Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N° 17. (11.9.1872)
- Date
- 1872-09-11
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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he^nrollen, einander überstürzen, sich aufbiumen. Hon der Mth geschwellt, von dem zur Zeit herrschenden, zum Sturm geworbenen Winde getrieben; kommt da eine Woge, du siehst ihrsn Schaum kommen, höher und näher berantosen, jetzt erreicht sie das Ufer mit rasendem Ungestüm, es ist, als ob sie riefe: ich b.nis, ich komme, ich überfluthe jetzt die Erde! Und sie wogt und rauscht und schießt vorwärts, bis sie vor einem Sandkorn ermattet Halt macht, rückwärts gezogen von einer Welle verschlungen wird. So erheben sich die Systeme menschlichrr Forschung, von eigner Kraft getragen, vom Wehen des gerade herrschenden Zeitgeistes mächtig getrieben, fluchet jedes über die früheren hinweg nnd macht Anspruch darauf, alle (freister zu erfüllen, alles bisher Erkannte und (geglaubte niederreißend, allein herrschend, allein anerkannt zu werden. ״Ich besitze und lehre, spricht jedes, die Wahrheit?" Ich nenne nur die Namen der Systeme und Lehrgebäude, die im Laufe dieses Jahrhunderts die gebildete Welt erfüllt, die (Heister beherrscht, und jedesmal auf kurze Zeit den Anspruch erhoben haben, alles zu überfluthen und hinwegzuschwemmen, was vorher gegolten. Es waren die philosophischen Systeme Hegtl's, vorher die Naturphilosophie Schellings, dann Fichte's, Kants und — Voltaire's; es waren die praktisch-politischen Systeme der französischen Revolution, dann die der Restauration, des Eonstitutionalismus, die Ansichten eines Malthas und Adam Smith — keines von diesen hat auch nur30Jahre die Herrschaft behauptet, dann schwemckte eine neue Woge es hinweg; ״bis hierher und nicht weiter." Sie gehören nur »och der Geschichte an, die F!uth hat hier und da befruchtenden Bodensatz und befruchteten Samen zurücklassen kür weitere Entwickelung. Jetzt treibt der Darwinismus mit der Windrichtung der Zeit daher, will" alles überfluthen — Sand ist als Grenze gesetzt, in zwei ^Jahrzehnten wird er begraben und bei der Menge vergessen sein. Die Religion aber bleibt, nicht blos weil sie Religion ist, sondern weil sie allein unserer menschlichen, geistigen, sittlichen Natur ganz entspricht. Journal-Revue. Die Israeliten von Lalonichi. i Schluß.) H. Chachamim. Die israelitische Bevölkerung von Salonichi besitzt eine große Anzahl von Geistlichen oder Rabbiner; obgleich sie karg besoldet und gewöhnlich sehr arm sind, üben sie dennoch eine» großen Einfluß auf ihre Umgebung aus. An der Spitze steht der Chacham- Bafchi oder Oberrabbiner, ein sehr ehrwürdiger, gelehrter Mann. Der gegenwärtige Chacham-Baschi ist ziemlich vermögend und nifhmt durchaus keinen Gehalt oder Geschenke von der Gemeinde an, er steht im hohen Ansehen bei den türkischen Behörden. Er ist In- Haber des Medjidjeh - Ordens und hat einen Kamas d׳ i. eine Art Ehrenwache vor seiner Thür Ausfallend ist es, daß die Ehachamim in ihrer Kleidcrtracht mehr den Türken ähnlich sehen als die übrige jüdische Bevölkerung. Sie tragen einen weiß-schwarz gestrciflcn Turban auf dem Kopfe, weite scharlachrolbe Hosen und meistens einen weiten, schwarzen Kaftan oder Obermanicl. Einige Rabbiner sungiren nicht, sondern sind Kaufleute. Im Allgemeinen verstehen sie es de» Nolksgeist zu leiten, theils durch Strenge, theils durch passende Gedankenbildcr und heilere Erzählungen. Die Ulema'S oder die türkische «Geistlichkeit weiß im Allgemeinen Nutzen zu ziehen aus dem Effect, de» passende und erdichtete Erzählungen und Fabeln he! Vorbringen. Es ist bcincrkcnswerlh, daß jede Nation ihre eigenen witzigen Erzählungen besitzt. So haben die Franzosen ihren geistigen Lafontaine, die Deutschen die Schildberger Narren, die Holländer ihren Eulenspiegel und so haben die Türken denn auch ihre dummen Streiche des Priesters Nassar-el-din Hodja, von dem ich mir erlaube, zum Schluffe Folgendes zu erzählen. Unser Priester mußte einmal an einen Freitag (dem türkischeu