Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1874-01-01 · Nr. 5. (1874) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
3 (1874)
Issue
Nr. 5. (1874)
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5367336-5990814-5990924--0339-5367431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Jmsche Ntmtmblitt. r Jur -ktruchtung aller Judenttzu« ». Juden detreffendrn literarischen Erscheinungen aus de« Gedielt der Philosophie,Geschichte,Ethnographie,Lheoiogir, Drientati«, Exegese, Homiletiir, Liturgik, Pädagogik. _ Herausgegeben von Rabbiner D1\ M. Rahmer in Magdeburg Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Ned. de« ״Jüd. KteraturdlaN" in Magdedurg («der der ״Zoraet. Wochenschr.- in Stettin);ugrsandt werden, finden in diesem Matte eingehende Besprechung. V___/ Nr. 5. Erscheint 1—2mal monatlich. Preis pro Jahrgang 1 Thlr. Für die Abonnenten der ״Israelitische« Wochenschrist" gratis. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert F r i e s e. 3. Jahrgang. Philo, Strauß und Renan und das Christenthum. Von Bruno Bauer.*) Bruno Bauer hat lange geschwiegen; er ist mittlerweile alt, aber nicht schwach geworden. Auch die Kampflust ist noch ungebrochen, und wenn er dreinschlägt, hat es auch heute noch seine Art. Es ist eigentlich ein ruhiges, wissenschaftlich kaltes Buch, das er auf den Markt bringt, und weil darin zu tüchtigen Hieben und mächtigen Ausfällen keinerlei Gelegenheit märe, hat der alte Streiter es sich nicht nehmen lasten, neben dem wiffenschaftlichen Lehrsal einen geräumigen Fechtboden einzurichten, auf dem er diesmal Strauß und Renan jeden zu zwei Gängen ladet. Nur so läßt sich der sonst seitfame und unverständliche Aufbau des Buches erklären, dem es auch seinen abenteuerlichen Titel verdankt, denn in der Sache selbst lag nicht die geringste Nöthigung, etwa vor der Darlegung der eigenen Ansicht mit den fremden sich auseinanderzusctzen, vor der Aufführung des eigenen Baues den Schutt der fremden abzubrechen und aufzuräumen. Er erklärt sogar ausdrücklich, daß er seine Gegner anzugreifen durchaus keine Veranlastung habe, wird aber gar nicht müde, auf sie cinzudringen und loszuschlagen. Man darf aber über diese forniell wenigstens durchaus unberechtigten Einschiebsel und Zuthaten nicht klagen, denn eine Polemik Bruno Bauers ist etwas, was man sich schon inlmer wobl oder übel gefallen lasten kann. Er ruht heute schon in der Erde, der große David Friedrich, aber so sehr hat ihm keiner seiner ungezählten Angreiser heimgeleuchtet, wie dieser derbe und ungeschlachte Bruno Bauer mit seinen gewaltigen Fäusten. Bis zur Erbärmlichkeit niacht er durch eine an Grausamkeit und Herzlosigkeit wahrhaft unvergleichliche Ironie und Kritik sein letztes Buch vom alten und dem neuen Glauben lächerlich. Geißelt er auf der einen Seile seine an Schwäche grenzende Gutmüthigkeit, genannt Optimismus, so spottet er auf der anderen über Straußens Beschränktheit in politischen Dingen, seine Unkenntniß der wahrhaft treibenden Mächte in der Weltgeschichte und seine Scheu vor dem ״Lumpengesindel", das bei Bauer die Nolle des weltgeschichtlichen Sauerteigs zu spielen scheint. Ja, er läßt sich zu dem Vergleiche hinreißen, daß Strauß wie ein gebildetes, ans der Pension gekommenes Mädchen erscheine, das manchmal Musik macht, für Schiller schwärmt, Käthe bewundert und im Nathan zur Abwechselung für Menschengleichheit sich begeistert. ״Wir konnten sogar, sagt er beißend, in der Schilderung der Empfindungen und Urtheile des guten Kindes die Siichu-mle von Srraußens Bekenumisten über seinen Verkehr mit den herrlichen Gestalten der deutschen *) Berlin, Gustav Hemprl 1874. Kunst verwenden." Von köstlichem Humor sind jene Auslaffungen, die Bauer gegen die Religion, Privat- und Gemeindeerbauung richtet, welche Strauß aus dem Zusammenbruch der ganzen alten Weltanschauung zu retten für gut befunden hat. Auch in dem neuen Werke Straußens tritt nach Bauer derselbe Fehler zum Vorschein, den er stets gezeigt hat, indem er, ״von seinem ersten Auftreten an bis auf sein jetztges Buch keine Spur von Fähigkeit gezeigt, das Christenthum mit den historischen Kräften und gesellschaftlichen Verhältnissen, von denen es umgeben und nur ein besonderer Ausdruck war, zu fasten". Sehr unwirsch fährt Bauer gegen Renan los. Die Spitze feiner Ausfälle gegen diesen Forscher erreicht der folgende Satz: ״Soweit hat es also mit der deutschen Kritik, die der Franzose Renan nur in dem Strauß'schen Genre kennen lernte, kommen wüsten, daß sie, nach Paris verpflanzt, sich mü Offenbach astociirte, denn der Ton und Gang von dessen Operntexten hallt aus dieser Renan'schen Mahnung an den Philosophen — diesen ladet Rena» nämlich zur Selbstschau und Weltbetrachtung nach Nazareth — wieder. Das Kauderwälfch einer Offenbachfchen Oper sollte jener deutschen Kritik zu ihrer angemessenen Fortbildung verhelfen". Renan'S Art, aus dem Zauber der Landschaft den Charakter der in ihr handelnden Personen zu erklären, schwellt Bauern die Zornader. Der ganze Süßlichkeits- und Seligkeitsdusel, mit dem Renan das heilige Land schaut und ausdeutet, die thratralische, rein aus den Effekt berechnete Vertheilung von Artmuth und Schrecken, von Großartigkeit der Umgebung und idyllischer Lieblichkeit der Gegend, die alle in den Thaten und Lebensvorgängen des Heilands sich widerspiegeln sollen, alles das empört Bauers Seele auf's Aeußerste, daß er nicht mehr Ironie, sondern unbändigen Hohn und Spott auf dieses jämmerliche ״Leben Jesu" ausgießt. Die ganze Persönlichkeit Renan's wird bei Bauer sehr hart mitgenommen, er lacht über seine Thränen, spottet Über seine politischen Jeremiaden wie über leeres Geplärre und über seine Salbung wie über eitel Schmiere. Besonders wird sein Verbäitniß zum französischen Jinperialismus über Bauers Hechel gezogen und arg geprüft. Und das ist zugleich die einzige Möglichkeit, in einer Art von höherer Einheit die Behandlung Straußens und Renans in diesem Buche Bauers zu rechtfertigen, weil er den Jmperialismus und sein Verhältniß zum Christenthum darin eigentlich zum Gegenstände hat und jeden Forscher über das Chri» ftenthum zuvor nach seiner Stellung znm Imperialismus auSholen will. Auch geht soviel aus Bauers Kritik hervor, daß wir eigentlich von der Zeit noch weit entfernt sind, in der man wird sagen können, mir seien über den Ursprung des Christenthums im Klaren. Bauer bringt eine neue oder eigentlich auch nicht neue Vermuthung über den gleichen Gegenstand. Hatte Strauß die Messianität Jesu daraus erklärt, daß er ihn zur Copie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.