Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 2 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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(Fortsetzung von Seite 10.) besirebungen in der allgemeinen und jüdischen Wohlfahrtspflege und gab hierzu einige Vorschläge. Dr. Kreutzberger brachte in einem Korreferat u. a. zum Ausdruck, daß die heutige Wohlfahrtspflege in Organisation und Methoden der kapitalistischen Wirtschaftsweise entspreche. In seinen weiteren Ausführungen schlug er vor, den durch die Verschiebung im Altersaufbau der Bevölkerung bzw. den Geburtenausfall in den Kriegsjahren entstehenden Lehrlingsausfall in den Jahren 1930 bis 1934 für eine jüdische Berufspolitik auszunutzen. Hierfür ist die Schulung und Anstellung besonders qualifizierter Berufsarbeiter für Großgemeinden notwendig. Dr. Lianna Eisfelder und Dr. Paula Kronheimer referierten auf Grund eigener Erfahrungen aus den jüdischen Erziehungsanstalten und berichteten Uber deren Unzulänglichkeiten, speziell dort, wo es an qualifizierten Erziehern mangelt. Es wurde verlangt, daß in solchen 1'allen die Fürsorgeerziehung durch freie Linierbringung in Familien oder Waisenhäusern ersetzt werden soll. Lieber Erneuerungsbestrebungen in judischen Kindergärten und Horten sprach Hilde Hochwald. Sie betonte hierbei, daß in zahlreichen Kindergärten und Horten das selbstverständliche Verlangen nach moderner Hygiene auch nicht annähernd erfüllt sei. Sie forderte farner vor allem mehr Verbundenheit mit den Eltern dei* betreuten Kinder sowie genaue Kenntnis des Milieus. Für das jüdische Kleinkind wurde die Schaffung weiterer Tagesheime als dringend notwendig erachtet. Leber die Jugendpflegearbeit an der Von den Gemeinden erfaßten nicht organisierten Jugend sprach Dr. Georg i.ubiuski in sehr anschaulicher Weise. Die Jugeudpflcgearbcit in den Gemeinden soll in ihrer pädagogischen Eeitung nicht bei ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern der Jugendkommissionen, sondern bei solchen Gremien liegen, in denen Sachverständige aus der Jugend ihren Sitz haben. . In den uns besonders interssierenden Ausfuhrungen über Ansatzpunkte fUr die ehrenamtliche Mitarbeit wurde beschlossen, die stimmberechtigte ehrenamtliche Mitarbeit Jugendlicher in Wohlfahrtskommissionen, Mitgliedschaft in \\ ohlfahrts- und Jugendämtern und Anstaltskuratoricn zu erstreben. Eine besondere Schulung hierfür wie auch großes Verantwortungsbewußtsein wird vorausgesetzt. Zum Schluß sprach Martin Sobotker Uber Berufsumschichtung und Berufsberatung und brachte Tatsachenberichte aus dem jüdischen Jugendleben der Großstadt vom sozialen und wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet. Es würde zu weit fuhren, Uber die von maßgebenden Sacb- und Fachkennern gehaltenen durchweg ausgezeichneten Referate ausführlich zu berichten. In den sehr anregenden Diskussionen, welchen den Referaten folgten, kamen auch die Mißstände in der Wohlfahrtsarbcit zum Ausdruck, um -deren Abstellung der R. A. durch geeignete Maßnahmen bemüht sein wird. Zur Auswertung der Ergebnisse 1er Tagung wurde ein Ausschuß in sozialen Arbeiten bewährter junger Kräfte gewählt, welchem ee obliegen .soll, den Zusammenschluß der beruflichen und nichtberuflichen jüdischen Sozialarbeiter, die der Jugendbewegung angehören oder ihr nahestehen, zu fördern, und die zahlreich gefaßten Resolutionen in praktischer Arbeit zu verwerten. