Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 1 (1.1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nt*»»— f.k:P*kk:'':j Kndwig Vhttippson, |U lrirrrm lOOfteti Geburtslage. „Großer Männer Grab ist die ganze Erde," so sprach ein edler Grieche des Altertums am Totcnhügel eines bedeutenden Mannes. Aber nicht nur der Raum -es Erdballs gehört dem Andenken der Großen, auch die Zeit, die seit ihrem Erdenwirken verflossen. Vorbildlich sollen sie erstehen, wenn längst die letzte Spur ihres leiblichen Seins der Mutter Erde wieder vereinigt ist. Dies gilt besonders sür die großen Männer aus Judas Stamm. Denn wessen Jugend bedarf mehr des Vorbildes der Standhaftigkeit, der Glaubenstreue, der hingebenden Tatkraft, als die unsere? Wenn auch in der heutigen Zeit nicht mehr die direkten materiellen Bedrückungen so groß und kraß sind wie in früheren Jahrhunderten, so ist dafür die heranstürmende geistige Verlockung umso größer, seitdem die Schranken des Ghetto gefallen sind und nivellierende Gleichgültigkeit, wissenschaftliche Beweisführung, wenn auch meist auf falscher, gleisnerischer Basis, staatliche Verlockung unsere Jugend herüberzuziehen suchen., — So wollen wir heute in kurzer Skizze das Leben eines Mannes aufrollen, der in schwerem, ermüdendem Kampf, politischem und gemeindlichem, nie nachließ und manche schöne Frucht zeitigte. Am 28. Dezember d. Js. sind es 100 Jahre, daß Ludwig Philippson, der Begründer der Allgemeinen Zeitung des Judentums, zu Dessau das Licht der Welt erblickte. Obgleich das segensreiche Wirken ' '-s bedeutenden Mannes für das Judentum u> .rüber hinaus in ausführlicher Biographie und bei Jt Gelegenheit in Gedenkblättern der gesamten jw .n Presse aller Richtungen gefeiert wird, ist es doch eine schöne Aufgabe, ihn und feine Lebensarbeit, die unvergänglich fortwirkt, in diesen, der jüdischen Jugend gewidmeten Blättern zu schildern. Wie beglückt wäre er gewesen, wenn er den Zusammenschluß unserer Jugend zu förderndem Streben erlebt hätte, er, dessen Herz so warm für die Jugend und damit sür die Zukunft unserer Religion schlug. In den Alten unserer Glaubensgemeinschaft lebt der Eindruck seiner Persönlichkeit unverwifcht und mit Liebe und Verehrung gepflegt, fort. Noch leben Genossen der damaligen Zeit, noch gedenken Schüler Philippsons, jetzt Greise und Greisinnen, mit aufflammender Begeisterung seiner hinreißenden Persönlichkeit. Denn daß auch das jetzt lebende Geschlecht den alten Wunderbaum der israelitischen Religion in unvermindertem Wachstum erblickt, daß es sich eins fühlt mit dem Streben der Zeit, mit dem Tagewerk der Nationen, dazu hat Ludwig Philippson an seiner Stelle ein großes Teil beigetragen. Er verstand es wie wenige, dem Herzschlag der Zeit zu lauschen und, was er da erkundet, in Leben und Wirken umzusetzen. Denn grundlegende Züge seines Charakters waren scharfe Erkenntnis und praktische Tat. Was er als nötig erkannt mit unbeirrtem Blick, dafür hatte er stets die richtige Tat bereit und die nie wankende Kühnheit der Ausführung. Wie es in seinem Herzen lohte in Begeisterung, wie sein Auge leuchtete beim Erfassen des Gedankens, so ruhig und fest war sein Verstand an der Arbeit, um die richtigen Wege zu finden, alle Faktoren zu berechnen, die zu dem gewünschten Ziele führen konnten. Und dann beseelte ihn eine unendliche Arbeitskraft und Ausdauer. Nach allen Weltgegenden sandte er seines Geistes Boten, um Israel zu wecken, wo es