Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 5. (1.3.1875)
- Date
- 1875-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische WtctalurMati. Zur Beleuchtung aller Judenthum u Juden betreffenden titerarischen Erscheinungen auf dem Gebiete brr Philosophie,Gkschichtr,Ethnographie,Lhcologie, Arientati», Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegebcn von Rabbiner 1)1׳. Moritz Nahmer Magdeburg, L. März 1875. Mcher der einscht.igigen Literatur, weiche der Ned de» ״Inb. Literuturdtalt" in Magdeburg (oder der ״Irrael. Wochenschr." in Stettin);»gesandt werden, finden in diesem Platte eingehende Besprechung. Nr. 5. Erscheint zweimal monatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift" (die jährl. S Mark kostet) g r a t i s. Zu beziehe!׳, durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 4 Jahrgang. Der philosophische Dilettantismus im Indenthum und seine Wirkungen. Non Rabbiner Dr. H. Ia»lus in Breslau.*) Man nennt unser Geschlecht ein schnelllebiges, weil es fortwährend aus Mittel und Handhaben sinnt, mit in wenigen Tagen das zu vollbringen, wozu ehedem Jahre vonnöthen gewesen, weil es eine ruhelose Hast im Genüsse der Lebensfreuden entwickelt. Inwiefern diese Erscheinung unserer Zeit zum Lobe oder zum Tadel gereicht, mag und kann hier nicht untersucht werden. Aber daraus möchte ich Hinweisen, daß sich eine gewisse Art von Schnelllebigkeit auch aus ein Gebiet erstreckt, auf welchem sie nur bedeutende» Schaden anrichten kann, aus das Gebiet der Wissenschaft. So erfreulich es einerseits ist, daß der demokratische Zug unserer Zeit auch die Wisienschast mächtig durchdringt, daß diese nicht mehr als ausschließliche Domaine einer von hochnrüthigem Kastengeisie erfüllten Klasse betrachtet wird, so läßt sich doch andrerseits nicht leugne», daß der gewaltige Hang unserer Zeit, die Wissenschaft zu demokratisiren oder zu popularisiren, unverkennbare Rachtheile in sich birgt. Die wissenschaftlichen Wahrheiten, die erhabenen Erzeugniffe des menschlichen Geistes, besitzen nicht die Eigenthümlichkeit, daß sie mit einemmale ganz fertig und keiner Verbesserung fähig dem Gehirn entspringen, sie müssen vielmehr, ehe sic als solche der Menschheit zum Genleingut übergeben werden, einen langen (oft jahrhundertelangen) Gährungs- Prozeß in der stillen Werkstätte des Denkens durchwachen, sie müssen gleich den edlen Erzen erst mühsam und vorsichtig von allen Schlacke» gereinigt werden, bevor sie die weite Reise in die Welt antreten. Welche Stadien die menschliche, dem Irrthum unterworfene Erkenntniß zu durchlaufen hat, ehe sie von der bloßen Vermuthung sich zur unumstößlichen Wahrheit emporringt, das beweist uns am Besten die Wissenschaft, die den Lauf der Sterne erspäht, die, weil durch die Hiissmittel der Mathematik sich ausbauend, die Königin der Wissenschasten genannt wird, und die Wandlungen, denen sic seit kaum einem Jahrhundert unterworfen gewesen. Es gehört nun zum schnelllebigen Charakter unserer Generation, daß sie die noch nicht gereiften Früchte der Wissenschaft in brennender Ungeduld pflücken möchte, und um so *) Gehalten bei seiner Entlassung als Rabbiner ans dem jüd.< theol. Seminar zu Breslau, am 27. Januar 187S. <Red.) unverzeihlicher und betrübender ist es, wenn Männer, die im Dienste der Wissenschaft stehen, aus nicht immer edlen Absichten ihr dieselben reichen. Welcher Mißbrauch dadurch mit der Wisienschast getrieben werden kann, welche Verwirrung ein solches Vorgehen in den Köpfen der urtheilslosen Menge, die;a doch aus Rlangel an den erforderlichen Beweis!!!. alles auf Treu und Glauben hinnehmen muß und es auch auf Treu und Glauben hinnimmt, wenn es ihr nur in recht kühnem, selbstbewußtein Tone vorgetrageu wird, welches Unheil ein solches Verfahren anrichten muß, wie der Oberflächlichkeit und Seichtheit dadurch Thür und Thor geöffnet wirv, ist wohl leicht zu ersehen. Kann auch dem in unseren Tagen üppig wuchernden Dilettantismus in manchen Künsten eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden, so wird er vollends unerträglich, wenn er auf das Gebiet der ernsten Wissenschaft sich ausdehnt, denn wohl wird der gewisienhafte Forscher nach gewonnener besierer Ueberzeugung eine selbst lang gehegte wisienschaflliche Meinung der richtigern zu opfern Mnth und Selbstlosigkeit genug besitzen, keineswegs aber der Dilettant, dessen Wissen, weil ohne selbstständiges Urtheil empfangen, eben aus Vorurtheilen sich znsammensetzt, und Vorurtheile schon aus Bequemlichkeitsrücksichten nur schwer aufgegeben werden. Unterliegt es demnach keinem Zweifel, daß die Wisienschaft nur dann einen wohlthätigen Einfluß auf die geistige Entwickelung der Menschheit auszuüben vermag, wenn sie ungeblendet von eitlem Ruhm nicht vorschnell ihre Resultate in die Welt entsendet, so gilt dies in erhöhtem Maße von jener Wisienschast, deren Forschungsgebiet auf das höchste Problem des menschlichen Geistes, auf unsere Beziehung zum Ueberirdischcn, Göttlichen, auf den Ursprung und das Wesen der Religion, sich erstreckt. Denn so verlockend auch für Jedermann, der von seiner Vernunft Gebrauch machen will, die Beschäftigung mit diesem Problem ist, so gefahrvoll können hier die Folgen von Jrrthümcrn werden, weil ihr Wirkungskreis sich nicht allein auf das Wissen, sondern auf d׳e sittliche Gesinnung und die sittliche Handlung ausdehnt, der Bestand der menschlichen Gesellschaft weniger aber von der größer» oder geringer» Fülle ihres Wissens, als von der Art ihrer Gesinnung u. Handlungsweise bedingt wird, oder mit andern Warten: cs nicht die Intelligenz sondern die Moral ist, die die menschliche Gesellschaft vor der Zerrüttung und C elbstauflösung schützt.