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Der Jugendbund · 1930-09-01 · 9 (9.1930) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
16 (1930)
Issue
9 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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DCR JUGeMPBtHNP jüoiscHen juGfenoveoeme DeuTSCHLflnos 16. Jahrgang Düsseldorf. September 1930 Nummer 9 Zu den Wahlen Dir Beschluß des Verbandes, den Kampf gegen den .Nationalsozialismus zum notwendigen Bestandteil seiner Arbeit zu machen, hat durch die Wahlen vom 14. September 1930 eine rasche, kaum geahnte Möglichkeit der praktischen Bewährung erhalten. Schon lange waren wir bereits durch den Tendenzparagraphen unserer Satzung auf die Erziehung unserer Mitglieder im Geiste staatsbürgerlicher Gesinnung festgelegt. Aber es entsprach in diesem Punkt nicht nur der mangelnden Aktivität unserer Bünde, sondern ebensosehr der politischen Situation der deutschen Juden, daß aus der gesinnungsgemäßen Festlegung eine Verpflichtung zu politischer Leistung nicht erwuchs. Der „Offene Brief an die deutschen Juden", zu dem, in diesen Blättern ausführlich Stellung genommen ist, war ein warnender Weckruf für uns, dessen Stimme in die Betrachtung der politischen Entwicklung der letzten Wochen hinüberklingt. Daß sein Echo nicht ungehört verhallt und auch über den 14. September hinaus uns weiter begleitet, erscheint uns als Sinn der Wahlen für uns deutsche Juden. Denn nicht mehr scheint es uns zu genügen, daß man die Parole „Jeder wähle" und „Keine Stimme den republikfeindlichen Parteien" ausgibt oder sein politisches Gewissen mit einer selbstverständlichen Spende an irgendeinen Kampffonds beschwichtigt. Der politischen Situation dieser Stunde verdanken wir vielmehr die Erkenntnis der eisernen Notwendigkeit, däß nur der Einsatz i'.er ganzen Persönlichkeit im politischen Leben den deut-- •chen Juden als einen wahren Staatsbürger und als Ver- ..idiger seiner staatsbürgerlichen Rechte erscheinen läßt. Die Entwicklung der letzten Jahre hat es mit sich gebracht, daß unsere Arbeit nicht mehr als reiner Abvehrkampf geführt werden kann. Die Stellung der Parteien zur Judenfrage ist nicht mehr im Mittelpunkt der Diskussion. Die großen Fragen finanzpolitischer und verfassungsrechtlicher Natur, um deren Beantwortung der Wahlkampf geführt wird, haben die notwendige und als letztes Mittel zur Erhaltung des Parlamentarismus in Deutschland erscheinende Auflockerung der Parteien gebracht. Noch sind die Dinge zu sehr im Fluß, als daß Endgültiges über diesen Prozeß gesagt werden könnte, und gewißlich wird die Umgruppierung in der Mitte und tuf dem rechten Flügel nicht mit dem 14. September ihr .'..nde gefunden haben. Aber schon jetzt muß darauf verwiesen werden, daß in diesen Tagen zum ersten Male >Mne neue mit dem Anspruch auf breiten Raum innerhalb des deutschen Volkes auftretende Partei gegründet worden ist, ohne daß deutsche Juden an ihr sichtbaren Anteil genommen haben. Wir verweisen auch auf die in allen jüdischen Zeitungen in den letzten Wochen wiedergegebenen Diskussionen über die Aufstellung eines einzigen jüdischen Kandidaten auf den Listen der Staatspartei, von den anderen bürgerlichen Parteien abgesehen. Und wir tun gut daran, uns der Namen eines Jakoby, Stahl, der politischen Führer Bamberger und Lasker zu erinnern, aber auch eines Marx und Lassalle (indem wir der Tatsache gedenken, daß kaum ein positiv eingestellter Jude als Vertreter der S. P. D. in den Reichstag einziehen wird). Was folgt daraus? Wir reden nicht der Forderung das Wort, als ob die republikanischen Parteien zur Aufstellung jüdischer Kandidaten verpflichtet seien. Aber wir meinen, daß sie sich dieser Verpflichtung nicht werden entziehen können, wenn in ihren Reihen jüdische Mitbürger stehen, die an geistiger Kraft und politischer Aktivität zu führerischer Arbeit berufen erscheinen. Und wir wollen nicht glauben, daß unser deutsches Judentum an schöpferischer Kraft bereits so arm geworden ist, daß es solche Menschen aus seiner Mitte nicht mehr hervorbringen kann. Und so erwächst der jüdischen Jugend die Aufgabe, durch ihre Erziehungsarbeit Menschen den politischen Parteien zu bringen, die, durch ihre Fähigkeiten zu politischer Führung begabt, gleichzeitig in jüdischer Arbeit und Gemeinschaft verwurzelt bleiben. Unsere Aufgabe muß es sein, ihnen den Weg zu weisen. Die Berichte unserer Gruppen über den augenblicklichen Stand der politischen Betätigung ihrer Mitglieder besagen, daß die wenigen organisierten jungen Juden fast ausnahmslos in den sozialistischen Parteien zu finden sind. Wir finden dies, nicht zuletzt auf Grund der Erörterungen in den Münchener Arbeitsgemeinschaften, nicht nur verständlich, sondern erwarten die tätige Mitarbeit dieser Freunde in der Front der arbeitenden Bevölkerung. Aber es muß doch einmal gesagt werden, daß eine große Anzahl unserer Freunde infolge ihrer weltanschaulichen Grundauffassung und auf Grund ihrer Lebenshaltung den Anschluß an diese Gruppen nicht vollziehen können und daß diese Menschen zur Einordnung in eine ihrer Situation gemäße bürgerliche Partei verpflichtet sind. Denn nichts ist vom Standpunkt einer wahren staatsbürgerlichen Erziehung aus mehr zu mißbilligen, als das Angstprodukt einer Verlegenheitswahl, daß man aus neben der Sache oder die Sache nicht treffenden Gründen eine Partei wählt, deren Grundauffassung nicht geteilt v.v . — : i

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