalten, bilden sie weltgeschichtliche Factoren. Bleiben sie dagegen bloße theoretische Sätze, dann nützen die schönsten Gebote, die besten Lehren nichts. Das Thun war das Bestreben der Frommen jener Zeit, der genauen Beobachtung und Ausführung der biblischen Lehren hatte man sich hingegeben. Das Gesetz, aber auch das ganze Gesetz in allen seinen einzeln Vorschriften sollte gehalten werden. Schon nach Esra und Nehemia waren alle Lebensverhältniste der Gemeinde genau nach dem Wortlaute des heil. Gesetzes umgestaltet. Das eifrige / Studium, das Nachsorschen im alten Schristthum war nu^ um deswillen als verdienstlich angesehen, weil es das ״Thu׳^*, das fromme, schriftgemäße Handeln ermöglicht und herbeiführt.*) Die sittliche Idee sollte nicht ״reines Denkens btei־ ben, sondern im Werden der Dinge, in den Gestaltungen auch der materiellen Welt thätig sein. Auch den MenstHengeist befriedigt nicht das reine Denken, ebensowenig d^e Seele der abstracte Glaubenssatz; eine Vereinigung wollte man zu Stande biingcn zwischen der Welt der Ideen und der des realen Thuns. Die religiöse Idee sollte nicht bb׳,z innerlich bewahrt werden, sondern auch äußerlich sich ku׳.,d geben in! Handeln- Tas Leben sollte vergeistigt werden, i m Thun die Kontinuität des Gedankens sich ausdrücken. In, welcher Art aber dies zu erreichen sei, wie die einzelnen Vorschriften dem genauen Wortlaute der Lehre entsprechend ^uSgesnhrt werden sollten, in welcher Fornt der idealen Al׳)gch, ws Gesetzgebers am sicherneu *) לא המדרש עיקר אלא המעשה; גדול התלמוד וימביא לידי מעשה ■