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Der Jugendbund · 1928-09-01 · 9 (1.9.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
9 (1.9.1928)
Date
1928-09-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Die Thora, die nicht aus dem Geist der Menschen entsprungen, die das Wort Gottes an den Menschen ist, überragte von vornherein so sehr die Kulturstufe ihres Volkes, daß seit den mehr als 3000 Jahren ihres Daseins noch nie das Volk'auf gleicher Höhe mit der vollendeten Kultur der Thora stand. Für die Göttlichkeit und Einzig-Wahrhaftigkeit der Thora zeugt daher nichts so deutlich als der fortgesetzte Abfall und die wiederholten Kämpfe, in denen Kultur der Thora mit Kulturstufe des Volkes stand. Und so überdauert die Thora Generationen der Menschheit und erzieht sie zur Reife des höchsten, in ihr verankerten, von Gott verankerten Menschentums. Deshalb hat die Thora keine Entwicklung, sondern nur das Volk der Thora hat eine Geschichte: die Erziehung zu der von ihr geforderten menschlichen Höhe. Kann nun die Frage noch bestehen: Warum schreitet das Judentum nicht fort mit dem Fortschritt der Völker? usw. usw. Ja, diese Frage wäre recht, wenn die Thora „Religion der Juden" wäre. Diese Fragen aber sind gedankenlos und nichtig, weil eben die Thora einziges, ewiges, überzeitliches Wort Gottes ist. Weil sie nicht die Vorstellung enthält, die die Juden einmal von Gott und ihren Beziehungen zu ihm, und damit von ihren Beziehungen von Mensch zu Mensch, gehabt haben, sondern die sie nach dem Willen des einzig-ewigen Gottes zu allen Zeiten haben sollen. Das ist die Grundlage, auf der sich überhaupt erst jüdisches Denken und Handeln aufbauen kann. Die so wichtige Efkenntnis wird Dir auch die richtige Einstellung zu den jüdischjen Gesetzen, den sogenannten „Formen" geben. Die Formen der Religionen müssen sich wandeln und ändern je nach dem Bedürfnis der Zeit. Sie müssen eben den Gedanken und Vorstellungen des betreffenden Volkes zu der betreffenden Zeit entsprechen. — Aber nach dem, was wir über das Judentum, über die Thora, über die jüdische „Religion", erkannt haben, dürfen und können gar nicht die Formen sich wandeln. Denn Gott will -durch seine Thora Israel zum höchsten Menschentum erziehen. Die Formen sind also „formende" Kräfte, Erziehungsmittel, die in die Wirklichkeit umgesetzten Gedanken Gottes. Es sind aber Gedanken, die der Mensch mit seinem Verstand voti vornherein nicht erfassen kann, zu deren Erkenntnis ihn erst die Uebung führt. Das ist das große, wunderbare Geheimnis, das den jüdischen Pflichtgeboten von den uns wichtig scheinenden bis zu den uns nebensächlich vorkommenden Gesetzen, innewohnt: Daß die bewußte Uebung mit dem Gedanken an Gott dem jüdischen Menschen das jüdische Erlebnis, die jüdische Ueberzeugung und Erkenntnis vermittelt. Und das Wunderbarste: Daß sie dabei indrviduell-schöpferisch sein kann, ja werden soll. Man hört so oft den Vorwurf: Die Gesetzerfüllung sei mechanisch, ohne inneres Erleben. Das Festhalten an der Tradition töte die auf originelle Ausdrucksformen und lebendige, frisch pulsierende Religiosität abzielende persönliche Initiative. Wer so spricht, der beweist, daß er von Religiosität keine Ahnung hat und erst recht nicht die jüdische Religiosität erfaßt hat. Ich will einen Satz aus Berachot 63b anführen, der auf das Problem „traditionelle Bindung und schöpferische Freiheit" Antwort gibt: „Die Thora ist ihren Jüngern an jedem neuen Tage so lieb wie an dem Tage ihrer Offenbarung „auf dem Berge Sinai". Dieser Ausspruch sagt allen Juden und ganz besonders denen, die um ein tiefes Erfassen des Judentums und nach jüdischer Lebensgestaltung ringen, sagt also auch besonders Dir die Lösung: Der Jude soll dahin streben, daß all sein religiöses Handeln stets einer see-lischen Emotion, einem lebendigen inneren Antrieb entspringe. Die Ausübung eines göttlichen Gebots darf nicht ' mechanisches Händewerk sein. Alle Fibern des Herzens, die zartesten Saiten dps Gemüts müssen dabei mitschwingen. Die Mizwah muß durchseelt sein von der ganzen sprühenden Glut religiöser Inbrunst, religiösen Durstes. Ihn gilt es hervorzurufen in der erstarrten Seele