Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 4 (1875)
- Issue
- Nr. 2. (15.1.1875)
- Date
- 1875-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wische LitemtuÄalt. Jur Bkikuchtunz aller Jude»- 'hum u Juden betreffenden literarischen Erscheinungen auf dem Gebiete der ph>tosophie,Geschichte, Ethnographie, Lheoiogie, Brientaiia, Exegese, Homitetik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner 1)1׳. Moritz Nahmen Magdeburg, d. 15. Januar 1875. Bücher der einschlägigen Literatur, weiche der Ned de» ״Jüd. Literaturbiatt" in Magdeburg soder der ״Z»raei. wochenschr." i» Stettin) )»gesandt werden, finden in diesem Dtatte »ingehende Besprechung. Nr. 2. Erscheint zweimal monatlich. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die ׳Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift" (die jährl. 9 Mark kostet) g r a t i s. Zu beziehen dnrch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Fries«. 4. Jahrgang. Veranlassung und Zweck der Kanonfammlung. Bon I. S. Bloch, Rabbiner der israel. Gemeinde zu Rendsburg. (Fortsetzung.) . Dafe in uralter Zeit, da das Volk noch ein NomadenleWt führte, die wenigen schriftlichen Urkunden, welche das Volk besaß, die mosaischen Gesetze, an der Seite der Bundeslade aufbewahrt lagen (Deut. 31, 24—26), war vollkommen ,berechtigt; daß man später wiederum die Nachrichten von den gewaltigen Heldenthaten Josua's und des von ihm zu glorreichen Siegen geführten Volkes auf die entferntesten Nachkomnlen überliefern wollte, und sie deswegen ebenfalls au die Seite der Lade legte (Jos. 24, 26), finden wir auch in Ordnung; daß man zur Zeit der Gründung der Monarchie die Urkunden der neuen Staatsverfassung, des Königs Rechte und Pflichten, das Königsgesetz, (1. Sam. 10, 25) ״vor Gott" niederlegte, ist nicht minder verständlich. Aber von hier bis zur Sammlung des Kanons ist ein Sprung, welchen die Vernunft und Logik nicht ohne Gefahr machen könne». Daß Hosea, Ainos, Jesajas ihre begeisterten Orakel, ihre erschütternden Strafreden, Ermahnungen u. s. w. in denl Tempel ausbewahren ließen, das zu behaupten, fehlt nicht nur jede historische Nachricht, wie auch Keil zugesteht, sondern es ist geradezu absurd. Was sollten diese Reden im Staatsarchiv? Und andrerseits: Ruth, das Hohelied, welche Ursache hätte man gehabt, sie an die Seite der Lade zu legen? Die Thatsache, daß viele Schriften erst im Laufe der Zeit ein Ansehen der Heiligkeit, eine prophetische Schätzung erlangt haben, beweist zwar nichts gegen diese Hypothese; ebenso wie, angenommen die Tempelbibliothek existirte wirklich, daraus noch nicht erwiesen wäre, daß jedes literarische Product bald nach seinem Erscheinen in das Archiv ausgenommen wurde. Aber gerade die Geschichte von der Wiederausfindung des Gesetzbuches z. Z. des Josias zeigt, wie bereits von anderer Seile bemerkt worden, daß man danials gar nicht bestimnlt erwartete, daß dasselbe sich in: Tenipel befäilde und noch weniger etwas davon wußte, daß dort überhaupt eineNiederlage heiliger Schriften zu finden sei. Die scharssinnige Hypothese im erwähnten Aufsätze des ״Jcschurun" ist auch schon deswegen unannehmbar, weil sie den Kanon ans einmal sammeln zu lassen nöthigt, was mit Eintheilung, Geschichte und Venen-! nun g dieses Kanons in nicht zu vereinbarendem Widerspruche steht. Daß aber in der vorexilischen Zeit überhaupt keine > Li.eraiur-Samiulung irgend welcher Art veranstaltet wurde, weder von Schriften, die sich in unser»! Kanon befinden, wie es z. B. Haevernick, Keil u. A. aunehmen, noch von solchen, die z. Z. des Syrer-Krieges verloren gegangen, wie es der anonyme Vers, des erwähnten Aufsatzes im Jeschurun sich denkt, folgt schon aus der Thatsache, daß die Samaritaner, als sie von der jüdischen Gemeinde sich getrennt, eine derartige Schriften-Sammlung nicht initgenommen haben. Eine andere Klaffe von Gelehrte» glaubt, in den Schriflen des alten Te ainents lediglich die hebr. ״Natioualliteratur" zu erblicken, die man in einer späteren Zeit aus dem Grunde samnielte, weil sie die einzig gerettete», die letzten Ueberreste aus der an schriftlichen Denkniälern reichen Vergangenheit bllbete». Der Zufall wollte es, daß gerade diese und keine andern gerettet wurden; um so ä gstlicher bewahrte und überlieferte »tan sie der hohen Verehrung einer spätern Nachwelt. ״Zufall" oder ״Wunder"! In diese Begriffe läßt sich viel hineinlegen, weil sie inhaltsleer sind. Nach Hengstenberg, Keil und ähnlich gesinnten Männern, ivar der Kanon-Abschluß üugenscheinlich ein göttliches Wunder. Nachdem der letzte Prophet sein letztes Buch geschriebeil, erwachte im Volk plötzlich daS Bewußtsein, daß die Prophetie nun erloschen sei, und man erklärte den Kanon für geschlosseu; nach Eichhorn, Hitzig und Gesinnungsgenossen war dieser Vorgang rein vom Zufall verursacht. Ein wunderbarer Zufall oder ein zufälliges Wunder! es gehört jedenfalls ein besonders seiner Gcschntack dazu, um diese bis zum Verwechseln ähnliche Begriffe genau unterscheiden zu können; ihr innerer Werth wird sich ziemlich gleich bleiben. Gegen diese Hypothese spricht übrigens schon die ))lichtaufnahme der dcuterokanonischen Schriften, deren mehrere im hebr. Originale verbreitet gewesen; ihr Ausschluß war gewiß niehr denn ein bloßer Zufall. Die verschieden Berichte über Controversen im jüd. Lehrhause, ob diese oder jene Schrift in die Sammlung ausgenomnien werden sollte, zeigen nicht minder die Gehaltlosigkeit des Hitzig'schen Dictums: ״Alle aus der christlichen Vorzeit stammenden hebräischen Bücher find kanonisch, alle kanonischen hebräisch, während zu deil Apokryphen alle griechisch geschriebenen gerechnet werden."*) *) 8■ Hitzig, die Psalm, krit Uebers. II. p. IlS.