Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 3 (1874)
- Issue
- Nr. 13. (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische LitkritiMM. Zur Beleuchtung aller Jude»- thum u. Juden betreffenden literarischen Erscheinungen aus dem Gebiete berPhitosophie,Geschichte,Ethnographie,L heologie, Arientatia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. ע_ 1 Herausgegeben von Rabbiner vr. M. Rahmer in Magdeburg. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Ned de» ״Jüb. Literaturblatt" in Magdeburg (oder der ״Israel. Wochenschr." in Stettin) zugesandt werden, finden in diesem Platte eingehende Besprechung. V___J 3. Jahrgang. Ml* iErscheint 1—2,»al monatlich. Preis pro Jahrgang 1 Thlr. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochen- Wl• ז י)• schrist" gratis. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. Die rationelle Kirche.*) Es sind in neuerer Zeit vielfach Stimmen von Nichtjuden in die Oeffentlichkeit gedrungen, die ein liebevolles Verständniß und eine warme Schätzung von Inden und Judenthum bekundeten. Ist auf diese Stimmen zu achten wie auf Zeichen der Zeit? Hat man ein Recht, sie als Beweis dafür zu nehmen, daß der lichte Tag bereits angebrochen ist, an dem unser Recht uns werden wird und statt der fahr- Hunderte-, ja jahrtausendelangen Verkennung und Schmähung man Anerkennung und Liebe uns entgegenbringt? Kann man in ihnen wirklich, wie man so gerne sich bereden möchte, die Gewähr dafür finden, daß die Tage des Haffes nunmelir gezählt oder vorüber sind und daß mittelalterlicher Druck und Anfeindung um des Glaubens willen dahin find aus Nimmer- Wiederkehr? Sicherlich mären derartige Urtheile gewagt und unbegründet. Man darf doch niemals vergessen, wenn man in der Freude über solche Stimmen zu viel ails ihnen fchließen möchte, daß es immer nur Einzelne sind, von denen sie ausgega»gen, die eben in ihrer Vereinzelung nichts für die Gesinnung und Stimmung ihres Kreis:3, ihres Landes, ihrer Umgebung beweisen können. Es ist der Wahrheit eingeborene Kraft, die ihr zu allen Zeiten Vertreter gewinnt, und so hat eS selbst in den finstersten Zeiten nicht an solchen gefehlt, die dem Judenthum Gerechtigkeit nicht vorzuenthalten vermochten. Aber es sind eben Einzelne gewesen, die über ihrer Zeit stauden und nicht als Ausdruck der in ihrer Zeit über Juden und Judenthum herrschenden Gesinnungen durften genonunen werden; wer nach den einsamen Lichtern, die in der finstern Nacht aufleuchten, die Nähe des Morgens berechnen wollte, der würde sich eben täuschen. Und so täuscht sich auch heute, wer von den vereinzelten Aeußerungen der Anerkennung uild Würdig:ng zu dem Glauben sich Hinreißen läßt, wie es so herrlich heute ui» unsere Benrtheilung in den Angen der Völker bestellt sei. Und selbst die unläugbaren Auszeichnungen. die hie und da unseren Glaubensgenossen zu Theil werde», die Rechte, die wir gewinnen, der Einfluß den wir erlangt haben, der gesellschaftliche Verkehr, dessen wir nun nahezu in unbeschränkter Weise gewürdigt werden, alle diese Errungenschasten dürfen uns nicht blind machen und zu der Einbild»ng bringen, als sei unsere Zukunft gesichert und sorgenfrei **) *) Von Pater Prutek, nebst einer Autobiographie und dem Portrait des Verfassers. Wien und Teschen, Karl Prochaska!874. **) Daß dem so ist, und auch deutsche Männer, die ihr Volk besser kennen als wir, nicht lächerlich zu werden fürchten, wenn sie Besorgnisse