Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 3 (1874)
- Issue
- Nr. 3. (1874)
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jur Beleuchtung aller Judenthum u. Juden betreffenden literarische» Erscheinungen aut dem Gebiet« derphilosophie.Geschichte, LthnograPliit.Lhealogit, Brientalia, Eregesc, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Bücher der einschlägigen Literatur, welche oer Ned de» ״Jüd. Literaturdlatt" in Magdeburg i oder der ״Israel, ivochenschr." in Stettin) zugesandl werden, finden in diesem Platte eingehende Besprechung. Nr. 3 Erscheint 1—2>nal monatlich. Preis pro Jahrgang 1 Thlr. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochen- « schrist" gratis. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese 3. Jahrgang. Ueber fynagogale Musik in» Mittelalter. Die interessante Notiz in Nr. 49 der ״Wochenschrift" I über die in Italien erschienene Abhandlung eines Juden aus dem XV. Jahrhundert, Wilhdlm aus Pesaro, über die Tanzkunst (Choreographie), erinnerte uns an eine ähnliche Erschcinung der jüdischen Literatur übe: Musik, die bisher noch gar nicht gewürdigt ivnrde. Musik und Tanzkunst sind verschwisterte Künste, die in Italien, der Wiege der Kunst, von den Jude» frühzeitig gepflegt wurden. Alkgemetn herrscht die irrige Ansicht, daß erst in unserer Zeit damit begonnen wurde, den Synagogengesang kunstgerecht in musikalischen Werken zu behandeln. Die Musikwerke Schir Zion rc. vom Pros. Sulzer in Wien werden gewöhnlich als die ersten gelungenen Versuche, die Synagogeugesänge in Noten zu setzen, bezeichnet. Allein im Vaterlande des Palestrina, in Italien, wurde schon vor mehr als zwei Jahrhunderte» der Anfang gemacht, die synagogalen Gesänge in Musik zu setzen. R. Salon!on de 3t0ן f i (מהאדומים) aus Mantua ist der wenig bekannte Naine des jüdischen Palestrina, welcher in Venedig 162 3 mehrere Gesänge und Psalmen in Musik gesetzt und unter dem Titel herausgegeden hat: באפו השירים אשר לשלמה מימורים ושירות אשר הביא בחכמת הניגון והמוסיקא לג׳ , ד׳ וח׳ ׳קולות י ויניציא שיפ׳ג(* N. Salonion hat also die Gesäuge für 3, 4 und 8 Stinunen geschrieben und in der Einleitung den Gebrauch der Vocaliuusik in der Synagoge vertheidigl, wobei er sich auf die gleiche Meinung gelehrter Rabbiner: N. Jehuda da Rioden«, N. Leoil Sarval u. A. berujl. Es verdient wohl dieses höchst selten gewordene Schriftchen, das in der jetzt in England sich befindenden Oppeuheimer'schen uilv Mlchael'jchen Bibliothek aufbewahrt wird, als Beitrag zur Geschichte der Musik durch eine zweite Auflage weitere» Kreisen zugänglich gemacht zu werden. In unserer Zeit, wo den alten musikalischen Werken so viel Aufmerksamteil geschenkt wirb, darf man auch diesem ersten Versuch der in Druck veröfseutiichlen synagogalen Musik die verdiente Theiluahiite schenke».**) R. Salomon de Nojfi war ein jüngerer Zeitgenosse von Palestrina (geb. 1524, gest. 1594) und dürfte vielleicht von dessen Erfolg zn seinein Unternehmen augeregt worden sein. Daß dessen Werk keine Nachahmung gefunden, ist wohl durch die traurigen, unglücklichen Zustände und Verhältnisse der Juden in Italien, und namentlich in *) Wolf Biblioth. hebraea I 1038 III 1025 und IV 974, wo aber di« Angaben nicht vollkommen genau zu fein scheinen, denn an einer Stelle heißt es: apud Bragadinus editus foliiö 22 und im 4. Theit I. e. wird angegeben: Venet. 383. ch. 1823. 4. apud loh. Culeoni. **) Auch aus der Pariser Nationatbibtiotyck befindet sich dieses Werk, wie in der ״Wochenschrift" Nr. 24 v. I. unter ״Paris" berichtet worden. (Siehe darüber die ״Nachbemerkung der Redaction.") Nom. leicht erklärbar. Es gab überhaupt in Italien, denn nur von diesem Lande kann zur Zeit der Rennaissance die Rede sein, keine so großartige und reich dolirle Synagoge, in welcher die synagogale Musik hätte gepflegt werden können, wie dies in der Peterskirche für die Kirchenmusik Jahrhunderte hindurch der Fall war. R. Salomon hatte aber in Nab. Jehuda Moskato aus Mantua einen Vorgänger, der ein ausgezeichneter Kenner und Freund der Musik wer. In seinem geistreichen homi-; (?tischen Werke Nefuzotli Jehuda, Venedig 1589, widmet R. Jehuda die erste Homilie, הגיון בכגורי, der Musik, um, wie es scheint, seinen Zuhörern die hohe Bedeutung und Wichtigkeit derselben an's Herz zu legen. R- Jehuda spricht hier mit einer gewissen Ostentation als seltener Kenner und Verehrrr der Musik und läßt sich sogar auf die Musik der Gri«- chen, ans das Wesen der Harmonie, der Tonleiter und Scalen weitläufig ein. Es nimmt sich dies eigenthümlich auS. in einer Homilie die griechischen Terminationen nebst Uebersetzung: Diapason — Octao; Diatessaron — Quart; Diapenle — Quint zu citiren; aber solche gelebrkd Brocken in der Predigt waren damals sehr beliebt. In seine» Argumenten geht endlich R. Jehuda Moskato so weit, das Wort Musik von dem hebräischen Verbum מוג — mischen der Töne, und Kalliope, die Muse des Gesanges, von קןל יפה abzuleiten, Etymologien, die damals von R. David Provenyale in einem eigenen Werke ״vor Haflagau° behandelt wurden. (S. Meor Enaim Ab. 57) R. Jehuda (gest. 1580) war ein Zeitgenosse Palestrina's und scheint auch praktisch die Musik gepflegt zu haben, wie dies von mehreren italienischen Rabbinern bekannt ist. N. Jehuda da Modena erzählt in seiner Autobiographie (s. Geiger ״Jehuda da Modena," hebr. Theil 15 b), daß er in Ferara als Knabe i. I. 1578 tanzen, singen, musiciren und die lateinische Schrift-Sprache lernte: לנגן לשיר ולרקד לכתוב לשון לאטין Ebenso rühmt er von seinem Schwiegersohne R. Jakob Halewi, daß derselbe in der Musik und in. der Tanzkunst Unterricht ertheilte und dabei dennoch das Studium der Thora nicht vernachlässigte: והוא הלך בתומו למלאכתו ללמד לנגן ולרקד ותורתו לא הניח Der Enkel des N. Jehuda da Modena rühmt auch seinen! Großvater nach, daß er ein berühmter Säuger war und einen schönen Tenor gesungen habe. (Jbid n. a: יען במומרים היה חלקו והיה מינורי קול ערב ונאה לשומעיו) Es find dies gewiß wichtige Momente zur Culturgeschichte, die die höchste Beachtung verdienen. Als Vierter im Bunde kann auch N. Abraham Porta Leone gezählt werden, der in seinem Sehilte Ilagibborim, (Mantua 1612) über den Gesang und Musik der Juden, über die musikalischen Instrumente der Bibel gründliche Untersu-