Sabbath) zum ersten Male vor einer zahlreichen Gemeinde die Kanzel besteigen. Unser jOuasi-Redner war ganz unwiffend und wußte wirklich nicht, wie er eine so zahlreiche Gemeinde erbauen solle. ״Wohlan, meine werthen Zuhörer! Sie wiffen Alle gewiß schon, über welchen Gegenstand ich Sie heute unterhalten will?" ״Nein," antworteten die Muselmänner, ״wir wiffen eS noch nicht." ״Wie," sprach unser Priester, ״Sic können es nichts einmal errathe», über welche Dinge ich zu Ihnen reden will, an 'י solch' heiligem Orte und an solch' heiligem Tage! Nein hier halle ich es nicht länger aus," sprach's und verließ entrüstet die Moschee. Am folgenden Freitag hatte sich die Gemeinde verabredet, nicht wiederum in daffelbe Netz zu gerathen. Unser Hodja oder Priester bestieg von neuem mit Feierlichkeit die Kanzel. ״Wohlan, meine Freunde! Sie wiffen worüber ich an dieser heiligen Stätte mit Ihnen reden will." ״Ja," antworteten die Gläubigen, ״wir wiffen es." ״So, wenn Sie -Alle, bevor ich den Mund öffne, bereits wiffen, was ich Ihnen zu sagen habe, so braucht Ihr mich nicht," und mit diesen Worten verließ er das Gotteshaus. Am dritten Freitag glaubte die getäuschte Gemeinde sich so zweckm ißig verabredet zu haben, daß sie jetzt sich nicht mehr werde sangen laffen. ״Wohlan, meine wahren Gläubigen, Nachkommen des großen Propheten Mohammed, ich stehe hier nach dem Osten nach Mekka gewandt, wiffen Sie, über welche große Dinge ich zu Ihnen rede» will?" Ein Theil der Gemeinde antwortete: ״ja, wir wiffen cs," und der andere Theil erwiederte: ״nein, wir wissen cs noch nicht." ״Wenn dem so ist," antwortete der schlaue Priester, ״dann mögen diejenigen, die es wissen, denen die es noch nicht wiffen, erzählen, und dann ist es überflüssig, mich länger hier aujzuhalten." R. Rose. Lulturhistorilche Rückblicke auf Rumänien. Unter diesem Titel bringt das ״Ausland" intereffante Ausschlöffe über das Parteitreibcn in diesem rohen halbbarbarischen Volke während der letzten zwei Decennicn. Wir entnehmen daraus die unfern Leser interessirenden, die dorttgen Juden betreffenden Vorgänge seit dem Regierungsantritt des Fürsten Carl. ״Im zweiten Monate nach seinem Regicrungsanttitte bercitetm ihm die Bewohner seiner Resisenz ein Schauspiel eigcnthümlicher Art. Die in den Kammern sich schroff gegenübcrstehenden Parteien brauchten eine Emeute, zur Erneute bedurfte cs einer Veranlaffung. Diese Veranlaffung mußten die Juden, der Sündcnbock aller Parteien sein. Auf Geheiß einiger Wortführer rottete sich der Pöbel zusammen, um an dem jüdischen Tempel, einem der schönsten und sehenswerthesten Gebäuvc der Residenz, an dessen Bau mit Fleiß und Kunstsinn jahrelang gearbeitet wurde, und der seiner Vollendung nahe, nach wenigen Tagen seiner Bestimmung übergeben werde» sollte, das Zerstörungswerk auszuführcn. Die mit jedem Tage bedenklicher werdcude Agitation gegen Fremde und Juden nahm unter der Regierung des Fürsten Carl Gestalt und Form an. Cusa nahm fähige Ausländer gern in Dienst und Amt. Unbegründete Klagen und Jntriguen, die der Eifersucht und dem Neio entsprangen, wies er streng zurück. Fürst Kart, selbst ei» Fremder, benahm sich in dieser Beziehung stets mit einer gewissen Befangenheit und Acngstlichkcit, er wollte stets den Schein einer Parteinahme für Ausländer vermeiden, zeigte sich deshalb bei den meisten Gelegenheiten dm zum Nachtheile der Fremden von! Rumänien gestellten siumuthiiiigen nachgiebig, nmchte dadurch! die Rumänen von Tug s» Tug kecker in iliicit Forderungen, in denen häufig genug eine Demonstration gegen die Person des Fürsten nicht zu verkennen mar. Es ist ihaisächlich, daß während , der Negieruiigspcriode des fremden Fürsten mehr Fremde unter den nichtigste» Vorwände» aus Amt und Diensi gejagt worden sind, als innerhalb der letzten zwanzig Jahre. Bratiano und Eonsorten wurden nur durch den Pöbel getragen, mit dem sie unaufhörlich j cokettirten und paclirten, er d um dessen Gunst sie buhlten. Bratiano . wollte einen Theil der moldauischen Cenaratistcn gewinnen. Bei