Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N° 21. (6.11.1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Journal-Revue. I,r Ltzarakirrissik 1» jiioischen Lomes. (Fortsetzung.) (Entsprechend den Satzungen de» russischen Strascoder zer- (allen dir Juden in Sibirien in Soldaten, Ansiedler, Tscholdonen und Urotschinks. Am schlechtesten sind die Tscholdonen daran, d. h. solche, welche die Strafe der Bergwerksarbcit getroffen, und täglich, in Ketten gefesiclt, 20«! Schubkarren voll aus den Schachlen graben und fortführcn müssen. Nach langen Jahren wird der Tscholdon entweder Urotschink, mit anderen Worten, er wird von den Ketten und der Einschließung befreit, hat aber jährlich öO Kubikklaftcr Erz zu graben, oder er avancirt zum Ansiedler, d. h. er steht ihm frei, sich irgendwo in Sibirien niederzulasjcn. Die Juden, deren Zahl im Laufe der Zeit bedeutend angewachsen, so daß gegenwärtig deren bei 10,000 in Sibirien leben, laßen sich gewöhnlich in kleinen Orten nieda und bilden da kleine Gemeinden. Tic sibirischen Juden stammen zumeist aus Polen und Klein-Rußland. Sic beschäftigen sich, wie überall(!) aus der Welt, init Krämerei, und cs herrscht auch ein ganz annehmbarer Wohlstand unter ihnen. Die polnische Tracht haben sie mit der russischen vertauscht, und ihre Weiber sind ganz wie die sibirischen gekleidet. In! öffentlichen Leben bedienen sie sich vorzüglich der russischen Sprache, und so vcrräth blos der Gesichtstypus ihre semitische Abstammung. Eigenthümlich ist cs mit dem Glaubensvekcnntniß der Juden daselbst bestellt. Viele haben nämlich den Glauben ihrer Väter aus Nützlichkcitsrücksichten abgcschworen, beten aber insgeheim niit großer Inbrunst und in hebräischer Sprache den Gott Abrahanis, Isaaks und Jakobs an, ja sogar ihre Kinder haben für den Hausgebrauch echt jüdische Namen, dagegen hören sic im öffentlichen Leben aus russische. Die größte Anhäufung von Juden findet aber entschieden in Rußland, namentlich in dessen südlichen Theilen, in Polen, Ungarn und Schlesingen statt. Auch in Deutschland sind sic in ansehnlicher Zahl verbreitet, doch oennögen sie hier — vorläufig noch — nicht der gesammtcn Bevölkerung ein bestimintcs Gepräge aufzudrücken. Anders in Rußland und den Karpathen: ländern. 'Nichts verinag von den! Leben nnd Treiben der jüdiichcn Beoölle^iiig in jenen Gebieten einen richtigeren Begriff zu geben, als ein Spaziergang durch irgend ei» Juvcnviertel irgend einer bedeutenden Stadt, wie z. B. das sogenannte Kazimicrz in Krakau, den wir Hunderte von Malen stets mit gleichem Interesse durchwandert haben. Es ist -in echtes und rechtes Stück Mittelalter, dieses Judenquartier. Gehen wir einmal die Hauptstraße hinab: diese alten grauen Häuser mit den kleinen Fenstern und den Höhlen ähnlichen Gewölben, sie haben auch schon viele Jahrhunderte an sich vorüberziehen sehen, und die Menschen, die in ihnen wohnten und zwischm ihnen sich bewegtm, sind stets dieselben geblieben. Abgesperrt von allem geselligen Verkehr mir der übrigen Welt, gegen die Unduldsamkeit, die sie von draußen bedrohte, sich durch festes Zusammcnhalten und strengen Parteigcist im Innern rüstmd, haben sie, Vater auf Sohn, ihre Sittm und Gebräuche, ihre Anschauungen und ihre Idem, sowie ihre Tracht einander vererbt. Keine neue Errungenschaft des Menschengeistes, keine der mehr oder minder gewaltsamen Revolutionen, denen unsere heutige Gesellfchaft ihr Entstehen verdankt, war stark genug, um den eisernen Ring zu durchbrechen, den die Verschiedenheit der Religion und Sille um dicjeil Stadttheil gesponnen, und den die Privilegim der vollständigen Selbstverwaltung, die er »och heute genießt, noch undurchdringlicher machm. Diese Privilegien haben wie ei» Hemmschuh auf die geistige tEntwickelung desselben Stammes gewirkt, der sich in Spanien nnd Holland zu so reicher Blüthe entfaltete und hmte in Deutschland und Frankreich eine so bedeutende Rolle einnimmt. Man wende nicht den vonheilhaften Ruf ein, den der polnische Jude >u Bezug aus Scharfsinn und Geschäststalmt gmießt. Es ist inqhr Schlauheit als Scharfsinn,(!) mehr Kunst der Uebcrvortheilung(!) als wirkliches Handelsgcnic, das ihn auszcichnet. Sein Blick ist nur gui's 'Nächste und Kleine gerichtet, ausdauernde, weitsichiigr Speculation ist ihm fremd,׳ Anlegung von Kabrikm, großartige Aus- Haltung eines Handelszweiges, Begründung einer Industrie, das sind Dinge, vor denm er furchtsam und unschlüssig steht. oder!