Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 18 (1932)
- Issue
- 2 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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man fr u n d> » 11Ii cfc der Versuchung aus dem Wege geht und sein Lüben so einrichtet, daß keine Versuchung eintritt, daß ich z. B nicht zu stehlen brauche? — dali ich der gefährlichen intimen Annäherung des Geschlcchtspartners selbst in Gedanken aus dem Wege gehe? — Was aber will man machen, wenn einer sagt: Um die ganze angebliche Sittlichkeit kümmere ich mich nicht. Ich genieße mein Le"ben und setze es und ebenso mein Lebensglück um des Genusses willen aufs Spiel? Man kann nichts machen, als ihn darauf aufmerksam machen, daß es in des Menschen Gewalt steht, sein Gewissen niederzudrücken, es zum Schweigen zu bringen. Man darf auch behaupten, daß er gegen sein Gewissen handle, aber — man kann es ihm nicht beweisen. Er wird dann schon merken, daß er ein Gewissen hat-und daß e,r es mit der Logik, d. h. sophistischer Reflexion, aus dem Woge räumt, wodurch er sich den guten Glauben taifriert. Es ist Sache der ethisch gerichteten Gescllschaftskl isse, die ihr Gewissen fühlt und die allein einheitlich organisierbar ist, die Anti-Elhikcr auszustoßen. Der ethische Skeptizismus kann nur dadurch bekämpft werden, daß man dem Skeptiker die Frage ins Gewissen schiebt, d. h. ihn zur Heuchelei, zwingt. Denn Ethik, z. B. als Vertragstreue, will selbst der Verbrecher von seinem Komplicen und der ärgste Zweifler von seinen Genossen. Er will sie und bejaht das Gewissen. Nicht die Ethik, sondern nur ihren Inhalt kann er'in Zweifel stellen. Denn daß man etwas will, kann man nie! t bezweifeln; der Gegenstand des Willens ist keine Wahrheit, sondern ein Verlangen. Nur ist es ein Verlangen des Intellekts und äußert sich daher in der Form einer theoretischen Wahrheit und wegen oppositaler Begierden in der Vorstellung eines präponderierenden Soll. Mil der ernsthaiten Anerkennung der Ethik entsteht eine außerordentliche Erhebung der Persönlichkeit und eine Erhöhung der S c I b s f bewertung, welche als absolute Bewertung allein dem Leben einen Sinn gibt. Sie erhebt über die Natur lind das natürliche (physische) Leben und führt zur Religion. ..Sechs Jjrgens tippeln nach Indien." Erzählt \ .in Hars Queling. M:! 32 Abbildungen. Preis: Geb. 3.80 Mark. Socieläts- Verlag. Franktort a. M. 1931. Fline Reise nach Indien ist im Zeitalter des Verkehrs und der Flugzeuge nichts Besonderes mehr, aber daß sechs halbwüchsige Jungens, die noch die Schulbank drücken, mir nichts dir nichts den phantastisch-kintjlichcn Plan, nach Indien zu wandern. Szene setzen, als ob es sich um eine kleine Slrcuncrehandelte, das bedeutet mehr als eine sportliche Leistung, . aliein schon Achtung \ erdiente. Zu dieser improvisier er Reise über Berge. Meer und Wüste, durch Länder, vori geren Sprache man kein Wort versteht, ohne eine ordentliche Reisekasse, mit bescheidensten Hilfsmitteln, gehört echter Wagenvi:: Jehörl Phantasie und kindliches Vertrauen darauf, daß alles ein gutes Ende nehmen wird. Sie ist ein selten geworden.-- Zeichen ungebundener Lebensfreude, die uns mit Neid erfi'llen konnte, wenn wir nicht selbst soviel Spaß daran hätten. Sic ist ein Vbenfeuer voll lustiger Zufälle und Begegnungen, die; unwahrscheinlich. klingen würden, wenn nicht der Kodak aüe.s bestätigte. - Han> Queling. einer von den sechs, erzählt die bunten Vorfälle. Er.nimmt kein Blatt vor den Mund. Er bekundet beim Sehr,!>en denselben entzückenden Eifer, der die ganze Corona während der Reise bei gutem Mute und unablässig in Atem hielt. Der Talendrang der Jungens kennt kein Hindernis. Oh sie £fui dem Balkan im Räuberwirlshaus übernachten, ob sie als Schmuggler verfolgt werden, ob sie wie die Hornissen in die KJösler von Berg Athos einfallen, ob sie sich mit dem Schiffskvich zanken, ob sie etwas'verloren in Konstantinopel, in Teheran oder in Bombay stehen, stets wissen sie einen Ausweg. Die Bolschewik) sind für sie gar nichts, ein paar Lieder, ein Konzert und alles ist in Butter. So ein Besuch bei f.nem persischen Khanist das Natürlichste von der Welt Der Kaukasus ist ein Gebirge wie ein anderes. Die Wüste isi etwas mühsam, gewiß, aber schließlich findet sich ein Lastauto, das sie wie Vcrsuchskarnickcl mitnimmt. .Auch auf ein paar brave Banditen kommt's dabei nicht an! Und die Mädchen machen ihnen überall große Augen. Hans Queling ist heiter und genau, jeder ernste und komische Vorfall wird geknipst, Karten zeigen Schritt für Schritt den Weg, der die Sechs nach Indien gebracht hat. Jeder, der den Ballast des Lebens abwerfen mochte, jeder, der Sinn iür ein primitives und unbeschwertes Dasein hat, jeder, der gerne einen guten Tag lebt, jeden, dem Indien und der Orient noch ein Märchen ist, jeder, der Tausendundeine Nacht liebt, jeder, der Gandhi persönlich aulsuchen möchte, sollte dieses lustige und aufrichtige Abenteuerbuch lesen, gleich, ob er selbst noch jung ist oder schon zu den „Erwachsenen" zählt. So alt ist keiner, daß er über Queling und seine Tippelbrüder nicht gerne lachen möchte. Drei Mark achtzig kostet die Reise! Franz Werlel: „Die Geschwister von Neapel.