Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 2 (1873)
- Issue
- N° 7. (21.5.1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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28 verspottet und verachtet, der Mutter zu gehorchen, das u,üssen die Raben am Bach aushacke» und die jungen Adler fressen. ״Ist das eine Sprache für Kinder?" so fragt er wuthentbrannt. ״Wer Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben." Wozu dieser schreckliche Gesctzcsparagraph aus barbarischer Zeit in modernen Sittenbüchcrn? Und mit gewaltiger Entrüstung fordert er aus, erst die biblische Geschichte, das Bibcllescn, den Katechismus, soweit Iudenthum darin ist, zu entfernen. Und was dafür! Man höre! ״Sage man nicht, daß erst Etwas Besseres geboten werden inüsse, bevor die seitherigen Gnmdlagcn eines Unterrichts zu ändern seien. Wir haben den nöthigcn Ersatz dafür schon lange: für die alten hebräischen Be: rühmtheiten — die größten Geister aller Zeiten und Nationen; für die überwundenen lehren altjüdischer Schreiber — die herrlichsten Sentenzen so vieler Wci: srn; für das Lesen der den Juden heiligen Bücher — das Studium der besten Werke aller klassischen Lite: raturcn." Kann man für die Volksschule weiser, besonnener, pädago: gischer fordern? Ja — es ist recht bedauerlich, wenn man sieht, wie weit der Judenhaß, Unwissenheit, Hochmuth und Dünkel ge: drungen sind. Wahrlich, das reine Menschenthum Wägner's ist ein sehr unreines, eine Krankheit, die leider auch in der Elemen: tarschule ihre Anstcckungsstoffe ausbrcitet. Die Brochüre verdient nicht besprochen zu werden, doch — sie ist ein Zeichen einer Zeitkrankhcit, das Symptom des Judenhasses, der nur den Namen gewechselt. Wir wollen hoffen, daß die Beochüre bald — vergessen und dein Verfasser vergeben sei. K. Liichrrschav. Die Menge der zur Anzeige und Besprechung vorliegenden Schriften macht es uns unmöglich, jeder einzelnen eine besondere ausführliche Rccension zu widmen, und da mit einer bibliographischen Zusammenstellung der Titelblätter allein den Autoren und Verlegern wenig gedient sein kann, so ziehen wir eS vor, dir Novitäten gruppenweise kurz zu besprechen. Eingehendere Kritik einzelner Werke bleibt Vorbehalten. Wir beginnen mit einigen Schriften in hebräischer Sprache. Den ersten Rang unter diesm räumen wir dem Ende Februar erschienenen 5. Band von Rabbinowicz "דקדוקי ט1פריט, Varianten zum bab. Talm." ein. Wir setzen Inhalt und Tendrnz des Werkes als bekannt voraus. Es hat in der ganzen, so riesenhaft umfänglichen rabbinischrn Literatur nicht Seinesglcichm: es ist aus einer Verschmelzung tiefster Talmudkunde, die selbst bei früherm Geschlechtern Auffehm erregt haben würde, mit dem kritischen Geiste der Neuzeit hervorgrgangrn, und ist sowohl dieses Umstandes halber, wie wegen der äußern Verhaltniffe, nämlich der Zugänglichkeit der die bettrffmdm Manuskripte und Jncunabeln mthaltmden Bibliothekm, erst in unserer Zeit möglich gewordm. Konnte man bei dem Erscheinm des erstm Bandes (1867) nur noch sehr gerechte Zweifel an der Ausführbarkrit des ganzm UntemrhmmS hegen, so zeigt die hocherfrmliche, in immer kürzer werdenden Zwischenräumen erfolgende Publication der jüngstm Bände, daß es — mit Gottes Hülfe — wmigstms nicht an Hm. R. gelegen sein wird, wmn das Werk unvollendet bleibm müßte. Die beidm erstm Bände mthaltm Brrachot, S. Srraim und Troctat 112V, der 3. (Ta'niS, Succa) erschien im April 1870, der 4. (Roschhasch., Joma) im Octob. 1871, der 5. (Embin) wie angegebm. Es kommt also nur darauf an, daß daS Werk materielle Unterstützung finde — bisher haben nur wenige Mäcenarm da« Ihrige (Einige in vollstem Maße) gethan Wir bezeichnm das Werk als ein jüdisches Nationalunternehmen; wmn unsere Reichen ihre Pflicht rrkennm, wmn größere Gemeindm das Buch für ihre Bibliothrkcn ankaufen würden, so würde die Judmheit unsrer Zeit mit der Vollendung dieses großartige» Unternehmens sich selbst ein ehrendes, bleibendes Denkmal stiften. Wir reihen hieran mehrere Werke von Jac. Reif mann: a) משיב ד2ר Historisch: krit. Abhandlungen. 