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß das gemeinsame Interesse an der sozialen Tätigkeit alle Teilnehmer trotz der verschiedenen Einstellungen bei ernster Arbeit und froher Geselligkeit in seltener Harmonie vereinte, was nicht zuletzt auch auf die ausgezeichnete Tagungsleitung Lubinski-Tietz zurückzuführen war. Der ganz vorzüglichen Bewirtung im Heim sei noch an dieser Stelle anerkennend gedacht. Es war eine glückliche Idee des R. A., die soziale Woche im eigenen Heim in dem herrlchen Harz zu veranstalten, und wenn der ausgesprochene Wunsch aller, zu gegebener Zeit dort wieder zusammenzukommen, sich erfüllen sollte, und inzwischen auch nur ein Teil der gefaßten Resolutionen Verwirklichung gefunden hat, dann kann tatsächlich von einem vollen Erfolg der sozialen Woche gesprochen werden. Erich Wexberg, Berlin. Mädelarbeit zun ArtiKei von Ilse Lazarus-Lübbecke „Zur maäctienarbeit Im verband" Ilse Lazarus berichtete in Nummer 1 des ,,Jugendbund", daß in unserem Verband ein Mädelamt eingerichtet worden sei, dem die Gründung einer Mädelgemeinschaft innerhalb unseres Verbandes folgen soll. Ich halte dies nicht für zweckmäßig. Ich glaube, alle Aufgaben und Ziele, die Ilse Lazarus für die Gemeinschaft anführt, sind keine spezifischen Mädelarbeiten. Ist es etwa nur ein Ziel der Mädel, „unsere Religion neu zu erfassen und zu beleben"? Wenn Mädel etwa mehr Geschick haben zur Ausschmückung eines Heimes, so braucht man dazu doch keine Mädelgemeinschaft innerhalb des Verbandes. Ist es aber etwa nur Sache der Mädel, soziale Not lindern zu helfen? Oder sind Singen und Spiel usw. spezifische Mädel,.arbeiten"? Gewiß nicht! Deshalb gemeinsame Arbeit im gemeinsamen Verband und weg mit unnötigen Dingen, die zur Zersplitterung führen können! Lothar Marx, Ulm a. d. D. Bücherschau Dernler cn Der Büchermarkt dieses Jahres zeigt eine nie gesehene Anzahl biographischer Werke auf, die nicht lediglich Lebensbeschreibungen irgendwie berühmter Männer sind. Seit Emil Ludwigs biographischen Büchern hat sich eine historische Belletristik entwickelt, die dem Lesebedürfnis weiter Kreise entgegenkommt, Wissenschaftlichkeit und Unterhaltendes miteinander verbindet. Es hat dies den Nachteil, daß in fast allen Werken sich Bemerkungen und Notizen einschleichen, die strenger Wissenschaftlichkeit nicht entsprechen, aber dieser Fehler wird mehr als aufgewogen durch die Tatsache, daß einem breiten Publikum die Möglichkeit gegeben ist, sich über Männer (und Frauen), deren Name einen Augenblick Weltgeschichte bedeutet, zu orientieren, ohne zu den Werken von Berufshistorikern zu greifen, die unverständlicherweise immer noch in einem für die breite Masse unverständlichen und unleserlichen weil langweiligen Stil schreiben. Die Historiker von Amts wegen mögen zetern; Emil Ludwig hat für die Popularisierung von Bismarck und Wilhelm II. und nicht zuletzt Napoleon mehr getan als sie alle zusammen. Im Verlage Paul List in Leipzig erscheint ein neues Lassallebuch, die Macht der Illusion, die Illusion der Macht, von dem Epigonen Ludwigs: Arno Schirokauer. Trotz einiger Unzulänglichkeiten, wie allzu gewaltigen Schlüssen, eignet sich das Buch sehr gut dazu, unseren Menschen ein lebendiges Bild dieses Juden und Vaters der deutschen Sozialdemokratie zu vermitteln. Der Verlag A. Ziemsen in Wittenberg bringt in einer Bücherreihe einen Band „Die großen Kämpfer" unter denen sich R a t h e n a u und B a 11 i n befinden. Das Wertvolle dieses Buches besteht in seiner ausnahmslos allgemeinverständlichen Darstellung. Das Tagebuch des Schülers Kostja Rjabzew im Verlag der Jugendinternationale gibt eine anschauliche Darstellung des Lebens der Jugend in der Sowjet-Union, ihren Gedanken und ihrer Lebensweise. Zuletzt sei auf ein eigenartiges Werk hingewiesen, daß der Verlag Paul List in Leipzig herausbringt. „Meine ersten 2000 Jahre, Aut ö~b iographie des ewigen Juden.' Gustav Meyrink hat dieses eigenartige Werk meisterhaft übersetzt. Wenn es auch oft scheint, als habe man in diesem ewigen Juden eine Art Casanova vor sich, der bei den Frauen der Welt nach äußerster Sinnenlust strebt, so ist dieser durch die Generationen Lebende immer auf der Suche nach der Wahrheit und zeichnet Aberglauben und Sünden wie die Weisheiten aller Länder und Epochen. Immer interessant und eigenartig bis zur letzten Zeile, *. J. J. 13