Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 3 (1874)
- Issue
- Nr. 10. (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische LitmtMM Zur Beleuchtung allcr Judentkum u Juden betreffenden l>- terarischen Erscheinungen auf dem Eetnele drrPI>it«sopkie,Geschichte,Ethnographie,Lheotogie, Lrientatia, Exegese, Homitetik, Liturgik, Pädagogik. V_ J Herausgegeben von Rabbiner 1)r. M. Rahmer in Magdeburg. Bücher der »inschtägigen Literalur, weiche der Ncd de« ״Jid. Literaturdtatt" in Magdeburg (oder der,Loraei. Wochenschr.- in Stettin) lugesandt werde«, finden in diesem Matte eingehende Besprechung. V___/ Nr. 10 Erscheint 1— 2mal monatlich. Preis pro Jahrgang 1 Thlr. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrist" gratis. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 3. Jahrgang. Benennung und fuccefstve Entstehung der drei Theile des Kanon. Von I. S. Bloch, Prediger der israelitischen Genieinde zu Rendsburg Man wird kau!» auf Widerspruch stoßen, wenn man die Frage: ״ob wir uns eine allmälige, successive, oder eine gieichzeitige, einmalige Sammlung der alltest. Schriften zu denken haben," als eine oer wichtigsten und weitestragenden der alttest. Bibelkrmk bezeichnet. Die »leisten Entscheidungen über Aechtheit und Alterlhum der einzelnen Schriften hange» damit innig zusammen. Die berufenen Vertreter der Einleilnngs- Wissenschaft nehmen je nach ihren» Parleistandpunkte zu dieser Frage verschiebeile Stellung; alle sind sich bewuhl, daß das hier abgegebene Volum für fast alle übrigen aus diesem Gebiete entscheidet. Wenigstens in Deutschland meinen alle freiforschenden Gelehrten mit aller Entschiedeilheit für eine allmalige Entstehung des alttest. Kanon eintreten zu müssen, während die mehr conjervativen Theologen der protestantischen Kirche allen ihren Scharfsinn und all' ihre Gelehrsamkeit darein setzen, eine einmalige Lammiung nachzuweisen. Wie so häufig ein und dieselbe Ursache nach verschiedenen Seiten verschiedene iilanchmal auch diametral entgegengesetzte Wirkungen, je nach der Beschaffenheit und Anlage des Objects, hervorruft, so glanbeu hier beide entgegengesetzten Richtungen schon in der äußerlichen Gestalt u>ld Eiuiheilung des Kanon den unnmstößlichsteu Beweis ihrer Annahme gesunden zu haben: beide extreme Parteien berusen sich nämlich auf das in der alltest. Bibel zu Tage tretende Princip oder richtiger Moment der D r e i t h e i l u n g. *) In der Thal stehen hier zwei Momente einander gegenüber und scheinen sich das Gleichgewicht zu halten. Wenn der Kanon zu einer Zeit von einundderselbeil Behörde gesammelt morden, so scheint es unbegreiflich, waruni man die״Hagiographen" von den ״Propheten" trennte, ivenigstens wariim ein Theil der hiitorischen Schriften in den prophcl. Kanon auigeuonlinen wurde, vährend z. B. Daniel mit einem Platz unter den Hagiographen vorlieb nehmen mußte. So lautet die Behauptung bei den Vertretern der freier» Richtung. Im Gegenteil, »leinen die Hengsteuverg, Hävernik, Delitzsch, Oehler, Keil u A-, daß nichts so sehr gegen die Hypothese einer succesfiven Entstehung des Kanon im Laufe der Zeiten spreche, als jenes der Saniinlung zu Grunde liegende Princip der Dreilhcüung. Eine solche nach einem bestimmten Princip nniernonimeiie Einlheiluitg setze voraus, daß die Sammln,ig zu einer bestimmteil Zeit ex professo nnternom »u'ii und vollendet wurde. Auch die einzelnen Bücher sind nicht nach der Zeitfolge geordnet; vielinehr war man bei Vertheilung der historischen, prophetischen und didaktischen Bücher in die zweite und dritte Abtheiluug voii bestimmten Voraussetzuugeu ausgegangen. Diese Voraussetzuugen ivareii aber rein dogmatischer Natur gewesen; Heugslenberg, Delitzsch 11. A. berufen sich hier auf Maimonides u. a. jüd. Theologen des Mittelalters, welche nämlich zu unterscheiden suchten zwischen der prophel Inspiration und der Inspiration des heil. Geistes. Schriften, die nur vom heiligeil Geiste und nicht prophetisch inspirirt gewesen, haben die Kanonsammler in die dritte Abtheilung eingereiht. Um Unterscheidungsprincipie״. waren die orthodoxen Gelehrten überhaupt nicht verlege», Oehler') wilßte ein ganz nagelneues ausfindig zu machen, welches, in die richtige Formel gebracht, sich sogar sehr hübsch ausnimmt; auch das von Keil *) angegebene Unterscheidungsmerkmal hat sein Ansprechendes. Noch ein andrer Forscher, den wir in dieser G.'sellichaft nicht erwartet hätten, Nachinan Kochmal, ein fast Leffing'scher Kopf, voll scharfer, schneidender Kritik, ein ebenso tüchtiger Kenner des Kant wie des Jbn Esra, führt ebenfalls') die Dreitheilnng auf einen bestinimleu vorbedachten Plait zurück, läßt aber die Sainnilung in einer relativ späten Zeit erfolgen. ES ist eine auffallende Erscheinung, daß ma., bis jetzt nicht daran gedacht hat, in Bezilg auf diese Frage die Namen der drei Theile zu untersuchen, welche, wie wir sehen werden, sehr schätzbare Ausschluffe hierüber zu geben iin Stande sind. Zwar der Gebrauch des Wortes eanon') für das Corpus der jüd. und christl. Religionsbücher datiri erst ans dem dritten christl. Iahrh. Das Hebr. hat keilten entspr. Ausdruck dafür. Mau kann sich zwar des Ausdruckes ״Kanon" und ״kanno-!lisch" unbedingt bedienen, weil es das, worauf es hier aukoinml und was man sich allgeinein darunter denkt, am kürzesten und schärfsten bezeichnet. Allein für die Entstehungsgeschichte des A. T ist die Ableitung und Bedeutung dieses Wortes durchaus gleichgültig, und eine Feststelluug des Begrisfes Kanon kann über unsere Frage unmöglich irgend welche Anskunsl geben. Dasselbe gilt von der Bezeichnung: Vetu8 Teslamen• tum, die z. Z. Tertnllians') bereits gewöhnlich, aber nicht minder einem relativ sehr späten Zeitalter angehörl, und ihre Entstehung überhaupt mir einer incorrecle» Üeberjetznng des hebr. ברית °) (nach dem Griechischen) seitens der des Hebräischeu unkundigen Theologen der lateinischen Kirche verdankt. Der Zufall ist häufig ein sehr ironischer Schalk und hat sich auch diesmal in einer kleinen Bosheit gefallen; er wollte eS haben, daß diese Schrisken, welche vor allen andern als Quelle und untrüglicher Maßstab ewiger Wa h r h e i t e» in den Augen von so vielen Millionen M׳ »scheu galten und gellen, gerade in dem Namen einen Jnthum, ein Mißverständniß, ivenigstens einen philolog. Schnitzer an der Stirne tragen sollten. Anders verhall es sich mit e>ne»l hebräischen N rinen der altt. Schriften, der uns bereits in der vorchristlichen Zeit vielfach begegnet und in deil jild. Kreisen auch später allgemein üblich blie!>; hier haben >vir über die Sammlung und Ent-