1. Heft: Untersuchungen über die Hagada Hrnncneutik des R. Jose Haglili. (70 S.) b) תעודת ישראל Die Bestimmung Israels. (23 S.) c) קן צפור Das Vogelnest, äsopische Fabel. (30 S.) d) תולדות אבי משפח׳ רפאפורם Biographie des R. Abr. Men. Rapaport. Separatabdr. aus ״Haschachar." (26 S.) Der 'Name Reismann's ist seit einem Menschcnalter den Kennern und Freunden d. Hebr. rühmlich bekannt. Die ersten Aufsätze von ihm erschienen, so viel uns bekannt, in der Zeitschrift צירן von Creizenach und Jost 1641*) und seitdem hat er wohl Jahr für Jahr in Zcirschriften und besonderen Werken, so wie als Zugaben zu verschiedenen Büchern Produkte seiner gewandtm ' Feder, seiner weitreichenden Kenntnisse und stincs kritischen Scharfsinnes erscheinen lassen. Die incistcn enthalten kritische Bemerkungm und inan hat R. oft Hypcrkritik, Lust an nicht eben nothwrndigen Emendationen sowohl in biblischm Büchem wie in Schristm verschiedenster Art vorgeworfm Dafür findet man bei ihm stets was Originelles, Anregendes und Geistteiches. Der Inhalt von a) geht aus dem Titel hemor. Zuerst wird die Boraitha des R. I. H. historisch, dann ihre einzelnen Theile, die 32 Middoth, hermencutisch bcsprochm, wobei R. bei vielen dieser Middoth eigene Eregesm nach der betteffmdm Methode giebt. Aus einzelnes kann hier nicht eingegangm werden. Nr. 29 liest R. statt נרמטיא — נמטריא und erklärt dies mit Buchstabenvertauschung (ן für א ׳צ für ע u. berat.) So erklärt nun R. z. B. Spr. 12, 24;רפיה — רמיד Hiob 18, 3 נדמינו --- נטמינו. Unter 9tr. 30 נוטריקון wird eine Mmge von Vorschlägm zur Abbreviaturauflösung gegebm, von dmm aber vor nüchternem Urtheile nur wmige bestehen werden. Wir sührm als Probe an 2. Sam. 18, 12 ■=* שטרו טי משלח יד. Allerdings ist das מי schwierig, aber auf die Weise läßt sich aus dem Terte Alles machen. Freilich hat man daS vor Zeiten auch gethan, aber soll das nun heute gar als Kritik austreten?! Jerem 7, 4 חמח soll הוא מכפר הבל heißen!! Das unter b) angeführte Büchlein enthält eine Mahnung gegen die Nachahmungssucht in Israel und das Gedicht unter c) ^eine Fabel zur Empfehlung der Toleranz. Aecht Reifmännisch mthält b) in 2—3 Anmerkungen auch Emendationsvorschläge. In der Vorrede zu e) ".7- R. grgm Nachahmung fremder poetischer Formm, gegm Reim, Metrum, Akrostichon. Wir geben bereitwillig zu, daß das Colorit der Reifmann'schen Fabel ein durchaus rein biblisches ist, aber zur biblischen Poesie gehört nothwendig der Parallelismus — wenn nun R. Fremdartiges meiden wollte, so mußte er da« Eigenartige beibehalten, sonst ist sein Gedicht, bei aller Schönheit der Sprache und ttotz der Stichen- Thrilung porttsche Prosa. Zu d) haben wir nichts besonderes zu bemerken. Hr. Reifmann lebt ״weit hinten" in Polen, er ist Privat« mann und seine Bücher erscheinen im Selbstverlag. Ankauf derselben ist zugleich ein Ehrensold für einen rastlos strebenden Forscher. Seine Adresse ist: Jakob Reifmann in Opolc (rufl. Polen) per Warschau. (Fortsetzung folgt.) •) Wmn wir uns recht mtsinnm, ist die ansnyme Abhandlung über Schibole haleket im erstm Jahrgang von ihm, im zweitm Jahrgang findet sich mit Namm Unterzeichnete-. Briefkasten der Redattioo. Hrn. Rabb. vr. 8. in 8. Sehr willkommen: obwohl sonst Recrnsionen von Büchern, die der Red. nicht zugesandt sind, keine Aufnahme finden. Hrn. 8. in LI. Soll nicht todtgeschwiegen werden. — Die Besprechung der ״Schulprogramme" in nächster Nr. Druck und Verlag der Hosbuchdn'ckrr»! von Lar! Frlrse in Nagdrburg. (»covert ,$rit)e in Leipzig.)