Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1873-01-01 · N° 7. (21.5.1873) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
2 (1873)
Issue
N° 7. (21.5.1873)
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5367336-5990812-5990910--0265-5367385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Herausgegeben als Beilage zur Israelitische« Wochenschrift von »r. M. Rahrner Xi 7. Magdeburg, den 21. Mai 1873. 2. Jahrgang. I Siographie des Rabbenu Tam. Don Nr. De!sauer, Rabbiner i» böthen. (Schluß.) Seine umfassende Gelehrsamkeit versammelte um ihn eine große Jüngerzahl, unter denen sich Männer befanden, die einen klangvollen Namen in der jüdischen Gelehrtengeschichte sich erworben, wie R. Mose von Pontoise, der init seinem Lehrer an der Spitze einer Synode iu Troyes fungirte (Mordechai Gittin 8. k.) und N. Chajim Cohen. Daß auch R. Joseph Bechor Echor diesem Jüngerkreise angehörte, wird zwar angenommen, entbehrt aber noch zur Zeit eines gründlichen und endgültigen Nachweises.*) Zwei berühmte Jünger Tam's, Jechiel b. David und Jekuthiel b. Juda fielen als Opfer der großen Judenverfolgung in Blois, welche in Tam's letztes Lebensjahr fällt, deren Ursache die in späterer Zeit oft vorkommende, damals aber zum ersten Male auftauchende Anschuldigung war, daß die Juden am Ostern Christenblut vergossen hätten. Diese Nachricht erfüllte das Herz des greisen Tam mit tiefem Schmerze und er erhob diesen jamniervollen Tag (20. Sivan 1171) zum Fast- und Trauertag. Ein nambafter Schüler Tam's, ft. Peter, ist viele Jahre früher als Opfer der herumstreifenden Horden des zweiten Kreuzzuges gefallen. Eine bei den Juden so sehr angesehene Persönlichkeit, wir Tam, konnte selbstverständlich der wilden, kreuzfahrenden Rotte ebenfalls nicht entgehen. Es war im Jahre 1147 am 2. Wochenfesttage, als jene Schaaren auch das Städtchen Ramerü und die jüdische Gemeind« überfielen, in Tam's HauS drangen, eine Thorarolle in Stücke zerrissen, ihn seines Dermögens beraubten und ihn auf's Feld führten, daß er unter Martern den Tod Jesu sühne. Er hätte auch beinahe unter der Hand seiner Peiniger den Geist aufgegeben, wenn nicht ein ihm bekannter Ritter des Weges dahergekommen und ihn, (wie es heißt aus eigennützigen Mottven) unter dem Vorwände, ihn zur Taufe zu bewegen, ihren Händen entrissen hätte. Seine sonsttgen Lebensschicksale wie seine näheren Familienverhältnisie sind völlig unbekannt. Im Sepher Hajaschar Nr. 604 wird ein R. Jsaac b. Jacob erwähnt, jedoch ihn zum Sohne Tam's zu machen, sind wir unberechtigt. Die Geschichte dieser bewegten Zeit hatte eine Fülle von Thatsachen zu registriren, vollauf beschäftigt mit den Interessen, *) Im Sepher Hajaschar S. 78 a. wird Tam als sein Lehrer bezeichnet. I die das Gesammtleben betrafen, vernachlässigte sie die enger«! Sphären des Einzellebens. Die Zeugin grausamer Morbsce- | neu, entsetzlicher Verbrechen, schnöder Entwürdigung alles menschlichen Gefühls, kann nicht mit Behagen und Wohlgefallen bei dem Bilde einzelner, ausgezeichneter Männer ver» weilen. Sie wird von der gewaltsamen Zeitströmung fortgerissen und überliefert uns höchstens in flüchtig hingeworfenen Andeutungen, in dürren Notizen den etwaigen Amheil, den jene am Gange der Ereignisie genommen und was sie im Großen und Ganzen erlebt und erstrebt haben. Erst die dankbare Nachwelt will das Versäumte nachholen und greift aus Mangel an klarem Gedächtnisse für die Einzelheiten zu verworrenen schwunghaften Sagen, die den Mann ihrer Derehrung in seiner Größe und Vollkommenheit uns veranschaulichen sollen. Aber die Sage verkündet nur, daß ihr Gegenstand zunl Bereiche des Außergewöhnlichen gehört, das Bild jedoch, welches sie uns entwerfen will, bleibt verhüllt und unbestimmt. Die einzelnen Schicksale großer Männer, die ebenso denkwürdig als lehrreich sind, bleiben »erborgen. Tam war von Mit- und Nachwelt gleich hoch verehrt. Sein Ruf drang in die Ferne und sein rüstiges Streben ward selbst von R. Abraham b. David in Spanien anerkannt und gerühmt. *) Wirkt eine Persönlichkeit schon bei Lebzeiten so mächttg und unwiderstehlich, daß selbst der verkleinernde Neid verstummt und kaum einen Tadel aufzufinden weiß, um wieviel glänzender ersttahlt sie nach dem Tode. Am 4. Tammus 1171 verschied er und sein Tod brachte eine tiefe Erschütterung in die Gemüther aller seiner Glaubensgenossen. Einer seiner tiefbetrübten Jünger, der schon genannte R. Chajim Cohen, that die Aeußerung, daß, wenn er bei der Leichendestattung anwesend gewesen wäre, ihn seine Priesterweihe nicht abgehalten hätte, mit der Leiche dieses ״heiligen" Mannes sich zu beschäfttgen. Zwischen Leihet vnd Ai. Bon L. Wryl in Frankfurt a. O. (Schluß.) Wie steht's jedoch nun um die erste und eigentliche Frage, den (vermeintlichen) Widerspruch betteffend, dag nämlich eine •) In dessen Sepher Hakabala, woselbst aber wohl חי statt היה gelesen werden muß, denn wie aus dem Zusammenhang hervorgrhk, war Tam zur Zeit noch am Leben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.