ob der Juden aussprechen, zeige eine Aeußerunq der ״Wage", die schon an sich der Erwähnung werth ist: ״Ihre «der Nationalliberalen) rüstigsten Wortführer, die jüdischen Stammes, welche einst, tiesbelehrt von der eigenen Väter Leid, heißen Herzens die Thorheit und Gefahr des beschränkten Nationalgeistes zu schildern wüßten, sie sind jetzt grimme Gernianen worden und sehen in hochmuthigem NischeS auf den verhaßte» Noch lauert vielmehr wie vordem der Haß, um bei jeden! Anlaß uns heimtückisch anzufallen, noch ist selbst aus den aufgeklärten Köpfen die Vorstellung nicht weggebannt, als seien wir ein ganz besonderes Geschlecht mit unausrottbaren Erbfehler», noch sind über Juden und Judenthum Meinungen im Umlauf, die an verderblichen und gefährlichen Wirkungen nur durch das öffentliche und gesittete Anstandsgcfühl verhindert werden, noch ist nach wie vor unter uns die Gesummtheit für den Einzelnen verantwortlich, und Fehler, die auch und vielleicht in noch stärkerer Weise im fremden Lager zu Hause sind, werden zu Kennzeichen erhoben, die lediglich die Juden unleidlich und meidenswerth machen sollen, und so ließe sich noch eine ganze Reihe von Thatsachen anfzählen, die es niehr als deutlich machen, daß wir von der eingebildeten Glückse'igkeil noch weit entfernt sind. Sollen wir darum jene Stimmen, die eine lichte, frohe Zukunft künden, unbeachtet lassen, aus Furcht, mir könnten sie überschätzen? Niinmerinehr. Und wenn wir sie dennoch beachten sollen, als was sollen wir sie nehmen? Diese Stimmen bleiben an sich voin höchsten Werthe für uns, nach innen und nach außen. Nach innen! Ueber die Vorzüge unseres Volkes und seine Eigenart sind in der eigenen Mitte seit den ältesten Zeiten die werthvollsten und treffendsten Wahrnehmungen gemacht und überliefert worden, die ein Gemeingut Israels geworden sind und von Geschlecht zu Geschlecht, von Mund zu Munde gehen, ohne Prüfung hingenommen und fortgepflanzt. Man freut sich denn auch wohl, mit dem verbrüsten Adel auf die Welt gekommen zu sein und so und so viele der löstlichsten Eigenschaften und seltensten Vorzüge mit in die Wiege erhalten zu haben, aber beim geringfügigsten Anlaß, wenn einnial einer aus der eigenen Mitte in eine!» schwachen Augenblicke sich solchen Vorzugs bar erweist, wird uns leicht des alten Adels bange und gelinde Zweifel sangen an rege zu werden, ob es denn auch mit den vielumsprochenen Stammes- Vorzüge» so recht wahr und ernst ist, und es ist gar nicht selten, daß in jüdischen Kreisen das Wort Jude und jüdisch zur Bezeichnung eines Menschen mtö einer Handlungsweise verwendet wird, die getadeit oder gar gebrandmarkt werden sollen. Ersahrungssätze, in denen ein Volk gekennzeichnet wird, sind eben durch fortgesetzte Beobachtung gewonnen und be- Hallen ihre Geltung, wenn sie auch im besonderen Falle sich nicht immer Herausstellen Aber der Blick der Menschen ist anfS Besondere und auf den Eiuzelfall gerichtet und nur davon läßt sein Urlheil sich besnmmen. Wenn wir also Un- Franzmann herab, der ihnen einst doch so gutmütbig das Brot des Exiles zu reichen hatte. O! und dereinst wird er es vielleicht ihnen n.'ch einmal zu reichen haben, wenn erst die Last, die sie jetzt so eifrig ansstreue», in die Hatine geschossen ׳.st. wenn erst in deutschen Gauen das neuerstandene Volk auf seine Staunnesreinheit stolz und eifersüchtig jenes gewaltige Bardict anstinnnc» wird, dessen .Kehrreim endet mit: Hep, Hcp!״