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Das jüdische Literaturblatt · 1874-01-01 · Nr. 2. (1874) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
3 (1874)
Issue
Nr. 2. (1874)
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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WW Litkratmmtt. Zur Pkikuchtung aller Andenlhum u Juden betreffenden titrrarischrn Erscheinungen auf dem E>ediete der pi>ilosopt>ie.E>efchichte.Cchnagrapiiie.Lheotogie, jüricntatia, Lregefe, chomitetik, Liturgik, Pädagogik. Hcrausgegcbcn von Nabbincr Vf. M. RakMer in Magdeburg. j-ucher der einschtügigen Literatur, welche der Red de» ״Züd.?teraturblatt" in Magdeburg (aber der,,Israel Wachenichr." in Stettin) zugelandt «erden, finden in diesem Platte eingehende Besprechung. Nr. 2. Erscheint 1—2»,al monatlich. Preis pro Jahrgang l Tlllr. Für die Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrist" grati s- Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese 3. Jahrgang. Das Judentbum und die Entwickelung der Arten. Besonders in den sogenannten gebildeten jüd. Kreisen hat inan sich daran gewöhnt, Judenthum und Christenthnm über einen Leisten zu schlagen, in gleicher Weise die ״Theologie" und die ״Theologen" als Feinde der freien Wissenschaft darzustellen, von Dogmen zu sprechen u. A. in. Ob das feinen Grund alleiil in der Deutschen und . udcn gemeinsainen Schwäche, die folglich den deutschen Juden gedoppelt anhaftct, alles Fremde sich aneignen, und, falls es nicht möglich ist, sich aildichtcn zu wollen, oder ob cs nur ein Hcrübernehnten von in christlichen Kreisen der Unkenntnis des Judenthums ihren Ursprung dan-!enden Anschauungen ist, das lassen wir dahingestellt. Interesiant ist dabei jedensalls, wie Wirkung und Gegenwirkung sich durchkreuze« und verschlingen, wie nunmehr ״christliche Kreise" solch' verkehrte Ansichten über Judenthum von Juden entlehnen. Hat ja selbst der hochverehrte Abgeordnete Lasker nicht wenig dazu beigetragen, uns diese Gleichstellung in pejus erkämpfen zu helfen. Dem gegenüber ist es Pflicht der jüdischen Presse immer wieder darails hinzuzeigen, wie mit der Mittlerschaft allein die Disserenzen zwischen der Mutter- und Tochtcrreligion durchaus ilicht vollständig bezeichnet werden — wie vielmehr die Gegensätze sich bis in die kleinsten Details und die feinsten Nuancirungen ausdehnen —, daß wir es verlangen müssen, in keiner Hinsicht mit dem Christenthum gleich beurtbcilt zu werden, da dieses das Erbe des Heidenthums und des byzantinischen Geistes bis heute noch nicht überwunden hat. Mit Stolz gedenken wir da des entschiedenen Auftreten Frankcl's, als man es versuchte, das Judenthum in dem Streite Carl Vogt-Wagner über Wisienschaft und Köhlerglauben mitzucngagiren. Da zeigte er daraus hin. bah Buchstabengläubigkeit dem Christenthume zukomme, daß das Judenthum, Dank den ״rabbinischcn Alfanzereien" — wie es die Herren der Klerisei zu nennen pflegen — den Geist der Bibel hochhält, ohne an de» Buchstaben gebunden zu sein, daß es vielmehr lehrt: Die Bibel spricht die Sprache der Menschen. Einer dieser Hauptunterschiede ist nun, daß im Judenthume eine Wahrheit ist, was das Desiderat der gebildeten Christen ist: Lehre und Wissenschaft sind frei! Selbst in der Zeit der größten Ccntralisation durfle ei» Lehrer und Richter lehren, was den Entscheidungen des höchsten Gerichts und Lchrhauses widersprach, ohne daß er deswegen aus seiner Stellung entfernt werden durfte, wenn das Abweichen nur auf wissenschaftlichem Gebiete blieb. Daher sind die Materie», die in andere Religionen zu Dogmen erstarrten, im Judenthume stets flüssig geblieben. Hin u. her schwanken die Ansichten über die Schöpfung, *) ) Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß uns in Bezug aus die rn den, Artikel: ״Zur bibl.