׳»<־ auch als thonchte Wagnisse verspottet.(!) Die Hauptstraße und ihre nächste Umgebung sind so ziemlich der Theil, den die wohlhabende Bevölkerung bewohnt, dort kann man vor den ThüreN wohlbeleibte Männer in kostbaren Prlzm oder Aliaskutten, dicke watschelnde Frauen mit Pcrlenhaubm und riesigen Ohrgehängen sehen; dort blick! zuweilen aus eine,» Fenster cur blühender Mädchenkopf von unvergleichlicher Schönhcil, dort findet man auch verhältnißmäßig anständige Wohnungen, welche ״reinlich schier" hie und da sogar den Anspruch erheben, lururiös zu sein. Doch wmn wir uns seitwärts schlagen, welch' ein Gewimmel und Gewirre von engen kruinmcn Gäßchcn, in Venen hügelhoch Unrath aufgehäuft liegt, welches Elend, welche Armuth, welche grenzenlose Verkommenheit spricht aus diesen niedrigcn armseligen Hütten, durch deren Thüre nian nicht cintrcten kann, ohne sich zu bücken, deren zerbrochene Fcnster mir Papier verklebt oder mit Leinwandfchcn verhängt sind; welches Elend spricht aus diesen trübseligen, dürftig gekleideten Gestalten, die da umherwandcln, aus den verfallenen Zügen der Männer, die uns mit düster forschenden Blicken betrachten, aus den schmutzigen vernachlässigten Weibern, den bleichen, ivclk und müd aussehenden Kindern! (Fortsetzung folgt.) Notiz. Das Wort 2 נא. Mos. 12, 9 ist in unfern Ausgaben des Onkelos mit T! ״ כדnoch roh" wiedergegeben. Dies ist nicht nur gegen die Tradition, der sich Onkelos sonst fast immer anschließt, sondern eS ist auch höchst ausfallend, daß die alten Erklärer, besonders Targ. Onk. stets berücksichtigende Raschi-Commcntar diese Abweichung ohne Bemerkung passiren läßt. Jüngst zeigte niir nun Herr Moharich in dem von ihm erioorbcnen sehr seltenen Zemach David von de Pomis (talmudisches Lcricon) das Schlagwort כדדי als ein Wort, erklärt mit ״halbgar." Rasch, hat ganz zweifellos diese L. A. vor sich gehabt und daher nichls bemerkt. Eine Etymologie des Wortes ist mir nicht bekani.i. Hr. M. veranstaltet eine neue Auflage des Zemach David. Äuzeige neuer Löcher. (Schluß). Httsch, I. S. Ursprung und Entftehungszeit des Buches Kohelo. Neue Untersuchungen zu (?) einer alten Frage. Bamberg 1872. Krüger, Ilr. M. S. Luzzatto's Grammatik der biblisch-chaldäischen Sprache und des Idioms des Talmud babli. BrcSlau 1873. Ipvt, Dir. M. Predigt gehalten bei der Einweihung der neuen Synagoge in Breslau, am 29. September 1872. Breslau, Schlettcr'sche Buchhandlung. Iaßreslericht über die jüdische Gemeinde-Schule in Thor». Vorangeht: Ueber Erweiterung des Religionsunterrichts, von Rabb. 1)r. Oppenheim. 1872. Drei Msrträg« gehalten aus der Conserenz zu Neuß. Münster ~ 1872. I Die 50jüßrige Isvekfeier des Oberlehrers Liebmau in Eß-! lingcn am 26. Auguß. (Der Reinertrag ist zum Besten des j israelitischen Lehrer-Unterstützungs-Vereins bestimmt.) Eßlingen i 1872. j Mrst, Professor, Hebräische« Taschen-Wörterbuch über da« alt« Testament, für Gymnasien, Schulen und Universitäten. In! ganz neuer vollständiger Ausarbeitung und mit einem analyti-! scheu Anhang versehen. Altcnburg, 1872. i Brieflasten der Nedackiou.! Den vielen aus Abdruck ihrer Arbeite»!drängenden geehrten Mil-! arbeüer» zur Antwort: ,אחישנד NNVÄ — In der nächste» ׳Kr. wird auch ein größerer Raum für ,Recen sionen" reserviri. Druck und Verlag der Hofduchdruckerei von Sarl Friese in Magdeburg.