Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1872-01-01 · N° 23. (4.12.1972) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 23. (4.12.1972)
Date
1872-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5367336-6488222-5990903--0221-5367367
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Israelitisch«« Wochenschrift Rr. LS. Mrschri»! zweimal monatlich Redigirt von e.!s «ratisbeilaac Rabbiner vr. M. «ahmer in Magdeburg. zur i'racüliichkn Wochenschriit. Zu beziehen für 1 Thlr. jährl. durch die E-ppepttiou. Pinzelnummern & 2 Sgr. n*A «»mm■ *äVa»*»;«Am« JUftma vMMMtv» Huty jviitk» ^»uvw|jv^1|^w1 <a»»«v«y 11n>^ mmv nd srltgeschrchtlichen Bedeutung, (irorlievung,) — Neuer Erklärungsversuch von Men. 2t>, 16. — Die ״Juden'' i» eimm mecklenburgischen HeschjchtSwerke. (Schluß.) Literaturbericht r Recennvnen. — Aus Vergangen hei! und Gegenwart von vr. Lehmann. — Joe l, israel. Gebetbuch. — Eine Charakteristik -es Propheten Samuel »ach feiner pädagogische» Entwickelung und «eligeschichtlichen Bedentnag. (Fortsetzmig.) Da hat sich,denn auch die sittliche Schutzwehr, mit welcher die mütterliche ^LichunH^en ausgerüstet hatte, auf's Glänzendste bewäW^ Dmkhier sah er die niedrigste Habsucht und verworfenste Agoipelschändung verüben, aber weit entfernt, sich dadurch in dev ihm anerzogenen Tugend- Hastigkeit wankend machen zu lassen, hob ihn vielmehr das widerwärttge Schauspie! solch' schamlosen Treibens auf eine höhere Stufe der Sittlichkeit; denn der tiefe Unwille, den er darüber empfand, gab ihm erst die ihm noch fehlende moralischt Spannkraft des sittlichen Wollens. Als er nun vollends nach vollbrachtem Tagesdienst sich in die vom Dämmerlichte erhellte Tempelhalle znrückzog und in stiller Einsamkeit, umschauert von der Heiligkeit des Ortes, dalag, da trat Alles, was er am Tage erlebt hatte, noch greller, noch abschreckender vor seine tief erregte Seele; seine Entrüstung stieg immer mehr und mehr und — nächtliche Visionen konnten nicht ausbleiben. — Wir lauten aber die Worte seines Lehrers und Meisters, als der aufrichtige Knabe ihm Alles treu berichtete, lvas er gehört und gesehen? ״Er ist der Herr, was recht ist in seinen Augen, das thue er!" Wir fühlen wohl aus jedem dieser Wort einer scheinbar frommen Ergebung in den Willen Gottes deutlich heraus, bis zu welcher Tiefe innerer Schwäche der Richter und Priester in Israel herabgesunken ivar. Er bekundete diese Schwäche zwar schon in hohem Maße seinen Söhnen gegenüber; denn statt mit unbeugsamer Entschiedenheit gegen sie einzuschreiten und mit schonungsloser Strenge ihrem ruchlosen Treiben ein Ende zu machen, läßt er es bei milden Ermahnungen und salbungsvollen Reden bewenden, trotzdem er sich doch wohl von der Fruchtlosigkeit dieser sanften Zuchtmittel bei seinen entarteten Söhnen zur Genüge überzeugt haben mußte. Wahrhaft drastisch kömmt aber diese bodenlose Eharaklerschwäche hier zum Ausdruck: Es wird ihm, dem weltlichen und geistlichen Machthaber des Volkes, das schwerste Verhänguiß verkündigt, von dem ein Fürstenhaus nur je bettoffen werde» kann; er aber nimmt diese unheilschwere Vcrkündigung, mit jener kaltblütigen Ruhe, oder richtiger mit jenem fatalistischen Gleichmuth hin, der allen willenlosen und kampfcsscheuen Naturen eigen ist. Wohl war er ein frommer Mann und hing der göttlichen Lehre mit Innigkeit an, mit solcher Innigkeit, daß ihm die Trauerkunde von dem Verluste, der diese göttliche Lehre enthaltenden Bundeslade tief ans Herz ging, — so tief, daß er darüber eines jähen Todes starb | Aber er hatte es in der Kraft seiner Jugendfülle verabsäumt, J aus dem Inhalt dieser Bundeslade, den erj selbst als eine Quelle des!Heils verehrte, thatkräftiges Leben zu schöpfen und es Anderen, wie es sein priesterlicher Berus erheischte, zu spenden, und verfiel daher immer tiefer in Geisteserschlaffung und war in vorgerücktem Älter so jeder Willensregung baar, daß seinen Lippen nicht chrmal der Wunsch enffuhr: der Herr möge das über ihn verhängte Geschick von ihm und seinem Hause abwenden. Auf Samuel, dessen sütliches Bewußtsein gerade in diesem Sündenpsuhl immer mehr erstarkte, konnten diese Vorgänge und die sich daran knüpfenden Betrachtungen ihre heilsame Wirkung nicht verfehlen. Er sah da einen Mann» dem das Geschick eines Volkes anvertraut war, und der auch ihm° zum Vorbild dienen sollte» jo rühmlos enden» daß sein Haus dem Untergange und das Volk der Knechtung anheimfiel; er erkannte aber zugleich, daß die Quelle dieser unheilvollen Folgen die Energielosigkeit war, ^ind dies eben verlieh ihm selbst die rechte und ächte Energie, so daß e r als vollendeter Charakter dasteht, würdig der Aufgabe, die ihm jetzt zufiel; der Aufgabe, die Leitung des Volkes zu übernehmen. Diese Ausgabe aber, wie ganz anders als seine Vorgänger faßte er sie auf! Jene Volksführer kannten kein höheres Ziel, als das Volk von dem Joche der beNMbarten Völkerstämme zu befreien oder es gegen äußere Angriffe zu vertheidigen. Nebenher haben sie wohl auch bürgerliche Streitigkeiten ge׳ schlichtet. Im Großen und Ganzen also war der Charakter dieser Volkssührerschast ein kriegerischer, und da konnte es nicht fehlen, daß sie hier, wie bei Abimelech, in ruchlose Gewaltherrschaft ausarlete, dort, wie bei Jephta, in widernatürliche Barbarei verfiel; schließlich auf der einen Seite, wie bei Simson, in abenteuerliche Verwilderung gipfelte, und auf der anderen mit einem geistesverkommenen Schwächling wie Eli endete. Was Wunder, daß unter einem solchen Regimente die Sittenlosigkeit im Volke immer mehr um sich griff und uns in dem Vorfälle zu Gibea einen Abgrund zeigte, wie ihn die Weltgeschichte kaum grausiger aufzuweisen hat. Samuel sah nun die klaffenden, kaum heilbar scheinenden Wunden, welche die Mißregicrung einer wüsten Vergangenheit dem Vaterlande geschlagen hatte, mit tiefem Schmerze; er erkannte aber zugleich mit seinem klaren, in die Zukunft dringenden Blick, daß die Freiheit eines Volkes, das kein eroberndes, sondern der Träger ewiger Wahrheiten ist, daß die Freiheit emeS solchen Volkes nur in der richtigen Erkenntniß der ihm an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.