schlummerte, zu ermuntern, wo eS zagte, zu scharen um die alte, teure Fahne des Glaubens, wo es zerstreut und vereinzelt nichts zu erreichen vermochte. Da trat er ein für die Unterdrückten und ließ im Rate der Völker Israels Stimme ertönen; da stand er vor den Thronen der mächtigsten Herrscher, um ihr Gewissen aufzurütteln für die Sache der Niedergetretenen. Wohl ist der Zeitensturm über all diese Begebenheiten hinweggcrauscht, neue Interessen haben die alten zurückgeschleudert in das Meer der Vergessenheit, aber Pflicht der Ueberlebenden ist es, dem neuen Geschlecht das Bild des Mannes zu erhalten, auf dessen Tätigkeit es weiterbaut und der ihm ein erhabenes Vorbild sein möge in den bitteren Kämpfen, die der Jetztzeit nicht erspart sind. Die einzelnen Momente von Philippsons Wirken können wir hier in beschränktem Raume nur andcnten. Nach einer entbehrungsreichen Jugend, des Vaters ganz früh beraubt, verlor er nie den Mut und eine bis ins hohe Alter ungebeugte Heiterkeit seines Wesens. Nachdem er in Halle und Berlin studiert und schon im 18. Lebensjahre beachtete religionsphilosophische Schriften herausgegeben hatte, gewann er, kaum 21 Jahre alt, durch seine zündende Beredsamkeit die Stellung als Geistlicher, später Rabbiner, der Gemeinde Magdeburg, die er 30 Jahre lang innehatte. Die dortige Religionsschule, die regelmäßige Predigt, die Einführung der Konfirmation verdanken ihm ihre Begründung. Aber weit über diesen mit Liebe gehegten Kreis ging bald sein Wirken. Im Jahre 1837 gründete er die Allgemeine Zeitung des Judentums, als ein unparteiisches Organ für alles jüdisches Interesse, deren alleiniger Redakteur er 53 Jahre lang blieb, bis ihm der Tod die Feder anö der Hand nahm. Fast alle Leitartikel dieser langen Jahre sind von ihm, an alle Gebiete des Wissens knüpften sie an; ebenso kämpfte der politische Teil für jedes wichtige Moment in der Völkerentwickelnng und vertrat die Interessen der Juden in Krieg und Frieden, in Verfassungskämpfen und in gemeindlichen Fragen. Sie schlang ein Band um die Zerstreuten Israels. So förderte er besonders die Rabbinerversammlungen und Synoden. Unablässig wirkte er auch für die Errichtung einer Hochschule des Judentums und hatte die große Freude, diese Anstalt im Mai 1872 in Berlin persönlich einweihen zu können. — Sein großes Bibelwerk, damals epochemachend, brachte Urtext, Ucbersetzung und Kommentar, letzterer anschließend an die uralte jüdische Forschung wie an die Geistesarbeit der Modernen und der christlichen Gelehrten. Billige Volksausgaben suchten die Missionsbibeln aus den jüdischen Häusern zu verdrängen und eine künstlerische Publikation mit den Bildern von Gustave Dore ziert die Salons der Israeliten. — Zur Verbreitung des jüdischen zeitgenössischen Schrifttums schuf Philippson den „Jüdischen Literaturverein", durch den er für sehr wenig Beitragsgeld gute bildende und erfreuende Lektüre den jüdischen Häusern zuführtc und den Autoren mühelos eine weite Verbreitung sicherte, da der Verein 3300 Mitglieder zählte. Durch 17 Jahre stand er mit noch zwei namhaften Männern diesem Verein in hingebender Arbeit vor. — Aufklärende Vorlesungen über jüdische und nichtjüdische Themata hielt er, nicht nur vor seiner Gemeinde und den christlichen Mitbürgern, sondern sie wurden viel gelesen, machten Epoche und wurden in die meisten Kultursprachen, so besonders sür die russischen und polnischen Juden ins Hebräische, übersetzt. Ebenso 8