-talmud. Kosmogonie" von M. Levy (Nr 11, 12 des Literatbl. 1373) begründete Schöpfungstheorie eine längere Wide» lcgung zugegangen, die bis j tzt nur wegen Mangel an Raun, nicht zum Abdruck gelangt ist. (Red.) über Unsterblichkeit und den Messias. Findet sich ja selbst die Ansicht des Arislophanes in Plato's ״Symposion", daß der Mensch zuerst als ei» hermaphrodites Wesen gebildet worden, im Midrasch wieder (דו פרצופים ein Wesen mit ״zwei Gesichtern"). So konnte denn auch die von Häckel und Darwin vertrereue Hypothese der Artentwickelung in mit jüdischer Wisienschaft vertrauten Kreisen nich. das Entsetzen Hervorrufen, wie bei fromm christlich (Minuten und bei denen, deren Schöpfungstheorie in dem Satze wurzelt: Was einem Affen ähnlich ist, ist nie besonders schön. Freilich, ob man mehr oder weniger von dieser Hypothese überzeugt ist. das hängt, wie bei allen ungenügend gestützten Behauptungen von der subjektiven Denkweise des Einzelnen ab. Aber der Grundgedanke dieser ״neuen Ansicht" findet. sich schon in dem — zur Beruhigung ängstlicher christlicher Leser sei es hinzugesügt völlig recht gläubigen Buche Jkkarim des hochorthodoxen R. Josef Albo (1414). Dort heißt cs Abschuß 3 K. 1. S. 122 (W. Preßberg 1853): ״Wenn wir die Gestalten betrachten, welche die körperlichen Wesen haben, finden wir, daß sie nach und nach zur Vollendung vorschreiten, d. h. die spätere Gestalt ist wüMger als die vorhergehende und als ob die Materie sich entwickle in Annahme der Formen von Diangelhaftem zun, Vollkommenen; denn zuerst nimmt sie die niedrigste Gestalt an und nachher die höhere und steigt so stufenweise vom Mangelhaften zum Vollkommenen. Denn zuerst nimmt sie die Grundformen an und steigt dann auf zu den Bruchsteinen — und die Grundformen sind ihre Unterstufe, dann geht sie auswärts zur Stufe der Gewächse — und die Steine sind ihre Untcrstuse, — dann steigt sie auf zur Stufe der lebenden Wesen — und die Gewächse sind ihre Unterstufe, — dann steigt sie auf zur Siui-׳ der Art des Menschen — und da sind lebende Wese:, die Unterstufe. Hierbei hält die Schöpfung inne. Und wie beim Fortbcwegen jeder frühere Theil (der Thätigkcit) Vorbedingung des später» ist, so scheint auch bei den »icdern (körperlichen» Wesen es der Fall zu sein, daß jedes Frühere Vorbedingung des Spätcrn sei. Und wie beim Fortbewcgen das Erreichen des Zieles die Ursache aller Theilbcwegungen ist, so steigt auch das Wesen von Stufe zu Stufe, bis es die höchste Stufe im Menschen erlangt, und da bleibt es stehen, weil dieser das Ziel aller nieder» (körperlichen) Wesen ist. Daß die Materie sich vom Riedern zum Höhen, sortbcwegt, beweist die M i s ch u n g, die gesunden wird: Die Koralle ist der Mittler zwischen Anorganischem und den Gewächsen, und der Secschwamm, der nur den Sinn des Gesühlcs hat — er ist etwa ein Mittelglied zwischen Pflanze und Lebendigem. Und der Affe ist etwa der Mittler zwischen den Arten der lebenden Wesen und der Art des Menschen." So möge dieser Hinweis besonders auf gebildete Juden wirken, daß sie etwas mehr daran denken, sich und den Ihrigen die Eigenart zu wahren und nicht ihr Silber hinwerfen, um Schlacken dafür einzutauschen. Dr. Lewin, Kozmin.

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