*' Paul-Zsolnay- Vcrlag, Berlin-Wien-Leipzig 1931. Dieser neueste Roman von Franz Werfel schließt mit der Feststellung: „Das Zeitalter des Gesanges und des Gesetzes ist nun zu Ende!'" Hinzugefügt wird noch die Frage: „Welches Zeitalter aber hat begonnen?" Damit ist die Spannweite der hier gebotenen Wirklichkeit umschrieben. Derselbe Werfel, der einst mit den Flaramcnzeichen der revolutionären Jugend aufgebrochen war, um den Krieg gegen das Alte, Hergebrachte, Uebcrkommene in vorderster Schlachtreihc mitzumachen, hält mitten im Laufen inne, besinnt sich und schreibt ein Buch, das einer Rechtfertigung des altpatriarchalischcn Familienlebens sehr nahe kommt. Da ist ein Vater, der 'seine drei Söhne und seine drei Töchter mit Entschiedenheit von. allen Einflüssen der modernen Zeit fernzuhalten sucht, der seinen Jungens weder die Lektüre neuer Poesie, noch die Erholung des Fußballsports oder gar den Eintritt in eine Jugendorganisation gestattet, seinen Töchtern noch nicht einmal erlaubt, ohne seine Zustimmung das elterliche Haus zu verlassen. Er kennt nur eines: den väterlichen Willen, das Gesetz der Familie, die nach seiner Vorstellung in sich selbst alle Güter bergen soll, nach denen der Mensch Sehnsucht haben kann. Das Leben ist stärker als der väterliche Wille. Die Kinder brechen aus, gehen ihren eigenen Weg. Ihr Zusammenprall mit den Realitäten des Alltags ist furchtbar und zum Teil katastrophal. Sie sehen die Schuld des Vaters, der sie falsch erzogen hat. Sie durchschauen seine Ich-Sucht und seine oft nur angemaßte Kraft und Stärke. Und sie kommen doch nicht von ihm los. Sie beugen sich trotz ihrer Erkenntnis in Ehrfurcht und Liebe vor ihrem Vater, denn sie wissen auf einmal, daß er in seiner Art das Beste und Reinste für sie gewollt hat. Die Welt des Vaters ist zwar, von außen gesehen, die Welt des Gesetzes, wer tiefer zu schauen vermag, merkt aber, daß sie Ausdruck der Welt des Gesänge« ist. Damit hat der Dichter dem Vater das höchste Lob gespendet, das er zu verschenken hat. In seinem letzten Roman, der ..Barbara", hatte ja Werfel den Menschen, dem das Seelische über alle Glücksgüter dieser Welt geht, als den ..musikalischen'' Menschen bezeichnet. Diese Welt der Musik, rn?int der Dichter, ist mil dem Aufhören "des allen Familienlebens in sich zusammengesunken. Eine Wahrheit, die, wenn sie zutrifft, uns Juden, die wir immer Menschen der Familie waren, besonders hart treffen muß. Ich mußte während der Lektüre dieses feinen und zarten Buches immer an den Roman von Jean Richard Bloch: „Simler i; Co." (Rotapfcl-Verlag, Zürich und Leipzig) denken, in dem dasselbe Problem, wenn auch nicht mit der Meisterschaft eines Werfel, im jürdischen Bereich aufgezeigt wird. Ja. wenn das Zeitalter der Familie vorüber ist. welches Zeitalter hebt nun an — auch für uns Juden? Hoffen wir. daß Werfel uns in seinem nächsten Roman die- Antwort auf diese zukunftsschwangere Frage nicht verweigeri. ... . Dr. Hugo Hahn, Essen. Vorbericht Am 23. und 24. Juli veranstaltete der JPD. in Frankfurt am Main seine erste Reichsführcrlagung. Wir entnehmen der „Frankfurter Zeitung" Nr. 549 vom 25. Juli folgenden Bericht: „Diese Tagung der Führerschaft des größten jüdischen Jugendbundes in Deutschland befaßte sich mit allen aktuellen Fragen des deutschen Judentums, die Stellung der Jugend zu den Gemeinden, die wirtschaftliche und politische Situation, Bcrufsumschichlung und Arbeitsbeschaffung bildeten die Hauptpunkte des Beratungsprogramms. Dazu "kam eine Reihe interner Bundesfragen. Aul Veranlassung der Behörden mußte die Abhaltung eines Jugendlagers in diesem Jahre unterbleiben, da eine Garantie für die Sicherheit nicht zu übernehmen war. Nach einer Erklärung des Bundes wird diese Tatsache, kennzeichnend für den Ernst der Situation der jüdischen Jugend in Deutschland, den Verband und die Bundesleitung zu noch größerer Aktivität und Verantwortlichkeit anspornen." Eine für den Gesamtverband erfreulichste Folge der Tagung wird ein ganz intensives Zusammenarbeiten der Führerschaft des JPD. und der Verbandsleitung sein. Scliriftleitung: Curt Friedmans; D&aaeMorf, KiöaigMUee 66. Druck und Verlag; Westdeutsche Vcrlagsdruckerel, G. m. b. IL, Düsseldorf, Corneliusstr. 15.