des modernen Menschen, der unter der Last einer hochaufgerichteten Phrasenkultur fast erstickt ist und der in der kraftlosen literarischen Schaumblase moderner Religiosität einen Ersatz zu finden wähnt. Schöpferische Freiheit ist also dem Juden gegeben. Aus freiem Willen heraus soll er das Absolute, das Gottgewollte selbst wollen. Und in noch einer Hinsicht ,isi der jüdische Mensch selbstschöpferisch: In der Gestaltung seiner kulturellen Wesensart. Ich will Dir das näher beleuchten. Jedes Zeitalter der jüdischen Geschichte hat in äußerer Hinsicht dasselbe Gepräge jüdisch-religiösen Lebens. Kommst Du heute zum Beispiel in die Synagoge von Kairo, so würdest Du sofort an derselben Gebotserfüllung Deine jüdische Gemeinschaft erkennen, Du bist in Berlin oder magst in Rom sein, in Jerusalem oder Chemnitz. Aber in dieser selben Lebensgestaltung lebt gleichzeitig jede jüdische Generation und lebt jedes jüdische Individuum die gleichen Gebote in seiner besonderen (tiefen oder oberflächlichen) geistigen Eigenart, die durch die stete Verknüpfung mit dem Judentum neue jüdische Werte schafft. Und das ist die bewundernswerte, wahrhaft jüdische Err scheinung im Judentum: Die Entfaltung frei waltender, schöpferischer Kräfte in einem Rahmen strenger Beobachtung des Ueberlieferten. Ein sich stets verjüngendes Schaffen und daneben eine niemals erschlaffende Hut des Altgeheiligten. Es ist die Macht der jüdischen Religiosität, daß sie in der jüdischen Seele als ein lebendiger unversiegbarer Quell dahinströmt, und dies ist die Kraft der Mjzwoth, daß sie diesen Lebensquell vor dem Versickern und vor jeder Trübung bewahren. Diese Gedankengänge führen Dich konsequenterweise zu einer Reihe von Forderungen, die von Dir Erfüllung verlangen. Aber damit bist Du auf dem Wege, den Du suchst und der Dir die Erreichung Deines Zieles bringen wird. Ich weiß, die plötzliche Umstellung, die dies verlangt, ist nicht leicht. Aber mit dem starken Willen, und Jugend muß starken Willen aufbringen, wirst Du in langsam fortschreitender Arbeit dieses Lebensziel erreichen. Dir wird es auch schon deshalb leichter sein, da Du in einem streng religiösen Elternhaus lebst und nun Dich bewußt in das echt jüdische Milieu einleben wirst. Ich will Dir nun mit den wichtigsten Strichen den Weg zeichnen: 1. Nicht Abschüttelung des „Joches" des Schulchan Aruch, sondern bereitwilliges freudiges Aufsichnehmen. Also Lebensgestaltung nach dem jüdischen Lebensgesetz. 2. Kenntnis des jüdischen Schrifttums, der Thora vor allem. Vertiefe Dich in die wuchtigen Prophetenbücher. Lese die Psalmen, die anderen jüdischen Schriften! 3. Suche, in ein echt jüdisches Milieu hereinzukommen, lasse Dich durch etwaige Abstößigkeiten nicht beirren. , 4. Lies moderne jüdische Werke, die Dich über alte unff neue jüdische Fragen in positiv jüdischem Sinne aufklären. Ferner gut jüdische Zeitschriften. Ich werde Dir gerne eine Bücherauswahl angeben, ebenso Dir beim Studium des jüdischen Schrifttums mit Angabe von guten, erläuternden Werken behilflich sein. Das sind die wesentlichsten Punkte, die ich Dir empfehle und die Du, wenn ich Deinen Brief recht verstanden habe, suchst. Die unbedingte Begründung dieser Wegweisungen ist ja mit dem Ausgeführten gegeben. Für Deine Gruppe ergibt sich natürlich damit, wenn sie jüdisch-erzieherisch wirken soll, eine Umstellung der bisherigen Art. Ich hatte in Dresden den Eindruck, daß die meisten von denen, mit denen ich zusammen war, denkende Menschen sind, die eine ähnliche Sehnsucht haben wie Du, die Sehnsucht nach dem Judentum. Ich empfehle Dir deshalb, diesen Brief mit den Junggrupplern zu besprechen. Näherjes über die „Junggruppe als jüdische Erziehungsgemeinschaft" lese, bitte, in meinem Referat nach. (Februar-Nummer des Jugendbundes.) Trachte vor allem, daß ein jüdischer Geist in Eure Gruppen kommt, daß jeder sich durch Eurel Gemeinschaft dem Judentum näher fühlt. Denn das ist die Aufgabe des jüdischen Führers, jüdische Menschen heranzubilden, wahre Juden und damit wahre Menschen. Glaubt mir, dies ist der Weg, — oder gehet diesen Weg und Ihr werdet glauben! Chasak! £ 9

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